Analyse Warum sich die deutsche Solarbranche neu erfinden muss

Während der einstige Branchenführer Solarworld zum wiederholten Mal pleitegeht, steht die deutsche Photovoltaikindustrie am Scheideweg.

Die übriggebliebenen Photovoltaik-Konzerne müssen ihr Geschäftsmodell radikal umstellen, sonst werden sie untergehen. Quelle: dpa

DüsseldorfNachdem Solarworld zum zweiten Mal Insolvenz angemeldet hat, wird vielfach die Frage gestellt, wie ein Konzern in einer „hoch subventionierten Branche“ überhaupt in die Pleite rutschen konnte. Dabei ist der ehemalige Solarriese längst nicht der einzige Photovoltaik-Konzern, der den Gang zum Amtsgericht antreten musste.

Von einst 16 börsennotierten deutschen Unternehmen, die in der Solarindustrie tätig waren, blieb gerade einmal dreien der Konkurs erspart. Die deutsche Solarbranche muss sich neu erfinden.

Nach Jahren der Krise ist eines überdeutlich geworden: Den Wettlauf um die Produktion haben deutsche Photovoltaik-Konzerne gegen chinesische Firmen verloren. Die übriggebliebenen Konzerne müssen ihr Geschäftsmodell radikal umstellen, sonst werden auch sie untergehen. Solarproduzenten wie der Wechselrichterhersteller SMA Solar oder der Modulproduzent Solarwatt haben genau das erkannt. Jetzt hoffen sie auf den Solarboom 2.0 - Geld verdienen sie damit aber noch nicht.

Während Solarenergie in den vergangenen Jahren weltweit boomte, implodierte zeitgleich der deutsche Markt. Ausgerechnet im Geburtsland der Energiewende brach der Zubau an Solaranlagen drastisch ein. Arbeiteten in der Blütezeit der heimischen Photovoltaikindustrie um das Jahr 2010 noch über 133.000 Menschen in der Branche, waren es 2016 nach Berechnungen des Bundesverbands Solarwirtschaft gerade noch etwas über 30.000. Seit dem vergangenen Jahr erholt sich die Branche, wenn auch langsam.

Nach einer radikalen Schrumpfkur ist der Markt zwar auf ein Fünftel seiner einstigen Größe abgeschmolzen, wächst aber auf diesem niedrigen Niveau zumindest wieder um rund vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Bundesverband Solarwirtschaft rechnet für die nächsten Jahre sogar mit zweistelligen Wachstumsraten.

Auch Experten wie Götz Fischbeck, Geschäftsführer von Smart Solar Consulting sehen einen Lichtblick im Reich der Sonnenfinsternis, geben aber noch keine Entwarnung. „Man darf davon ausgehen, dass das Geschäft in Europa wieder anzieht. Aber das macht immer noch weniger als 15 Prozent vom Weltmarkt aus“, sagt der Energieexperte. „Der Markt wächst, aber Geld verdienen ist weiterhin schwierig“.

SMA Solar hat unter seinem CEO Pierre-Pascal Urbon zähe Jahre durchlebt und starke Einschnitte machen müssen. Seit drei Jahren schreibt das Unternehmen allerdings wieder Gewinne. Der Jahresumsatz liegt bei 891 Millionen Euro, hauptsächlich getragen von Serviceleistungen. Aber das wesentliche Segment, die Herstellung von Wechselrichtern, bringt wegen immer weiter sinkenden Preisen kein Geld mehr ein. SMA bricht das Kerngeschäft weg.

„Mit Hardware lässt sich eben nicht mehr ausreichend Geld verdienen“, erklärt Solarexperte Fischbeck. Und auch Urbon selbst muss zugeben, dass es mittelfristig keine Rückkehr zu den hohen Margen von vor fünf Jahren geben wird. Schuld daran sind laut dem einstigen „Sonnenkönig“ der Branche, Solarworld-Chef Frank Asbeck, Billigproduzenten aus China.

Seitdem die üppigen Subventionen massiv gekürzt wurden, herrscht auch auf dem deutschen Solarmarkt ein harter Preiskampf. Infolgedessen sind die Kosten zuletzt dramatisch gefallen. Schon heute ist die Sonne in manchen Regionen der Welt die günstigste Stromquelle, laut einer aktuellen Studie des ISE-Fraunhofer Instituts, auch in Deutschland.

Solarworld und der Verband europäischer Solarhersteller EU ProSun, sprechen sogar von staatlich gefördertem Preisdumping. Den Fall des einstigen Marktführers sehen viele Kritiker als Symbol für eine fehlgeleitete Politik in Sachen Energiewende an. Zwar gelten EU-weit Mindestpreise. Sie würden aber bei mehr als der Hälfte der Importe unterlaufen, sagte ein EU-ProSun-Sprecher. Zudem plane die EU, die Anti-Dumpingmaßnahmen im September auslaufen zu lassen. Verlierer seien die deutschen Solarfirmen.

ach nur acht Monaten musste die Solarworld Industries GmbH, die Nachfolgefirma der Solarworld AG, ebenfalls Insolvenz anmelden. Dabei hatte sich Asbeck im August vergangenen Jahres noch als großer Retter inszeniert. Fast 500 der einstmals 1.800 Jobs in den beiden deutschen Modulfabriken von Solarworld im thüringischen Arnstadt und im sächsischen Freiberg wollte er erhalten.

Aufgeben will er sie auch jetzt nicht. Ziel sei es, das operative Geschäft aufrechtzuerhalten und eine Lösung für die Zukunft zu finden, gab der vorläufige Insolvenzverwalter Christoph Niering laut Mitteilung nach den ersten Mitgliederversammlungen bekannt.


Branche fokussiert sich auf smarte Systemlösungen

Viele messen einer möglichen zweiten Pleite des ehemals größten deutschen Solarkonzerns immense Bedeutung für die Zukunft der gesamten Branche bei. SMA-Chef Urbon distanziert sich deutlich von Asbecks Forderungen. „Jeder muss seine eigenen Entscheidungen ständig hinterfragen“, sagt Urbon dem Handelsblatt.

Der Wettbewerb gehöre aber eben zum Geschäft dazu. „Er muss fair sein, aber am Ende des Tages führt Wettbewerb zu einer besseren Leistung“, sagt der 47-Jährige. Jegliche Art von Zöllen oder Handelsbeschränkungen lehnt der studierte Betriebswirt ab. Auch wenn die seit Jahresbeginn geltenden US-Importzölle auf Solarprodukte das Kasseler Unternehmen im vergangenen Jahr die Hälfte seines Umsatzes in den Vereinigten Staaten gekostet haben.

Dass der Verkauf von Wechselrichtern sein Unternehmen langfristig nicht in den schwarzen Zahlen hält, hat Urbon längst erkannt. Wechselrichter soll SMA trotzdem weiter produzieren, zum Wachstumsbringer aber sollen die datengetriebenen Geschäftsmodelle werden. „Damit sind dann auch wieder höhere Margen möglich“, sagt Urbon dem Handelsblatt.

Ganzheitliche Systemlösungen sollen die Zukunft für den Konzern aus Niestetal sichern. Konkret will SMA künftig Energieflüsse automatisch steuern und den Strom-, Wärme- und Mobilitätssektor intelligent miteinander verknüpfen. So sollen zum Beispiel Supermärkte, Hotels oder Krankenhäuser mit Solaranlagen, Wechselrichtern und einem Energiemanagementsystem ausgestattet werden, um eine Komplettlösung aus einer Hand anbieten zu können.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt der Dresdner Solarmodulhersteller Solarwatt. Chef Detlef Neuhaus musste in den vergangenen Jahren viele Rückschläge einstecken. 2012 überwand er mit Solarwatt eine Insolvenz. Er trotzte dem anschließenden Kollaps des deutschen Solarmarktes und glaubt nach sechs Jahren mit Verlusten fester denn je an die Trendwende.

„Solarwatt ist ein gutes Beispiel dafür, dass man sich neu erfinden muss,“ attestiert Solarexperte Fischbeck. Er hält die Neuausrichtung von Konzernen wie SMA und Solarwatt für den einzig richtigen Schritt und ist der Meinung, dass die „etablierten Geschäftsmodelle der letzten 10 bis 15 Jahre keinen Bestand mehr haben werden.“

Carsten Körnig, Geschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft, ist überzeugt, dass die Solarbranche hierzulande auch ohne Solarworld bestehen bleibt. „Deutschland verfügt weiterhin über erfolgreiche Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, vom Rohstoff Silizium über den Maschinen- und Anlagenbau über die Systemtechnik bis hin zu den Batteriespeichern“, erklärt Körnig. Die Nachfrage „zeigt wieder nach oben“. So optimistisch wie jetzt seien die heimischen Solarunternehmen zuletzt Anfang 2010 gewesen.

Statt zu versuchen, die asiatische Konkurrenz bei der Produktion von austauschbarer Massenware zu schlagen, fokussiert sich die deutsche Solarbranche langsam aber sicher lieber auf smarte Systemlösungen. Eine Strategie, die aufgehen könnte.

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