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Anlagestrategie Aktien, Anleihen, Gold - Worauf Profis jetzt setzen

Was jetzt bei Aktien, Anleihen und Gold noch an Gewinnen drin ist, warum große Investoren vor allem Papiere kaufen, aus denen sie schnell wieder aussteigen können.

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Aktienhändler Philipp Wolk Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche

Philipp Wolk wird fürs Bluffen bezahlt. Heute pokert er besonders hoch. Der Händler des Frankfurter Nebenwertespezialisten Lupus alpha soll Aktien eines kleineren Technologieunternehmens kaufen: „Wir machen ein bisschen“, sagt er zum Broker am anderen Ende der Telefonleitung. Ob er „ein bisschen“ definieren könne, bittet der.

Wolk zögert.

Ein schneller Blick auf den Bildschirm der Nachrichtenagentur Bloomberg: Zahlenkolonnen, Chartverläufe, Handelsumsätze. Die Aktie wird eher selten gehandelt, ist „wenig liquide“, wie die Profis sagen. Wolk soll 400.000 Stück kaufen, glatt doppelt so viel, wie am Vortag von allen Marktteilnehmern zusammen umgesetzt wurden. „Wir brauchen nur 100.000 Stück“, sagt er dem Broker – er kann seine Karten unmöglich zeigen. "Offenbare ich dem Markt den kompletten Auftrag, schicke ich den Kurs auf einen Schlag nach oben", sagt Wolk.

Ulrich Katz könnte das so schnell nicht passieren. Der Staatsanleihehändler macht im Münchner Handelsraum der Allianz-Tochter Pimco, dem größten Anleihemanager der Welt, den Zehn-Millionen-Euro-Test: Er signalisiert, dass er für zehn Millionen Nominalwert eine bestimmte deutsche Bundesanleihe kaufen will. Deren Markt ist hoch liquide. Die Angebote der Broker blinken prompt auf: Einer verlangt einen Preis von 111,815 Prozent, zwei andere wollen 0,004 Prozentpunkte mehr – ein Unterschied von immerhin 40.000 Euro. Gleich neben dem Preis zählt eine kleine Uhr fünf Sekunden ab – länger gilt das Angebot nicht.

Kampf um den besten Preis

Die Broker wetteifern jetzt darum, wer ihm den günstigsten Preis bieten darf. Katz bleibt gelassen. Er könnte jetzt mit einem Klick kaufen. Für den Rest des Tages ist er nach dem Test auf der sicheren Seite: "Selbst 50 Millionen Euro kann ich jederzeit handeln, ohne dem Kurs eine Richtung zu geben."

Deutsche Bundesanleihen zählen zu den weltweit liquidesten Anlagepapieren. Investoren schätzen sie besonders in unsicheren Zeiten. Weil Deutschlands Haushaltslage nicht ganz so desolat ist wie die anderer Staaten, weil sich im Wechselspiel zwischen Bundesanleihen und deren heftig gehandelten Derivaten an der Terminbörse Eurex ("Bund Future") schöne Profite machen und Positionen günstig absichern lassen. Und weil die deutsche Wirtschaft im Ausland Vertrauen genießt. Von Letzterem profitieren in ähnlichem Ausmaß Deutschlands große Aktienwerte.

2010 wurden an deutschen Börsen Monat für Monat mehr deutsche Aktien gehandelt als im Jahr zuvor. Ausländische Investoren vertrauen auf deutsche Exportwerte und schätzen es, dass sie in Deutschland schon zwei Tage nach dem Handel Geld auf dem Konto haben.

Fast eine halbe Billion Euro umgesetzt

Grafik: Die Aktien mit den höchsten Umsätzen im elektronischen Xetra-Handel 2010

In Bundeswertpapieren werden zurzeit fast eine halbe Billion Euro umgesetzt – im Monat; rund ein Fünftel mehr als im vergangenen Jahr. Damit wechselt statistisch fast alle zwei Monate das gesamte an der Börse handelbare Volumen aller Bundespapiere den Besitzer – es liegt bei rund 1077 Milliarden Euro.

Besonders für große Anleger ist es entscheidend, wie schnell und mit welchem Volumen sie sich in Krisen aus Märkten verabschieden und auf die nächste Anlageklasse, das nächste angesagte Land setzen können. "Die niedrigen Zinsen reflektieren unter anderem die Flucht der Investoren aus den Peripheriestaaten in sicherere Anlagen", sagt Andrew Bosomworth, bei Pimco Leiter des deutschen Portfoliomanagements. Die zusätzliche Milliardennachfrage ließ die Kurse steigen und trieb im Umkehrzug die Renditen der Bundesanleihen immer tiefer. Binnen zwölf Monaten konnten Anleger mit zehnjährigen deutschen Staatsanleihen bis zu 15 Prozent Kursgewinn einfahren.

Wer jetzt erst einsteigt, bekommt mit 2,3 Prozent für zehnjährige deutsche Papiere, vor Kosten wie Abgeltungsteuer und Depotgebühren, gerade mal eine Rendite knapp über dem Inflationsniveau. Parallel zu den Staatspapieren fielen auch die Renditen der Unternehmensanleihen, attraktive Investments werden rar.

Aktienhändler Ulrich Katz

Während auf den Anleihemärkten Milliarden Euro nötig sind, um Kurse zu treiben, reichen Philipp Wolk von Lupus alpha eine halbe Million. Sein Kauf trägt dazu bei, dass der Kurs der von ihm anvisierten Aktie 18 Cent oder mehr als drei Prozent in die Höhe schnellt. Wolk beobachtet das tagsüber an seinen vier Computerbildschirmen. Zieht der Kurs rapide an, nimmt der 35-Jährige seinen Kaufauftrag einige Minuten von der Börse. Bei der Aktie des kleinen Technologiekonzerns hilft das nicht viel: 24 Stunden später müsste Wolk – abgesehen von Tagesschwankungen – für die nächsten 100.000 Aktien 18.000 Euro mehr auf den Tisch legen.

Wolk braucht vor allem Disziplin. Das Wort hat ein Arbeitskollege auf einen neongelben Klebestreifen geschrieben und unten an seinen Computerbildschirm geklebt. Bloß nicht zu viel Volumen in den Markt geben und die Kurse zu stark vom Wunschpreis wegtreiben.

Handel in Nebenwerten ist ein kompliziertes Geschäft. Will ein Großanleger zum Beispiel 1000 Aktien der Baumarktkette Hornbach Holding verkaufen, beeinflusst das auf jeden Fall den Markt. Im Schnitt werden täglich weniger als 1000 Aktien des SDax-Wertes gehandelt. Was passiert, wenn ein Anleger schnell verkaufen muss, ist absehbar: Er würde den Kurs brutal drücken oder seine Aktien gar nicht so schnell loswerden. Dax-Aktien sind stabiler, weil Fonds den Index nachbilden und Aktien halten müssen.

Dass ein Teil der Titel in festen Händen liegt, stützt in Krisen. Den Stresstest haben große Werte spätestens seit September 2008 hinter sich: „Nach dem Zusammenbruch von Lehman konnten Investoren plötzlich nur noch liquide Aktien wie die von soliden Dax-Werten handeln“, sagt Lars Kolbe, Vorstandsmitglied beim Fondshaus Starcapital. Sie hielten sich in der Krise besser als kleine Werte.

Goldpapiere lassen sich schnell handeln

Gegen Ende eines Aufschwungs dreht diese Tendenz aber meist, die kleineren Werte laufen dann den hoch kapitalisierten den Rang ab. Mit liquiden Aktien entkommen Anleger zwar dem Markteinfluss Einzelner, allerdings entwickeln sich die Kurse ihrer Aktien dann meist auch so wie der aktuelle Börsentrend. Zudem ist hohe Liquidität für Privatanleger, die nur 50 oder 100 Stück handeln wollen, längst nicht so entscheidend wie für Profis mit ihren Millionen-Orders. Die Lösung für Privatanleger ist ein ausgewogener Mix aus großen und kleineren Titeln.

Liquidität ist auch für Goldanleger wichtig. In börsengehandelte Goldprodukte flossen allein im zweiten Quartal 11,2 Milliarden Dollar, nach 0,2 Milliarden im Quartal zuvor. Papiere, die mit physischem Gold hinterlegt sind, lassen sich an Börsen schnell handeln; schneller, als der Kauf oder Verkauf von Münzen und Barren üblicherweise ablaufen.

Für Privatanleger ist physisches Gold dennoch erste Wahl. Die meisten Goldfonds sind rechtlich Inhaberschuldverschreibungen, also unter dem Strich nichts weiter als Forderungen gegenüber dem Emittenten. Fällt ein Anbieter aus, laufen Anleger Gefahr, dass nicht genug Gold in dessen Safes liegt.

Keine Käufer gefunden

Grafik: Wie sich die Umsätze in heimischen Papieren an deutschen Börsen gegenüber dem Vorjahr entwickelt haben

Dass Anleger vor allem Investments bevorzugen, die man schnell wieder zu Geld machen kann, hat gute Gründe. "In der Vergangenheit sind viele große Vermögen untergegangen, weil der Anleger für seine Wertpapiere keinen Käufer mehr finden konnte", sagt Emmerich Müller, persönlich haftender Gesellschafter der ältesten deutschen Privatbank Metzler. Zu viele Fragen sind zurzeit offen: Droht wegen der ungehemmten Papiergeldschöpfung durch die Notenbanken am Ende die große Inflation, wie die Gold-Anleger glauben? Oder stimmt das Szenario vom erneuten Wirtschaftseinbruch und ewig tiefen Zinsen, das die Anleihe-Investoren durchrechnen? Oder droht beides, erst Deflation, dann Inflation? 

Profis wetten im Moment darauf, dass Deutschland in absehbarer Zeit nicht pleitegeht. Es hat schon etwas Beschwörendes, wenn Pimco-Anleihehändler Katz energisch mit seinem Finger auf den dicken Stapel Papier neben seiner Tastatur klopft: "440 Milliarden Euro", sagt er, "440 Milliarden." Und gleich noch mal: Tipp, tipp, tipp.

Der Rahmenvertrag zum EU-Rettungsschirm für den Euro liegt in dem Handelsraum gleich an seinem Arbeitsplatz. Schnell schlägt Katz nach: Seite 29, Federal Republic of Germany: 119,39 Milliarden Euro. Gerät ein Euro-Staat in Schieflage, garantiert Deutschland diese Summe. Will heißen: Deutschland ist zahlungskräftig, diesem Garantiegeber traut man solche Summen zu. "Deutschland ist solvent, da bekomme ich jederzeit mein Geld zurück", sagt Katz.

Broker Oliver Roth Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche

Doch dass die Sehnsucht nach Liquidität und Sicherheit bei Bundesanleihen zu Übertreibungen geführt hat, zieht man auch bei Pimco ins Kalkül. Bosomworth: „Das aktuelle Wirtschaftswachstum und das sehr tiefe Zinsniveau stimmen nicht überein.“ Will heißen: Mit anziehender Konjunktur müssten die Zinsen steigen, weil mehr Kredite nachgefragt werden und die Notenbank über die Zinsen bremsen müsste. Aber was ist normal in Zeiten, in denen die Notenbanken Staatsanleihen aufkaufen und Märkte mit Geld fluten?

Um nicht von Inflation, anziehenden Zinsen und Kursverlusten seiner schönen deutschen Anleihen überrascht zu werden, schaut sich Bosomworth vor allem Statistiken zur Kreditvergabe an. Spätestens dann, wenn die Banken mehr Kredit vergeben und das Notenbankgeld in die Wirtschaft fließt, müssen Anleger raus sein aus Bundesanleihen. Wer heute zu zwei Prozent Rendite noch Geld in eine Anleihe steckt, dem bleibt im ersten Jahr nach Bankspesen und Abgeltungsteuer ohnehin nur rund ein Prozent. Kommt statt der Deflation die Zinswende, fahren Anleger Kursverluste ein oder müssen ihr Investment bis zum Ende der Laufzeit aussitzen, zu Minirenditen. Liquide heißt eben nur jederzeit handelbar – zu welchem Kurs, entscheidet der Markt.

Oder, manchmal, Oliver Roth. Der 42-jährige Chefhändler der Close Brothers Seydler Bank in Frankfurt ist Skontroführer und Aktienbetreuer, er führt die Orderbücher (Skontren) für 171 Aktien, bringt Käufer und Verkäufer zusammen und berechnet die Kurse, zu denen die meisten Kauf- und Verkaufswünsche realisiert werden. "Der Markt ist dann liquide, wenn zu einem marktüblichen Kurs permanent ein Umsatz möglich ist", sagt er. In Spitzenzeiten bringt Roth in der alten Frankfurter Börse, in einem schlauchartigen Raum hinter der großen Dax-Tafel, täglich 2000 Handelspartner zusammen.

Will ein Anleger Aktien verkaufen, für die Roth gerade keinen Käufer hat, kauft er auf eigene Rechnung; möchte ein Anleger eine Aktie kaufen, die Roth nicht hat, bildet er eine Shortposition. Das heißt: Roth verkauft dem Anleger Aktien, die er nicht hält. Zwei Tage hat er danach Zeit, die Aktien zu besorgen. Theoretisch darf Roth den Handel nur in Extremsituationen verweigern. "Bei Katastrophen wie dem Untergang einer Ölplattform kann ich von einem Teil meiner Handelsverpflichtungen wie dem Garantieren von Volumen und Preisen zurücktreten", sagt er. Trotzdem sind Klagen über Aktienbetreuer, die sich zurückziehen, wenn die Kurse einbrechen, an der Börse nichts Ungewöhnliches.

Broker-Bluff

Grafik: Spannen zwischen Ankaufs- und Verkaufspreisen deutscher und griechischer Staatsanleihen

"Wenn es heiß wird, ist der ein oder andere schon mal etwas länger gerade nicht erreichbar und kurz in einer 'Besprechung' verschwunden", sagt Wolk von Lupus alpha. Katz drückt das vornehm aus: "An manchen Preisen sieht man schon, dass der Broker diese Position nun gerade nicht aufbauen möchte", sagt er. Bei griechischen Staatsanleihen etwa liegen die Spannen zwischen den in die Systeme gestellten Ankaufs- und Verkaufspreisen zeitweise gigantisch auseinander. Der Markt trocknet aus. Andererseits gilt: Je niedriger die Spanne zwischen beiden Preisen, desto liquider das Papier und desto günstiger der Handel.

Bei Bundesanleihen liegt die Spanne zum Teil unter 0,02 Prozent. Bei Aktien-Nebenwerten, die Wolk von Lupus alpha handelt, kann es auch schon mal ein Prozent des Kaufpreises werden.

Wolk greift wieder zum Telefonhörer. Ein Broker aus Griechenland bietet ihm 14.000 Aktien eines Rohstoffunternehmens an. Mehr Aktien habe er nicht, sagt der Broker ihm. Blufft der jetzt, genau wie Wolk am Morgen? "Wüsste ich, dass er mehr zu verkaufen hat, nähme ich doch lieber die letzten 14.000 Aktien –, dann, wenn der Kurs nach dem Komplettverkauf abgebröckelt ist", sagt Wolk.

Er rollt seinen Bürostuhl einen halben Meter nach rechts, zu den Bildschirmen. Wieder Zahlenkolonnen. Eine halbe Stunde nach Handelsstart sind erst Aktien im Wert von 7000 Euro über den Tresen gegangen. Das ist nichts, verglichen etwa mit dem Dax-Schwergewicht Daimler, das dieses Volumen jede Xetra-Handelssekunde erreicht.

Wolk greift trotzdem zu. Ob das die richtige Entscheidung war, weiß sein Fondsmanager, für den er einkauft, erst in vielen Monaten. Wenig liquide Papiere sind eben keine Kurzfrist-Anlage. 

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