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Bankenregulierung Ausweichmanöver der US-Banken

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Die harte Linie der Aufseher zeigt bereits Wirkung. „Ich kenne eine große Anzahl von Bankern, die aus Großbritannien wegziehen werden“, sagt Michael Geoghegan, Chef der britischen Großbank HSBC, der demnächst selbst nach Hongkong geht. „Vor allem der ab April geltende britische Spitzensteuersatz von 50 Prozent ist sehr abschreckend“, bestätigt ein Finanzexperte.

Nahe an London und deshalb eine reizvolle Alternative sind die Kanalinseln Jersey und Guernsey. Sie sind Kronkolonien von Königin Elizabeth, gehören aber weder zu Großbritannien noch zur Europäischen Union und locken mit günstigen Steuersätzen. Alle großen britischen Banken haben dort Tochtergesellschaften. Guy Hands, Chef der Private-Equity-Gesellschaft Terra Firma, eröffnete erst kürzlich ein Büro in Guernsey.

Auch Irland bietet sich der Branche als Standort für die Auslagerung riskanter Geschäfte an. Schon vor der Finanzkrise betrieben deutsche Landesbanken in Dublin Geschäfte außerhalb der Bilanz. Hier haben sich 430 Banken und Versicherungen niedergelassen, auch rund 10.000 Fondsgesellschaften sind vertreten. Kurz vor Weihnachten verabschiedete die Regierung ein Gesetz, das die Verlagerung von Hedgefonds-Vermögen nach Dublin erleichtern soll.

Eine internationale Großbank mit Sitz in Großbritannien denkt Insidern zufolge bereits darüber nach, ob die Verlagerung bestimmter Abteilungen von London in die Schweiz sinnvoll wäre.

Vorreiter sind, wieder mal, die Hedgefonds. Als sich kürzlich die Elite der Branche im Grosvenor House Hotel in London versammelte, war die Schweiz ein großes Thema. Philippe Jabre, Gründer von Jabre Capital, wusste Rat: „Kommt doch zu mir nach Genf – es ist toll da“, rief er in den Saal. Rivale Bluecrest Capital, der 16,7 Milliarden Dollar verwaltet, hat dort bereits Büroräume für 50 Leute gemietet, Europas größter Hedgefonds Brevan Howard plant in Genf ein Büro mit 100 Angestellten. David Butler vom Berater Kinetic erwartet, dass bis zu 150 Hedgefonds London verlassen. Derzeit arbeite er mit acht Fonds an Umzugsplänen.

Nach Irland und in die Schweiz

Es gibt aber auch Flucht durch Bilanzierung: Bei einer US-Investmentbank in London wird erwogen, Erträge in anderen Ländern mit weniger strikten Regeln zu buchen. „Bei internationalen Finanzhäusern geht das ohne Weiteres, kontrollieren kann man das kaum, und man muss dafür nicht einmal Personal verlegen“, sagt ein Banker.

Auch andere Regelungen werden Banken wohl umgehen, ohne dass ihre Leute die Koffer packen müssen. Besonders stark betroffene Banken wie Goldman oder Morgan Stanley prüften, wieder wie vor der Krise als reine Wertpapierhändler und nicht als Bank zu firmieren, um die Regeln zu umgehen, sagt Simon Johnson von der M.I.T. Sloan School. Und die Deutsche Bank will die einmalige britische Steuer von 50 Prozent auf Boni auf ihre weltweite Belegschaft umlegen – sodass auch Banker in Frankfurt zahlen müssen. Außerdem führt die Bank ein Vergütungssystem ein, in dem es mehr Festgehalt und weniger Bonus gibt. Damit räumt die Bank mit den umstrittenen Garantie-Boni auf: Die heißen jetzt eben Gehalt, was de facto auf dasselbe hinausläuft. Das ist schön für Banker, aber teuer für Aktionäre. Die erhalten keine garantierte Dividende. Widerstand erwartet niemand. „Aktionäre lassen doch alles mit sich machen“, sagt ein leitender Investmentbanker.

Bis 2012 83 Milliarden Euro auftreiben

Die Deutsche Bank dürfte 2011 nur 50 Cent Dividende zahlen und damit halb so viel wie vom Markt erwartet, schätzt Morgan-Stanley-Analyst Huw van Steenis. Regulierer verlangen, dass Europas Banken mehr Kapital vorhalten. Deshalb müssen sie bis 2012 weitere 83 Milliarden Euro Kapital auftreiben, sagt er.

Ein harter Job. Wer trotz allem einsteigen will, bekommt zum Beispiel die Deutsche-Bank-Aktie deutlich billiger als vor drei Wochen. Doch er investiert faktisch in eine Blackbox — Zukunft ungewiss. Nomura-Analysten raten zum Verkauf: US-Rivalen hätten mit Geschäftszahlen enttäuscht, und Investmentbanken dürften unter strengeren Regeln leiden.

Es sei denn, die Banken ziehen doch noch mal den Kopf aus der Schlinge. Zum einen ist das Volcker-Paket noch längst nicht Gesetz. Zum anderen, glaubt Analyst Van Hesser von HSBC, könnte es den Banken gelingen, den Großteil ihres Eigenhandels zum Kundengeschäft zu erklären: „There’s no business but flow business“, alles Geschäft dient irgendwie dem Kunden. Und nebenbei natürlich weiter auch der Bank selbst.

Das allerdings nur, wenn Zwei-Meter-Mann Volcker einknicken sollte.

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