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Alternative zur LSE-Fusion Deutsche Börse verhandelte auch mit MSCI

Der Börsenbetreiber hat vor zwei Jahren auch eine Fusion mit dem US-Konzern MSCI ausgelotet. Im Insider-Verfahren gegen Vorstandschef Kengeter ist das ein entlastendes Argument. Bald fällt eine wichtige Entscheidung.

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Nun wurden weitere Details über die gescheiterten Fusionspläne bekannt. Quelle: dpa

Die Deutsche Börse hat vor zwei Jahren nicht nur mit der London Stock Exchange (LSE) über eine Fusion verhandelt, sondern auch Deals mit anderen Finanzkonzernen geprüft. Das Unternehmen habe 2015 und 2016 einen Zusammenschluss mit dem US-Finanzdienstleister MSCI ausgelotet, sagten mehrere mit dem Vorgang vertraute Personen dem Handelsblatt. Die Verhandlungen, die unter dem Codenamen „Moon“ geführt wurden, seien erst im Februar 2016 beendet worden, als die Nachrichtenagentur Reuters die Fusionsverhandlungen mit der LSE öffentlich machte, sagte einer der Insider. Die Deutsche Börse und MSCI wollten sich dazu nicht äußern.
Über die Gespräche mit MSCI hatte zuerst die „Wirtschaftswoche“ berichtet. MSCI-Chef Henry Fernandez sei nach dem Bekanntwerden der LSE-Gespräche empört gewesen über das doppelte Spiel der Deutschen Börse, schreibt das Magazin unter Berufung auf den Entwurf eines Gutachtens der Kanzlei Linklaters, die für die Deutsche Börse arbeitet.

Dem Entwurf zufolge führte Kengeter von Oktober 2015 bis September 2016 auch Gespräche mit den Chefs der New York Stock Exchange, der US-Technologiebörse Nasdaq und der Singapore Exchange. Laut „Wirtschaftswoche“ wurde auch eine Kooperation mit der Chicago Mercantile Exchange (CME) erwogen.

Die Fusionsverhandlungen mit MSCI sind ein entlastendes Argument im Insider-Verfahren gegen Kengeter. Der langjährige Investmentbanker hatte sich am 14. Dezember 2015 im Rahmen eines Vergütungsprogramms mit Börsenaktien eingedeckt – rund zwei Monate vor dem Bekanntwerden der LSE-Fusionspläne. Der Staatsanwalt geht davon aus, dass Kengter die LSE-Fusion schon 2015 vorangetrieben hat, und wirft ihm deshalb Insider-Handel vor. Der Börsen-Chef hat die Vorwürfe zurückgewiesen.

Die Deutsche Börse argumentiert in dem Insider-Verfahren Aufsichtskreisen zufolge, dass zum Zeitpunkt von Kengeters Aktienkauf noch nicht absehbar war, dass es am Ende tatsächlich zu einem Deal mit der LSE kommt. Viele kritische Punkte seien damals noch offengewesen, zudem seien auch noch andere Alternativen weiterverfolgt worden – beispielsweise die Fusion mit MSCI. Am 17. Dezember 2015, also drei Tage nach Kengeters Aktienkauf, hat die Investmentbank Perella Weinberg Aufsichtsratschef Joachim Faber Insidern zufolge noch Modellrechnungen für strategische Optionen mit vier potenziellen Partnern präsentiert.

Den Staatsanwalt und die Aufsichtsbehörden haben die Argumenten der Deutschen Börse allerdings nicht vollends überzeugt. Der Staatsanwalt bot Kengeter im Herbst jedoch an, dass Verfahren gegen ihn gegen eine Geldauflage von 500.000 Euro einzustellen – nach Paragraf 153a der Strafprozessordnung. Er sieht nur ein geringes Verschulden Kengeters und deshalb kein Verfolgungsinteresse, wie mehrere mit dem Fall vertraute Personen sagten. Kengeter stimmte dem Deal zu.

Doch die Finanzaufsicht Bafin ging dagegen auf die Barrikaden. Sie ist Aufsichtskreisen zufolge der Ansicht, dass der Fall weiterverfolgt werden solle und dass die angedachte Geldauflage zu niedrig sei. Die Bonner Behörde habe dies auch in einer Stellungnahme an das zuständige Amtsgericht Frankfurt deutlich gemacht.
Doch die Staatsanwaltschaft sieht keinen Anlass, den angedachten Vergleich nach der Kritik der Bafin noch einmal zu überarbeiten. „Die Staatsanwaltschaft hat ihren Vorschlag nicht abgeändert“, sagte einer Sprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft dem Handelsblatt. Die zuständige Richterin werde nun prüfen, ob sie dem Vergleich zustimme, sagte ein Sprecher des Amtsgerichts Frankfurt. „Fristen gibt es nicht. Aber ich rechne relativ zeitnah mit einer Entscheidung.“

Doch selbst wenn der Deal durchgeht, wäre Kengeter noch nicht aus dem Schneider. Denn im Anschluss wollen die Bafin und die hessische Börsenaufsicht in separaten Verfahren seine Eignung als Vorstandschef prüfen. Aufsichtskreisen zufolge gibt es in den Fachabteilungen beider Behörden Zweifel an Kengeters Zuverlässigkeit. Und der Aufsichtsrat der Deutschen Börse will sich mit einer Verlängerung von Kengeters Vertrag, der Ende März ausläuft, erst nach einem positiven Votum der Aufsichtsbehörden befassen.

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