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Ärzteversorgung Westfalen-Lippe „Von Rohstoffen und Hedgefonds lassen wir die Finger“

Rendite aus der westfälischen Provinz: Das viertgrößte deutsche Versorgungswerk liebt in Niedrigzinszeiten alternative Anlagen, um attraktive Erträge zu erzielen. Dafür ist viel Mut nötig.

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Mut ist nötig, um bei Tiefzinsen attraktive Erträge zu erzielen. Quelle: Magictorch /Ikon Images/F1online

Frankfurt Fahrrad fahren, Kaffee trinken, Eis essen. Gibt es eine deutsche Stadt, in der solche Aktivitäten bereits die spektakulärsten Freizeitaktivitäten beschreiben? Metropolenfans mögen an das westfälische Münster denken. Aber kann man im beschaulichen 300.000-Seelen-Ort auch über zwölf Milliarden Euro an Kapital verwalten, so fernab aller Finanzzentren?

Man kann. Christian Mosel macht genau das. Erst vor kurzem ist er mit Frau und 16-jähriger Tochter von Frankfurt in die neue Heimat gezogen. Hier wirkt der Geldexperte als Hauptgeschäftsführer der Ärzteversorgung Westfalen-Lippe. Mosel und sein Mitstreiter Markus Altenhoff sorgen beim viertgrößten deutschen Versorgungswerk mit ihren Anlageentscheidungen für den Lebensabend der rund 60.000 Einzahler und Rentner vor.

„Wir sind sehr auf vier Prozent fixiert“, sagt der 54-Jährige und meint damit die anvisierte jährliche Mindestrendite. Bisher hat das geklappt - vom Krisenjahr 2008 einmal abgesehen. „Auch in diesem Jahr werden wir drüber liegen“, ergänzt der erfahrene Finanzmann, der seit Jahrzehnten im Geldmanagement aktiv ist, zuletzt bei der Bank J. Safra Sarasin und vorher bei der Commerzbank. Er bestimmt jetzt die Leitlinien der Anlagepolitik bei der Ärzteversorgung, beschäftigt 17 Vermögensverwalter für Wertpapiere und sieben für Immobilien. Mut ist nötig, um bei Tiefzinsen attraktive Erträge zu erzielen. In den vergangenen zehn Jahren hat das Versorgungswerk daher die alternativen Anlagen, Infrastrukturinvestments, Immobilien stark ausgeweitet, auch Dollar-Werte zugekauft.

„Um die Jahrtausendwende hatten wir vielleicht zwei Drittel des Geldes in Zinspapieren, das war damals das Brot-und-Butter-Geschäft“, erinnert sich Mosel. Der gebürtige Göttinger sinniert über die vielzitierte gute, alte Zeit. Ihm kommt das Wort Frühstücksdirektor in den Sinn. Damit waren Entscheidungsträger gemeint, die bei der Anlagepolitik kaum gefordert waren, denn hohe Zinsen spielten die nötigen Renditen praktisch automatisch ins Haus.

Noch vor zehn Jahren steckte mehr als ein Viertel des Kapitals in Bundesanleihen und Pfandbriefen. „Diese Bestände gehen heute in Richtung null“, sagt Mosel. Zwar entfällt über ein Drittel des Geldes auf den Anleihebereich. Aber dahinter stecken andere Investments als früher. Es sind fast durchweg Namensschuldverschreibungen zur Finanzierung von Infrastrukturprojekten. „Wir reden über Flugzeuge, Schiffe, Stromleitungen, Windkraftanlagen.“

Das sind komplexe Anlagen mit langen Bindungszeiten. Auf dieser Liste stehen auch größere Bestände an Private Equity, also außerbörsliche Beteiligungen. „Wir haben solche Dinge früh vorangetrieben“, unterstreicht er. Der Experte nennt Beispiele auch von Nischenmärkten: Parkhäuser, Pflegeheime und sogar Kavernen, also die Finanzierung unterirdischer Lager für Gas und Öl. Was Mosel zu der Bemerkung veranlasst: „Wir sind über und unter Tage aktiv.“

Wenn der Stratege ein Vorbild hat, dann sind es die Investment-Fachleute von den Stiftungen der US-Unis Harvard und Yale. Die stellten bei ihren Investments schon vor langer Zeit die Weichen in Richtung alternativer Anlagen. Allerdings ziehen die Münsteraner ihre Grenzen. „Von Rohstoffen und Hedgefonds lassen wir die Finger, das ist eine Grundsatzentscheidung“, sagt Mosel.


Firmentitel statt Staatsanleihen

Angst vor einem großen Unfall im Finanzsystem oder gar einem Crash plagen die Strategen nicht. Sie vertrauen auf stille Reserven, die Streuung der Anlagen und automatische Absicherungen bei Börsentumulten. Eine Gefahr sieht Mosel dennoch: „Ein starker Zinsanstieg würde uns schon belasten.“ Und dann gebe es noch das Wiederanlageproblem bei den auslaufenden Anleihen mit hohen Zinsen aus früheren Zeiten: „Ein heikler Punkt für alle Investoren.“

Das Verhältnis zu Mario Draghi ist gespalten. „Für uns war seine Politik gut“, sagt Mosel. Tiefe Zinsen schoben die Preise fast aller Vermögensanlagen nach oben. Es gebe zwar noch gut verzinste Staatsanleihen in Europa, doch die taugten nichts, wie er es formuliert. Deshalb sind fast alle Anleihen im Bestand Firmentitel. Damit fühlt er sich besser aufgehoben. „Doch fairerweise muss man sagen, dass es auch eine andere Seite der Medaille gibt“, ergänzt er. Manche Privatleute könnten das nicht nutzen: „Die stehen einfach mit den tiefen Zinsen da.“

Mosel hat seine neue Stellung erst in diesem Jahr angetreten. Vorher arbeitete er die meiste Zeit in Frankfurt. Der Weg ins Finanzgeschäft war früh vorgezeichnet. „Wir sind gerade nach Münster umgezogen, und dabei habe ich meine alte Bewerbung für eine Banklehre bei der Dresdner Bank gefunden - das war vor 35 Jahren“, sagt der Neu-Münsteraner. Fremd fühlt er sich nach langem Aufenthalt in der Geldmetropole Frankfurt nicht. Er ist Niedersachse, seine Frau kommt aus Schleswig-Holstein. „Das Bedächtigere ist uns nicht fremd“, meint er.

Frankfurt sei ja manchmal auch ein bisschen überdreht. Die Menschen in Münster beschreibt er als zurückhaltender. Im Straßenbild spiegele sich „gehobener bürgerlicher Wohlstand“, natürlich mit weniger Ferraris auf der Straße, wie er leicht ironisch mit einem Seitenblick auf Frankfurt anhängt.

Überhaupt kommt seine neue Heimat Münster in der Darstellung gut weg. Er vergisst nicht zu erwähnen, dass die Uni Leben in das Örtchen bringt, Kleinkunst und Wissenschaft stärker gefördert werden sollen.

Ein breitentaugliches Thema beschäftigt ihn allerdings häufiger. Es geht um Fußball, auch unter Medizinern beliebt. Im geografischen Einzugsbereich der Ärzteversorgung liegen gleich drei emotionale Hochburgen des deutschen Kickerlebens: Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen. „Der BVB ist der Liebling hier in der Stadt, und natürlich Preußen Münster“, verrät Mosel. Sein Tipp für das Spiel Dortmund gegen Hannover 96 am Wochenende: 4:1 für Dortmund.

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