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Analyse: Zwei Jahre Finanzkrise Wo Vermögen noch sicher ist

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Aktien: Zykliker statt Defensivklassiker

Parallel abgestürzt

Wer dachte, der Schock sitze so tief, dass er einen Lernprozess auslöst, wird derzeit eines Besseren belehrt. Investoren kaufen seit Monaten vor allem Aktien besonders krisenanfälliger Unternehmen, etwa aus der Banken-, Maschinenbau- und Stahlbranche – obwohl die Konjunktur derzeit allenfalls Anlass zu der leisen Hoffnung gibt, dass sich das Geschäft auf sehr niedrigem Niveau stabilisiert.

„Die Rally seit Anfang März folgt exakt dem gleichen Muster wie die Erholung im Frühjahr 2003: Am stärksten steigen nicht etwa Qualitätstitel mit soliden Bilanzen oder hohen Cash-Flows und Dividenden, sondern Aktien minderer Qualität oder mit fragwürdigen Wachstumsaussichten“, sagt Eberhard Weinberger, Vorstand bei der Fondsgesellschaft DJE Kapital. „Viele Anleger haben noch das Muster der letzten Rally im Kopf. 2003 gab es eine v-förmige Erholung, man musste die zuvor arg geprügelten Zykliker und Banken früh im Portfolio haben, um zu den Gewinnern zu gehören.“

Die Liste der Überflieger im Dax besteht derzeit aus exakt jenen Unternehmen, die seit Herbst 2008 für die schlimmsten Hiobsbotschaften sorgen: Deutsche Bank und Commerzbank, Salzgitter und MAN. „An guten Tagen machen wir derzeit mehr als 80 Prozent unserer Umsätze mit den Aktien der Commerzbank und der Deutschen Bank“, sagt ein Aktienhändler eines großen deutschen Instituts.

Und die Defensivklassiker, die Soliden, auf die man gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten setzen soll? Sie hinken dem Dax weit hinterher. Und das, obwohl sie nachweislich weniger stark unter der Krise leiden als Zykliker und Banken. Die Aktien der Versorger RWE und E.On etwa – ein stabileres Geschäft als der Verkauf von Wasser, Gas und Strom ist kaum vorstellbar – verloren auf Jahressicht bis zu 20 Prozentpunkte mehr als der Index.

Dass Menschen in Krisenzeiten mindestens so viel telefonieren und im Internet surfen wie in normalen, nutzte den leidgeprüften Aktionären der Deutschen Telekom überhaupt nichts: Minus 25 Prozent in den letzten sechs Monaten machten das Papier erneut zu einem der schlechtesten im Dax. Nicht einmal die hohe Dividendenrendite von bis zu 9,9 Prozent konnte dem Defensivpapier Auftrieb verleihen.

Risiko weiterer Rüsckläge enorm

Durch die von riskanten Aktien getriebene Erholung läuft die Börse der wirtschaftlichen Realität dieses Mal besonders weit voraus. Das Risiko weiterer Rückschläge ist deshalb enorm – und es hat in den letzten Wochen kontinuierlich zugenommen. Ein Blick auf den Dax und den ifo-Geschäftsklimaindex  zeigt, dass die Börse fast exakt den Konjunkturerwartungen folgt, während der Ist-Zustand nach wie vor dramatisch schlecht ist. Das ist normal – nur sollte die Phase, in der allein Hoffnungen die Kurse treiben, nicht zu lange dauern. Sie hält aber schon über vier Monate an.

Fundamental gibt es nach wie vor kaum einen Grund, schon jetzt Bank-, Stahl- oder Maschinenbau-Aktien zu kaufen: Kapazitätsauslastung und Auftragseingänge sind um bis zu 50 Prozent eingebrochen. Zwar signalisieren die letzten Daten zu Auftragseingängen und Industrieproduktion in Deutschland eine Erholung, doch die kommt von einem rekordtiefen Niveau. Zudem sind Aktien nach ihrer Erholung seit März inzwischen alles andere als günstig.

Doch Deutschlands Privatanleger, so weit sie überhaupt noch in Aktien investieren, bleiben in der aktuellen Krise ihrem altbekannten Verhaltensmuster treu: Sie steigen immer dann wieder ein, wenn die Börse schon eine Weile gut gelaufen ist; wenn die Kurse hingegen eine Zeitlang gefallen sind, ziehen sie ihr Geld ab.

Auch bei professionellen Anlegern haben die alten Muster überlebt. „Das Anlageverhalten der großen institutionellen Investoren wie Versicherungen, Fonds oder Pensionskassen ändert sich nicht so grundlegend in zwei Jahren“, sagt Gianni Hirschmüller, Direktor bei Cognitrend, einem auf verhaltensorientierte Finanzmarktanalyse spezialisierten Researchhaus. „Ein echtes Umdenken hat die Finanzkrise bisher nicht bewirkt; die Baisse 2002 war für die meisten Investoren viel einschneidender; damals haben zum Beispiel die Versicherungen ihre Aktienquoten sehr viel drastischer gesenkt als 2008“, so Hirschmüller.

Dass auch Profis wieder auf Verdacht ins Risiko gehen, erklärt sich zum größten Teil aus dem Herdentrieb. „Fondsmanager beäugen sich in erster Linie untereinander, sie sind Getriebene der Benchmark, der Aktienmarkt-Messlatte, an der sich alle orientieren“, sagt Gerald Blank, ein früherer Top-Banker, der nun für reiche Privatleute arbeitet. „Wenn alle Geld verlieren und ich auch, dann ist das bei Weitem nicht so schlimm, als dem Markt hinterherzulaufen.“

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