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Abschiebung trotz Ausbildung? Die Angst vor dem Zurück

Der Afghane Reza ist seit September 2016 offiziell Azubi bei ITQ.

Reza R. flüchtete 2013 von Afghanistan nach Deutschland. Nach drei Jahren Untätigkeit hat er endlich, was er immer wollte: einen Ausbildungsplatz. Reza ist überglücklich. Bis er einen folgenschweren Brief erhält.

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Reza R. lächelt gequält und schweigt. Er sagt nichts. Reza weiß, was Angst ist. Er erinnert sich nur ungern an dieses Gefühl. Doch plötzlich ist sie wieder da: die Angst vor dem Morgen. Die Angst, dass bald alles vorbei sein könnte. Die Angst, dass alle seine Mühen umsonst waren. Die Angst, dass er zurück muss ins Ungewisse, in ein Land, das nicht seine Heimat ist, nie seine Heimat war.

Aber von vorn: Reza ist Afghane. Er wächst im Krieg auf. Seine früheste Erinnerung ist das Geräusch von Bombenanschlägen. Als seine Familie in den Iran flieht, ist Reza sechs Jahre alt. Sein Geburtsland kennt er nur aus den Nachrichten. Es sind keine guten. „Afghanistan war für mich immer nur Krieg und Elend“, sagt Reza. Als er 2010 im Iran grundlos festgenommen und misshandelt wird, fasst der damals 16-Jährige einen Entschluss. „Ich wollte nur weg, am liebsten nach Europa, in Sicherheit“, erzählt Reza.

Zu ITQ

Nach einem kurzen Aufenthalt in Afghanistan flieht er durch den Iran, die Türkei, Griechenland und über die Balkanroute nach Deutschland. Als er endlich länger an einem Ort bleiben kann, wird ihm klar: „Ich möchte im Leben weiterkommen und am liebsten mit Computern arbeiten“, erzählt der heute 23-Jährige. Deshalb habe er sich Mitte 2016 um ein Praktikum bei dem Garchinger IT-Unternehmen ITQ beworben. Er wurde eingeladen und durfte eine Woche auf Probe arbeiten.

„Hussein and Friends“ als Chance für Unternehmen

„Die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt war uns von Beginn an wichtig“, sagt ITQ-Geschäftsführer Dr. Rainer Stetter. Der 53-Jährige ist studierter und promovierter Ingenieur. Er denkt technisch und löst Probleme gern mit Gleichungen. Eine seiner Lieblingsformeln lautet: „Auf der einen Hand haben wir zu wenig Auszubildende und Fachkräftemangel, auf der anderen Seite kommen unzählige junge Menschen in unserem Land“, sagt Stetter. Das sei ein großer Vorteil für deutsche Unternehmen. ITQ setzte früh auf junge Flüchtlinge als potenzielle Arbeitskräfte. Bereits 2015 habe er begonnen, Kontakt zu Flüchtlingsheimen aufzunehmen. Mittlerweile durften drei Flüchtlinge bei ITQ ihre Fähigkeiten als Auszubildende unter Beweis stellen. Und das lohnt sich – auch für Reza.

(Bild: ITQ)

„Da Sprache und Bildung die Schlüssel zur Integration sind, bieten wir schulunterstützende Praktikumsplätze und Technik-Workshops für Schüler, Jugendliche und auch Flüchtlinge an. Ganz nach dem Motto ‚Integration durch Technik.‘


Bereits am ersten Tag seines Praktikums stand für Reza fest: „Ich will mehr, hier will ich bleiben.“ Der Afghane bewarb sich direkt am nächsten Tag um einen Ausbildungsplatz als Fachinformatiker bei ITQ. Das IT-Unternehmen legte ihm nach der Probe-Woche einen Ausbildungsvertrag vor. „Für mich war das der glücklichste Tag“, sagt Reza. Seit September 2016 ist der Technikenthusiast offiziell ITQ-Azubi.

In dem Software-Unternehmen ist er nicht der einzige Flüchtlings-Azubi. Sein Kumpel Hussein Abdelgani begann mit ihm die Ausbildung. Der 19-Jährige Syrer ist Namensgeber einer ganz besonderen Initiative bei ITQ: „Hussein and Friends“. „Um noch anderen Flüchtlingen den Zugang zu Bildung zu bieten, haben wir das Projekt gestartet", erklärt Stetter. Als Technik-Coaches werben Hussein und Reza, die gemeinsam in einer Wohngemeinschaft leben, in Integrationsklassen und Wohnheimen für technische Ausbildungen. „Unser Ziel ist es, jungen Flüchtlingen gezielt Perspektiven aufzuzeigen“, sagt Stetter. Das sei für Unternehmen eine Chance, den Bewerbermangel für Ausbildungsberufe zu reduzieren.

Für Reza ist ITQ eine Erfolgsstory – wäre da nicht dieser eine Morgen im April 2017. „Alles war wie immer, ich kam von der Arbeit bei ITQ, leerte den Briefkasten und öffnete die Post“, erzählt Reza und stoppt. Seine Augen werden glasig, sein Körper angespannt. Er ringt um Worte. Anis Kossentini, der bei ITQ das Projekt „Hussein and Friends“ koordiniert, muss einspringen. „Plötzlich lag bei Reza der Abschiebebescheid in der Post“, sagt er.

„Soll das alles nichts wert sein?“

Als Reza am nächsten Tag in die Firma kam, ist er nicht wiederzuerkennen. Der aufgeweckte junge Mann ist aufgelöst, fahrig. Der Geschäftsführer reagierte schnell. „Wir haben sofort unseren Anwalt eingeschaltet“, sagt Stetter, und ergänzt: „Das war so nicht abgesprochen.“ Schließlich gilt auch in Bayern die sogenannte 3+2-Regel. Demnach dürfen Asylsuchende nach der bestandenen Berufsintegrationsschule, die Reza ebenso wie Hussein absolvierte, eine Lehre in Deutschland beginnen – und fünf Jahre in Deutschland bleiben.

„Wir zusammen“

„Bei Reza schien das nicht zu gelten“, ärgert sich Stetter. Kossentini ergänzt: „Das ist sehr bitter. Vor allem, weil wir gezeigt haben, dass Integration gelingen kann“. Bei ITQ sind sie dieser Tage wütend. „Die Jungs bringen sich ein und tun alles für diese eine Chance und auf einmal soll das alles nichts mehr wert sein“, sagt Kossentini.

Für Reza ist der Bescheid doppelt unnötig. Dass er sich bemüht und zugleich engagiert, scheint für die Ausländerbehörden nicht zu gelten. Zu allem Überfluss liegt dem Abschiebebescheid ein Formfehler zugrunde. Für Stetter erscheint das absurd: „Das Lächerliche an der ganzen Aktion ist, dass wir trotzdem klagen mussten.“ ITQ und Reza warten nun auf eine Entscheidung.

Am Ende bleiben – zumindest vorerst – nur Verlierer. Das Unternehmen ITQ, Rainer Stetter und Anis Kossentini werden für ihr Engagement eher bestraft als belohnt, die Behörden erscheinen herzlos oder zumindest unbeholfen. Für Reza ist es am schlimmsten: „Jedes Mal, wenn ich die Post hole, fürchte ich mich“, sagt er. Die Angst ist zurückgekehrt. Sie wartet im Hausflur. Reza hat Angst vor dem Briefkasten.

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