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Anlegen trotz Krise Chancen auf dem Aktienmarkt

Seit März ist der Dax um ein Drittel gestiegen, trotz Rezession und Finanzkrise. Wo sich jetzt noch der Einstieg lohnt, welche Risiken Anleger im Blick behalten sollten.

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Die Börse in Sao Paulo - Quelle: dpa

Sie sind die heimlichen Stars der Finanzkrise, doch plötzlich stehen sie ganz schlecht da: bekennende Pessimisten wie Albert Edwards. Monatelang konnte sich der Aktienstratege von Société Générale dafür feiern lassen, zwei Wochen vor dem Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers seine Kunden vor dem Crash gewarnt zu haben. Doch seit Anfang März sind die Börsen in Europa um 30 Prozent gestiegen, in China und Brasilien zeitweise sogar um 50 Prozent. Edwards aber klingelte nicht zum Einstieg, seine Kunden verpassten die Gewinne: „Ich gebe zu: Ich habe auf fallende Kurse gesetzt und mich hat’s erwischt, ich zapple wie ein Fisch am Angelhaken“, sagt er, und fragt sich, ob er an schwachen Börsentagen nun doch „kräftig einsteigen soll“ oder ob „der Markt nicht schon im Herbst wieder auf ein neues Tief“ fällt.

Genau wie Edwards winden sich derzeit viele Privatanleger, wenn sie auf den Deutschen Aktienindex (Dax) schauen: Sollen sie einsteigen, um noch von der Rally zu profitieren? Oder ist es besser, die Finger von Aktien zu lassen, zumindest bis die Kurse erneut gefallen sind?

Gute Argumente, die Depots aufzustocken

Trotz Rezession und gestiegener Kurse gibt es gute Argumente dafür, die Depots aufzustocken. Denn die Börsenindizes könnten von den Billionen-Programmen, mit denen Washington, London, Peking und Berlin die Konjunktur anschieben wollen, noch höher getrieben werden. „Die weltweit beschlossenen Stützungspakete sind so groß, dass sie mit Sicherheit einige Volkswirtschaften noch in diesem Jahr ankurbeln, darunter China und die USA“, sagt Jeremy Grantham, Co-Gründer des US-Vermögensverwalters GMO. Allein die USA haben 1500 Milliarden Dollar, 13 Prozent der US-Wirtschaftsleistung ins System gepumpt. „Daher werden wir wahrscheinlich eine bemerkenswerte Aktien-Rally erleben, die alles weit übersteigt, was angesichts der Konjunkturaussichten gerechtfertigt wäre“, sagt Grantham.

Selbst Skeptiker raten zum vorsichtigen Einstieg

Der 70-Jährige, der früh vor der Krise warnte, prognostiziert bis Ende des Jahres einen Anstieg des US-Index S&P 500 von gut 900 auf 1000 bis 1.100 Punkte, also ein Plus von bis zu 20 Prozent. Eine ähnliche Rally hierzulande würde den Dax von unter 5.000 auf knapp 6.000 Punkte hieven.

Selbst ausgeprägte Skeptiker raten zum vorsichtigen Einstieg. „Es ist jetzt vermutlich vernünftig, einen guten Teil des Portfolios in Aktien anzulegen“, sagt Robert Shiller, Ökonom an der Universität Yale, dessen Buch „Irrationaler Überschwang“ vor dem Platzen der Technologie-Spekulationsblase warnte und der bereits 2006 die Krise am US-Immobilienmarkt vorhersah. Die Konjunktur mache ihm weniger Sorgen als vor wenigen Monaten, so Shiller: „Wir könnten eine große Börsen-Rally erleben, wie es sie auch während der Großen Depression gab.“ Der S&P 500 stieg 1935 um 41 Prozent und legte im Jahr darauf 28 Prozent zu, bevor er 1937 um 39 Prozent einbrach.

Dax-Aktien: Dividenden garantieren vier Prozent Rendite

Was Regierungen ausgeben, um Banken zu stützen und die Konjunktur anzustoßen (Zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)

Die Milliarden an Staatsgeldern fluten Wirtschaft und Bankbilanzen, sie heben die Frühindikatoren, die Hoffnung auf ein Ende der Rezession machen und damit die Aktienkurse nach oben ziehen. Auch die Zinssenkungen der Zentralbanken spülen Geld in den Markt. „Dieses Geld will eingesetzt werden. Das Mittel der Wahl sind Aktien“, sagt Mark Mobius, Fondsmanager für Aktien aus Schwellenländern beim US-Anbieter Franklin Templeton. Denn die Zinssenkungen drücken auch die Rendite von auf Konten geparkten Geldern. „Nachdem die Europäische Zentralbank den Leitzins von 1,25 Prozent auf 1,0 Prozent gesenkt hat, vergrößert sich der Anlagenotstand immer weiter, da Tagesgeld nur noch gut 0,5 Prozent Rendite bringt“, sagt Helmut Knestel, Fondsmanager beim Finanzdienstleister Gecam. Dax-Aktien versprechen dagegen allein durch die von Analysten für das laufende Jahr erwarteten Ausschüttungen eine Rendite von mehr als vier Prozent. „In den kommenden Jahren macht man mit Aktien eine relativ gute Rendite, weil die Dividenden hoch sind“, sagt Bert Flossbach, Co-Gründer des Vermögensverwalters Flossbach & von Storch. „Selbst wenn die Börsenkurse ein weiteres Jahrzehnt lang stagnieren, sind Aktien attraktiver als Staatsanleihen.“ Deshalb rät er zu mindestens 25 Prozent Aktienanteil im Anlegerdepot.

Die Hoffnung auf eine Erholung der Wirtschaft treibt die Aktienindizes weltweit (Zur Vollansicht bitte auf die Grafi klicken)

Privatanleger halten jedoch Abstand – und haben 2008 den Anteil der Aktien an ihrem Gesamtvermögen von zwölf auf nur noch acht Prozent gesenkt. Sie bunkern lieber fast 40 Prozent ihres Geldes auf Bankkonten. Weitere 35 Prozent stecken in Versicherungen und Pensionskassen. Nur noch 25 Prozent sind am Kapitalmarkt angelegt, in Aktien, Anleihen und Investmentfonds. Ende 2007 waren es noch 32 Prozent, die Deutschen ziehen sich vom Kapitalmarkt zurück. Viele Versicherer und Pensionskassen haben ebenfalls fast keine Aktien mehr — und stehen unter Druck, jetzt einzusteigen, sagt Flossbach. Das könnte die Rally weiter treiben.

Wer Aktien kauft, wettet nicht zwingend auf eine schnelle Erholung, sondern nur darauf, dass der wirtschaftliche Weltuntergang ausbleibt. „Die Probleme sind noch immer da, aber sie erscheinen wieder lösbar“, sagt Riklef von Schüssler, Partner beim Vermögensverwalter Feri.

Weiterhin riskant: Bankaktien

Wer sich traut, sollte Aktien wählen, deren Kurse im Verhältnis zum Gewinn noch nicht so kräftig zugelegt haben wie der Gesamtmarkt. Denn der Dax ist im Durchschnitt alles andere als billig: Gemessen an den zuletzt berichteten Gewinnen kosten deutsche Papiere so viel wie seit 2005 nicht mehr – obwohl damals die Wirtschaftsaussichten viel besser waren als heute. An der Börse gibt es aber Titel, die zumindest eine kurzfristige Spekulation wert sind und teils attraktive Dividenden versprechen.

Bankaktien sind weiter zu riskant, die Branche plagen große Finanzierungsprobleme. Der Internationale Währungsfonds schätzt den Eigenkapital-Bedarf der Banken weltweit auf mehr als 4000 Milliarden Dollar. Trotzdem sind ausgerechnet die Krisenverursacher Hauptgewinner der Rally: Die Deutsche Bank etwa hat seit März ihren Kurs verdoppelt. Das ist nicht einmal den Bankmanagern geheuer. Bei der Deutschen Bank verkaufte vergangene Woche der für die Vermögensverwaltung sehr reicher Kunden zuständige Pierre de Weck mehr als 66.000 Aktien des eigenen Hauses und nahm dabei 2,75 Millionen Euro ein.

Zertifikate mit Risikopuffer sind eine gute Alternative

Für Einsteiger (zur Vollansicht bitte auf die Tabelle klicken)

Es gibt also noch viele Skeptiker. Die Strategen der Deutschen Bank selbst warnten Mitte der vergangenen Woche, dass „der Dax im Jahresverlauf zurück auf ein Niveau um 4.000 Punkte fallen wird“. Und sogar „die meisten Börsenoptimisten scheinen überzeugt zu sein, dass die Rally früher oder später endet und dann ein rascher und schmerzhafter Absturz folgt“, sagt Philip Gisdakis, Kreditstratege bei UniCredit. „Aber man sollte die Welle reiten, so lange sie läuft.“ Hauptgrund für Zweifel an einer nachhaltigen Erholung ist die Überzeugung, dass die Ära, in der US-Bürger sich hemmungslos verschuldeten und übermäßig konsumierten, vorüber ist. Wenn deshalb weltweit die Nachfrage sinkt, müssen überschüssige Produktionskapazitäten abgebaut werden, Umsätze und Gewinne würden sich dann kaum auf alte Niveaus erholen.

Dax-Aktien sind gemessen an den Gewinnen bereits teurer als 2005 (Zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)

Anleger sollten solche Sorgen ernst nehmen. Vorsichtige investieren in Zertifikate mit Risikopuffer.

Ein bisschen Sicherheit schadet nicht. Auch Grantham glaubt nicht, dass die Optimisten – die Bullen – auf Dauer triumphieren. „Ein lang anhaltender Bullenmarkt ist äußerst unwahrscheinlich. Die große Rally ist das letzte Hurra der Aktieneuphorie, die seit den frühen Achtzigerjahren vorherrschte“, warnt er. „Wir werden die Höchststände an der Börse so schnell nicht wiedersehen, sieben magere Jahre lang oder länger.“ Regierungsprogramme dürften einen weiteren Kursabsturz verhindern, so Grantham — aber nicht eine jahrelange Flaute, wie sie Japan als Folge seiner Finanzkrise seit 1990 durchleidet.

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