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Anklage im UBS-Skandal Die Zockerbande

Jung, smart und kriminell - das Profil der Händler, die UBS und andere um Milliarden gebracht haben, ist immer das gleiche. Kein Wunder meinen Wirtschaftsethiker. Der Job ist beinhart. Die wenigsten beherrschen ihn.

Händler bei der Arbeit. Quelle: handelsblatt.com

31 Jahre ist jener Mann alt, der die UBS und ihre Aktionäre mal eben ein paar Milliarden geprellt hat. Die Polizei der City of London hat am Freitag Anklage gegen den inhaftierten Kweku Adoboli erhoben. Ihm werde Betrug zum Nachteil der Bank in Höhe von 1,3 Milliarden britischen Pfund (rund 1,5 Milliarden Euro) vorgeworfen. In Deutschland beenden manche in Adobolis Alter erst ihr Studium. In der Finanzbranche ist er nun schon mindestens der dritte erstaunlich junge Mensch, der einen Milliardenschaden anrichtet.

Der größte bekannte Zocker aller Zeiten, der Société-Générale-Händler Jérôme Kerviel, hatte gerade vor acht Tagen seinen 31. Geburtstag gefeiert, als er am 19. Januar 2008 ertappt wurde. Kerviel hatte offene Positionen von über 50 Milliarden in seinen Büchern. Ohne Erlaubnis hatte er die Börsenwetten abgeschlossen, die der französischen Großbank einen Verlust von 4,9 Milliarden Euro einbrockten und Société-Générale-Chef Daniel Bouton den Job kosteten.

Das Musterbeispiel für einen kriminellen Händler, Nick Leeson, war sogar ein erst 27-jähriger Heißsporn, als er mit Betrügereien an der Börse in Singapur etwa 825 Millionen britische Pfund Verlust gemacht hatte und damit die älteste britische Handelsbank Barings, bei der sogar die Queen Kundin war, 1995 in die Pleite trieb.

Das zarte Alter der drei Zocker relativiert Hartmut Kliemt. „Mit 31 Jahren liegt man in etwa im Durchschnitt. Diese Händler müssen extrem belastbar sein und das ist man in der Form nur in jungen Jahren“, sagt der Professor für Legal Studies & Ethics an der Frankfurt School of Finance and Management im Gespräch mit Handelsblatt Online. Dass derartige Fälle möglich sind, liegt laut dem Fachmann für Philosophie und Ökonomik daran, „dass in Zeiten des schnellen Handels das Vier-Augen-Prinzip nur noch bedingt angewendet werden kann“.

Die Jugend begünstigt nach Kliemts Ansicht derartige Taten: „Häufig ist das Bewusstsein für die eigenen Schwächen noch nicht voll entwickelt.“ Junge Menschen überschätzten ihre eigenen Fähigkeiten zur Selbstkontrolle. „Auch sind sie für den Erwartungsdruck ihrer Umwelt empfänglicher. Soweit diese Erfolg über Vorsicht stellt, wird es gefährlich.“ Dagegen müssten feste, innere Werte stehen und die Oberhand behalten.

Kweku Adoboli lebte in Laufentfernung zur Londoner City im angesagten Stadtteil Shoreditch, wo er bis vor kurzem in einer von Augenzeugen als „ziemlich aufgemotzt“ beschriebenen Loft für eine Wochenmiete von 1140 Euro logierte. Der inzwischen verhaftete Mann ist Brite und hat ghanaische Wurzeln. Er fotografiert gerne, schätzt schicke Restaurants, argentinische Weine und afrikanische Musik, beispielsweise vom nigerianischen Saxofisten Fela Kuti. Er war auf einer Privatschule. Für die UBS ist der studierte Computerwissenschaftler schon seit 2006 aktiv. Kollegen und Bekannten charakterisieren ihn als „hart arbeitend“ und „geradlinig mit hoher Integrität", einer auf dem Kurznachrichtendienst Twitter sogar als „Supertyp“.

Der erste Schritt ist oft harmlos

Den Turbulenzen an den Finanzmärkten, die er im sozialen Netzwerk Facebook vor wenigen Wochen als „schlimme Geschichte“ bezeichnete, haben ihn offensichtlich überfordert. Deshalb schlug er im Netz vor: „Können wir die globalen Märkte eine Woche zumachen, damit sich alle wieder beruhigen?“. Der letzte – vergebliche – Wunsch auf seiner Facebook-Seite lautete vor zehn Tagen: „Brauche ein Wunder.“

Wie Adoboli war der Franzose Jérôme Kerviel ein Delta-One-Trader, arbeitete also in einer Spezialabteilung, in der die Banken das schnell wachsende Eigenhandelsgeschäft mit bestimmten Derivaten bündeln. Kerviels Aufgabe war es, kleine Preisunterschiede an verschiedenen Marktplätzen zu nutzen, um Gewinne zu erwirtschaften. Die gewaltigen Verluste, die er verursachte, entstanden, weil er sich nicht mit Gegengeschäftenn absicherte. Das lässt auf nichts anderes schließen, als auf eine Zockermentalität.

Er stammt aus bescheidenen Verhältnissen, seine Mutter besitzt in der Bretagne einen Friseursalon. Was ihn zu seinem Handeln verleitet hat, weiß bis heute niemand ganz genau. Am Ende des Prozesses war der Richter, der ihn im Oktober 2010 zu fünf Jahren Haft verurteilte, genauso schlau wie zu Anfang. Die Frage: „Wer sind Sie also, Herr Kerviel?“ konnte niemand wirklich beantworten.

Sein Ex-Chef Bouton sah ihn als „Terroristen“. Doch vermutlich reichten Kerviel die Routinegeschäfte einfach nicht aus, er wollte mehr. Er selbst sah sich als Opfer des Systems und betonte immer wieder die Mitschuld der Bank. Mit dieser Einschätzung stand er nicht allein da: Während des Prozesses war immer wieder die Kritik laut geworden, weshalb die Bank ihrer Aufsichtspflicht für den Händler nicht nachgekommen sei.

Denn der erste Schritt ist bei solchen Vergehen oft ein ganz harmloser und schnell passiert, sagt Hartmut Kliemt, „manchmal ein Gefallen für einen Kollegen, mal ein wenig Geltungssucht“. Und daraus entwickele sich eine innere Logik, in der eine Entscheidung automatisch zur nächsten führe. „Die jungen Leute geraten so schnell auf die schiefe Bahn.“ Nur übertriebenen Ehrgeiz oder pure Gier als Ursachen zu sehen, würde für den Professor viel zu kurz greifen.

Der Vergleich mit Barings

An Nick Leeson erinnern sich Finanzwelt und Medien Jedes Mal aufs Neue, wenn es um kriminelle Händler, um finstere Machenschaften geht, bei denen Milliarden vernichtet werden. Zwar musste der Brite nach seiner Verurteilung Ende 1995 seinen vornehmen Lebensstil hinter Gittern aufgeben, sein Geschäftssinn blieb ihm aber erhalten. Noch während seiner Haftzeit brachte er eine Autobiografie unter dem Titel „Rogue Trader“ heraus. Das Buch wurde 1999 auch verfilmt. Zu erzählen hat der Mann aus Watford viel, der in Singapur auf die schiefe Bahn geriet. Die Polizei jagte den Händler um den halben Globus, bevor sie ihn am 2. März 1995 am Frankfurter Flughafen verhaftete.

Vor der Pleite von Barings galt Leeson als brillanter Kopf. Mit 21 Jahren schickte ihn Barings, das 1762 von den Bremer Brüdern Baring gegründet worden war, nach Singapur. Das war 1992. In Singapur steigt er rasch zum Star der Bank auf. Mit riskanten Millionengeschäften verdiente er an den Terminmärkten teilweise zehn Prozent der Jahreseinnahmen der Bank. Die Risiken sehen seine Vorgesetzten nicht.

Die Probleme beginnen, als die Wetten plötzlich nicht mehr aufgehen. Er versteckt die Verluste in den Büchern und versucht mit immer riskanteren Strategien, das Geld wieder hereinzuholen. Doch das Glück hat ihn verlassen. „Es tut mir leid“, schreibt Leeson auf einen Zettel, bevor er auf die Flucht geht. Das war damals. Heute ist der nach seiner Begnadigung füllig gewordene Leeson ein gefragter Dinner-Speaker. In launigen Worten erklärt er, wie Kriminelle wie er zu stoppen sind.

Eine ähnliche Zukunft könnten auch Jérôme Kerviel und Kweku Adoboli vor sich haben. Kerviel hat ebenfalls schon eine Autobiografie vorgelegt, Titel: „Nur ein Rad im Getriebe: Memoiren eines Traders“. Spätestens in gut zwei Jahren kommt er auf freien Fuß, denn zwei Jahre seiner Haftstrafe sind zur Bewährung ausgesetzt. Vielleicht aber schon früher, denn Anfang Oktober soll der Termin für den Berufungsprozess festgelegt werden. Adoboli wird sich wohl noch etwas länger gedulden müssen, ihm drohen mehrere Jahre im Gefängnis.

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