WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Bilanzcheck Dax im Stresstest

Seite 2/4

Leasingverpflichtungen der Dax-Unternehmen

Brisant ist nach zwei Jahren Rezession vor allem die Abschreibung von Übernahmeprämien. In Boomjahren sind Aufkäufer euphorisch. Sie bieten bei Übernahmen oft einen deutlichen Zuschlag auf den eigentlichen Wert des Kaufobjektes und treffen reichlich optimistische Annahmen über die künftigen Erträge und damit den neuen, zu bilanzierenden Wert ihrer Braut. Schaffen die Zukäufe die erhofften Erträge nicht – und angesichts der Krise der Weltwirtschaft ist dies bei den meisten Unternehmen wahrscheinlich –, müssen die Übernahmeprämien abgeschrieben werden. Schleppt ein Konzern die Prämien aber seit Jahren beharrlich durch die eigenen Bücher, drohen in Zukunft hohe Verluste. Anreize, eher wenig abzuschreiben, gibt es genug. „Vorstände wissen, dass die Börse vor allem auf die Gewinn- und Umsatzentwicklung eines Unternehmens schaut und kaum auf das Zustandekommen dieser Zahlen. Das verführt Finanzchefs naturgemäß dazu, bilanzielle Spielräume für einen höheren Gewinnausweis zu nutzen“, sagt Peter Leibfried, Professor für Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung an der Universität St. Gallen. Schließlich hängen Manager-Boni häufig am Gewinn oder an der Kursentwicklung der Aktie. 

Gewinn leicht beeinflussbar

Wer eine Aktie nur anhand des vom Unternehmen ausgewiesenen Gewinns bewertet, liegt oft schief. Denn die Jahresüberschüsse der Dax-Unternehmen, also die Nettogewinne nach Abzug aller Aufwendungen für Personal, Material, Zins und Steuern, schwanken deutlich stärker und sind leichter positiv zu beeinflussen als die Mittelzuflüsse (Cash-Flows). „Im operativen Cash-Flow spiegelt sich der Ertragstrend besser und stabiler wider als in den Jahresüberschüssen“, so Leibfried.  Der operative Mittelzufluss oder operative Cash-Flow gibt an, wie viel Geld aus den Umsätzen tatsächlich in der Kasse eines Unternehmens hängen bleibt. Nur der operative Cash-Flow gibt Aufschluss darüber, was zum Beispiel Linde mit dem Verkauf seiner Spezialgase in die Kasse bekommt, ob der immer wieder durchgeschüttelte Chiphersteller Infineon überlebensfähig ist oder ob das Dax-Neumitglied HeidelbergCement seine Milliardenschulden zurückzahlen kann. Der Mittelzufluss zeigt also, wie viel Geld ein Unternehmen in einem Geschäftsjahr für neue Investitionen, für das Ablösen alter Schulden oder für eine Dividende erwirtschaftet hat.

Schwer durchschaubare Regelwerke

Wie stark die Industrie-Unternehmen im Dax mit zwischenzeitlicher Rezession und Finanzkrise zu kämpfen hatten, zeigt die Gewinnentwicklung 2009. Zwar verdienten die 26 Unternehmen von Adidas bis Volkswagen immerhin 20,1 Milliarden Euro – doch mehr als die Hälfte davon ging allein auf das Konto der beiden Versorger E.On und RWE.  Auch wenn viele Dax-Firmen weniger Gewinn schafften als während der vorletzten Krise 2003, zeigt sich bei den Mittelzuflüssen ein positiveres Bild. Knapp 108 Milliarden Euro an operativem Cash-Flow wurden in die Kassen gespült – 20 Prozent mehr als noch sechs Jahre zuvor. Der Grund: 2009 räumten die Unternehmen ihre Läger wie selten zuvor und trieben vehement Forderungen ein. Besonders die Automobilkonzerne hielten so ihr Cash-Flow-Niveau. Volkswagen etwa konnte – der Abwrackprämie sei Dank – die angepassten operativen Mittelzuflüsse von 10,8 auf 16 Milliarden Euro steigern, in erster Linie, weil Halden im Gegenwert von mehr als 3,8 Milliarden Euro geräumt wurden. BASF kassierte Rechnungen über knapp 2,1 Milliarden Euro ein. Ein Jahr zuvor hatten die Ludwigshafener ihren Kunden noch Zahlungsziele über gut 700 Millionen Euro eingeräumt. Cash-Flow-stark blieben auch Bayer, SAP oder ThyssenKrupp. Die Deutsche Post und Infineon dagegen schrieben selbst auf Basis des Cash-Flows rote Zahlen. Das bedeutet: Investitionen und Schuldenabbau konnten sie nicht aus dem laufenden Geschäft finanzieren. Sie mussten beides aus der Substanz stemmen.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%