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Börsenexperten warnen "Der Boom ist eine Scheinblüte"

Seit dem Anstieg auf 6300 Punkte tritt der Dax auf der Stelle - je nach Nachrichtenlage aus Griechenland geht es mal auf- und mal abwärts. Aber wie geht es weiter? Auf der Anlegermesse Invest in Stuttgart zeigten sich prominten Vermögensverwalter skeptisch. Die Börse sei weit vorgeprescht, mit einer Korrektur müssten Anleger jederzeit rechnen.

Quelle: Pressebild

STUTTGART. Die Verunsicherung der Anleger nimmt zu. Geht es an den Börsen noch weiter nach oben? Oder ist das Beste vorbei? Selten fiel eine Antwort so schwer wie in diesen Tagen. "Die Nerven liegen blank. Es sind viele schwache Hände im Markt", sagt Alexander Seibold von Dr. Seibold Capital auf dem Handelsblatt-Podium der Anlegermesse Invest in Stuttgart. Er glaubt, dass der Dax noch Luft für weitere fünf bis acht Prozent nach oben habe. Dann sei aber Vorsicht geboten.

Die Nervosität spiegelt sich in den Kursen wider. Der Dax springt hin und her. Mal geht es um hundert Punkte nach unten, dann wieder nach oben. Heute ist einer von den guten Tagen - der deutsche Leitindex gewinnt gut 1,5 Prozent. Doch genauso schnell könnte es wieder in die andere Richtung gehen. Was wir momentan erleben, ist nach Ansicht von Experten erst der Auftakt für weitere turbulente Wochen.

"Es ist normal, dass die Börsen im Jahr eins nach einer Rezession stark zulegen. Im zweiten Jahr danach gibt es dann immer starke Schwankungen", sagt Georg Thilenius, Geschäftsführer von Dr. Thilenius Management. In dieser Phase befinde sich der Markt aktuell. Schwankungen von fünf bis zehn Prozent seien in den nächsten Wochen sehr wahrscheinlich - nach oben wie nach unten.

Die ersten Monate des Jahres liefen für die Anleger noch besser als erwartet, an den Aktiemärkten ging es steil nach oben. Im Februar lag der Dax noch bei 5400 Punkten, danach konnte er zeitweise fast 1000 Punkte zulegen. Hoffnung machte sich breit, die Rezession sei überstanden, mit der Konjunktur würde es irgendwie schon wieder aufwärts gehen. Auch das eine oder andere Unternehmen nährte den Optimismus mit überzeugenden Zahlen.

Die entscheidende Frage lautet nun aber: Sind die Kurse schon zu weit vorgeprescht? "Die Börse hat viel Gutes vorweggenommen", sagt Vermögensverwalter Felix Lais. Er geht davon aus, dass die Märkte in den Sommermonaten deutlich nach unten korrigieren werden.

Sorgen bereitet vor allem die Verschuldung der Staaten. Um die Krise zu bekämpfen, haben Notenbanken weltweit billiges Geld in den Markt gepumpt, Regierungen Schulden in nie gekanntem Ausmaß aufgenommen. Der Zusammenbruch des Finanzsystems wurde damit verhindert. Doch der Preis war hoch, die Krise hat sich verlagert. Fraß sie sich zunächst durch die Unternehmensbilanzen, hat sie nun die Staaten angesteckt. Griechenland ist ein besonders krasser Fall, andere sind ebenfalls gefährdet.

"Wir müssen die die Börse mehr unter politischen Aspekten betrachten", sagt Lais. Er nennt den Boom der vergangenen Monate eine "Scheinblüte" und mahnt zur Vorsicht. "Jetzt müssen wir innehalten und sagen: Halt, das war´s. Es ist Zeit, Gewinne mitzunehmen."

Auch Markus Zschaber von der VMZ Vermögensverwaltungsgesellschaft hat das Thema Griechenland noch nicht abgehakt. "Es ist ein Erstfall, so etwas hat noch niemand geprobt", sagt er. "Wie sollen die Griechen jemals ihre Schulden tilgen? Das Thema lässt sich nicht heute oder morgen klären, sondern wird uns noch drei, fünf oder sieben Jahre beschäftigen."

Man müsse sich Gedanken darüber machen, wie die Liquidität wieder aus dem Markt genommen werden könne, sagt Zschaber. Er befürchtet eine Entschuldung durch Inflation. "Ich rechne auf lange Sicht mit Inflationsraten über vier Prozent."

Nach Ansicht der Experten gibt es für Anleger dennoch etwas zu holen. Thilenius rät zu Aktien, die solide Bilanzen oder eine hohe Dividendenrendite aufweisen. Papiere der spanischen Telefonica sind für ihn ein "schönes antizyklisches Investment". Daneben seien auch der Gesundheitskonzern Fresenius, der Chemiegigant BASF oder der brasilianische Eisenerzförderer Vale interessant. Zschaber empfiehlt, sein Geld in den Schwellenländern anzulegen.

Nach Meinung von Vermögensverwalter Seibold können Anleger von der Schuldenkrise in Südeuropa sogar profitieren: indem sie gegen den Euro wetten. Die Stärke des Dollars nennt er das "Investment des Jahres". Er empfiehlt, entweder auf in Dollar notierte Anleihen oder einen Indexfonds wie den "Fed-Fund-Rate-ETF" zu setzen.

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