WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Bilanzcheck Dax im Stresstest

Seite 4/4

Bilanzfehler

180,6 Milliarden Euro an Firmenwerten, 30 Milliarden mehr als noch vor zwei Jahren, schleppen die 30 Dax-Unternehmen heute mit sich herum. Das entspricht rund fünf Jahresgewinnen aller Dax-Firmen. „Je höher solche Zahlen, desto weniger kann die Börse diese kognitiv verarbeiten, sie werden deshalb meist schlicht ignoriert, so lange, bis schließlich die Blase platzt“, sagt Kaiser. „Das Konzept, einmal jährlich den Goodwill auf seine Werthaltigkeit zu testen, ist gescheitert. Die Unternehmen gaukeln der Börse ein Vermögen vor, das schwerlich zu rechtfertigen ist. Sie übernehmen damit praktisch die Aufgabe der Investoren, die ja selbst über den Aktienkurs das Unternehmen bewerten sollten“, so Leibfried.  Bei RWE, Fresenius, Fresenius Medical Care und der Deutschen Post etwa übersteigt der Firmenwert sogar das Eigenkapital, und das teils erheblich. Schon relativ geringe Abschreibungen würden hier einen hübschen Gewinn in ein dickes Minus verwandeln – und das Eigenkapital würde enorm absacken.

Neue Schulden

Während die Dax-Unternehmen bei den Abschreibungen auf Firmenwerte gewaltigen Spielraum haben – den sie eben auch fröhlich ausreizen –, soll ihnen eine neue Regel zur Bilanzierung von Schulden keine Ausweichmöglichkeiten mehr bieten: Unternehmen müssen künftig alle Leasingschulden erfassen. Die neue Regel, die voraussichtlich in der ersten Jahreshälfte 2011 in Kraft treten soll, wird die ausgewiesenen Schulden der Dax-Konzerne gewaltig anschwellen lassen. Bei Leasing (Mietkauf) zahlt ein Unternehmen zum Beispiel für einen Lkw eine feste Summe an und überweist dann monatlich über einen festgelegten Zeitraum Leasingraten. Nach Ende des Vertrags gibt es den Lkw zurück oder übernimmt ihn.  Unternehmen, die nach dem Standard IFRS bilanzieren, mussten bisher in einem komplexen Verfahren prüfen, ob sie das geleaste Gut in der Bilanz aufführen müssen oder nicht. Sehr vereinfacht gesagt, mussten das Leasingobjekt und die Schulden darauf nur in die Bilanz, wenn das Unternehmen den größten Teil der wirtschaftlichen Chancen und Risiken aus dem Leasingvertrag trägt. Lagen die Risiken – was fast immer der Fall war – bei dem Leasinggeber, konnten Leasingobjekt und -schulden außerhalb der Bilanz geführt werden. Damit soll Mitte 2011 Schluss sein. „Mit den neuen Regeln zum Leasing wird sich die Verschuldung erhöhen, insgesamt steigt die Bilanzsumme der betroffenen Unternehmen“, sagt Peter Adolph, Partner der FAS AG, die Unternehmen in Sachen Bilanzierung berät und deren Manager schult.

Post und Metro trifft es stark

Die FAS hat exklusiv für die WirtschaftsWoche ausgerechnet, wie stark die Unternehmen von dieser Neuregelung betroffen sein werden.  Das Ergebnis: Wenigstens 76 Milliarden Euro an Schulden, die bisher außerhalb der Bilanz geführt werden, kommen bei den 30 Dax-Unternehmen ans Tageslicht. Über 65 Milliarden davon schlagen sich bei den 26 Dax-Industrieunternehmen nieder. Deren Nettofinanzschulden steigen damit von derzeit 320 Milliarden Euro um rund ein Fünftel. „Da die neuen Bilanzregeln zusätzlich den Umfang der einzubeziehenden Leasingzahlungen wesentlich ausdehnen, dürfte die tatsächliche Verschuldung noch deutlich darüber liegen“, so Adolph. Besonders stark erhöht sich die Verschuldung bei Deutscher Telekom, Metro und der Deutschen Post. Bei Infineon und SAP geht die Nettoliquidität deutlich zurück, und auch bei den Finanzwerten erhöhen sich die Schulden um Milliarden . „Damit verschlechtern sich logischerweise auch wichtige Kennziffern für die Bonitätsbewertung, wie etwa der Verschuldungsgrad, also das Verhältnis von Schulden zu Eigenkapital“, sagt Adolph. Den Unternehmen könnte demnach eine Verschlechterung der Ratingnoten drohen, was in erster Linie schlecht für die Inhaber von Anleihen ist, aber regelmäßig auch negative Auswirkungen auf den Aktienkurs hat.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%