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Büro Hilfe, mein Chef spinnt

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Psychopathischer Chef: Quelle: rtr/Wolfgang Rattay

Ein schlechter Chef, so viel steht fest, ist nicht automatisch ein Psychopath. Diese Diagnose können ohnehin nur ausbildete Psychiater stellen. Doch auch Küchenpsychologen leuchtet ein, dass zwischen Genie und Wahnsinn wie immer eine äußerst schmale Grenze verläuft.

Bei all den Eigenschaften, die für eine Managementkarriere unabdingbar sind, ist die Grenzüberschreitung inhärent. Aus Selbstbewusstsein wird schnell Selbstüberschätzung, aus Einfluss Manipulation, aus visionärem Denken Größenwahn, aus Entscheidungsfreude Gefühlskälte. Ein schmaler Grat, den viele überschreiten.

"Willst du den Charakter eines Menschen erkennen", sagte bereits Abraham Lincoln, "so gib ihm Macht." Der frühere US-Präsident nahm damit voraus, was Psychologen seitdem in zahlreichen Studien empirisch beweisen konnten: "Macht ist ein größerer Verführer als Geld oder Sex", sagt auch der deutsche Hirnforscher Gerhard Roth von der Uni Bremen.

Mehr noch: Häufig ist es erst die Machtfülle, die Menschen regelrecht mies macht.

Gespräch mit Füßen auf dem Schreibtisch

Die US-Psychologin Deborah Gruenfeld von der Stanford-Universität fand heraus, dass drei Dinge passieren, wenn Menschen mächtig werden. Sie fokussieren sich erstens mehr auf eigene Bedürfnisse, scheren sich zweitens weniger um die ihrer Untergebenen und halten sich drittens selbst kaum noch an Regeln – deren Einhaltung sie von allen anderen selbstverständlich erwarten.

Das Ausmaß kennt jeder, und es beginnt mit vermeintlichen Kleinigkeiten. Der eine kommt regelmäßig zu spät zu Besprechungen, der andere unterbricht die Mitarbeiter ständig, wieder andere legen bei Feedbackgesprächen die Füße auf den Schreibtisch und fläzen sich in den Ledersessel.

Eines der entlarvendsten Experimente Gruenfelds ist der sogenannte Kekstest. Dafür bildete die Forscherin Gruppen mit je drei Studenten, die über kontroverse Themen diskutieren sollten, etwa Politik oder Religion. Einer der Freiwilligen wurde per Losverfahren dazu bestimmt, die Argumente der Kommilitonen hinterher zu beurteilen. Man könnte auch sagen, er bekam einen Fetzen Macht zugeteilt.

Als Gruenfeld dem Trio zur Abschlussrunde einen Teller mit fünf Keksen reichte, griffen die zuvor Ermächtigten häufiger und ungenierter zu, kauten mit offenem Mund und bekrümelten den Tisch. Schon die temporäre Macht über die anderen reichte aus, um sie ihre Manieren vergessen zu lassen und sich wie selbstverständlich einen größeren Anteil zu nehmen.

Wer Macht hat, kann sogar leichter lügen. Zu diesem Fazit kam Dana Carney von der Columbia Business School im Jahr 2010. Bei jenen Probanden, die in einem Spiel die Rolle einer Führungskraft übernahmen, verursachte das Flunkern keinerlei emotionale, physiologische oder kognitive Reaktion. Mit anderen Worten: Sie logen, ohne rot zu werden.

Sicher, bei Laborexperimenten mit Keksen und Spielen ist das vermeintlich harmlos. Zumal Narzissten in ihrer harmlosen Form enorm unterhaltsam sein können.

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