WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

China, Katar & Co. Staatsfonds auf Einkaufstour

Seite 2/3

Staatsfonds

Insgesamt haben die Staatsfonds von rund 70 Milliarden Dollar ihrer Finanzkriseninvestments in die Bankenbranche bis heute rund ein Drittel verloren. Auch sie sind also auf die Black Box Bankbilanzen hereingefallen – und trauen ihnen jetzt nicht mehr. Private Anleger sollten es ähnlich halten; große Einsätze innerhalb einer Branche sollten generell ebenso vermieden werden wie strategische Langfrist-Engagements bei Bankpapieren.

Die zweistelligen Milliardenverluste im Finanzsektor lösten bei den Regierungen in Peking oder Singapur mächtig Ärger aus. Die Fonds wirft das aber nicht um. Die Einnahmen der wichtigsten Fonds speisen sich aus hohen Handelsbilanzüberschüssen der jeweiligen Staaten – bei den Asiaten ist ein ständiger Zufluss an Kapital so gesichert. Pekings Devisenreserven – mit 2,7 Billionen Dollar die größten der Welt – wachsen monatlich um gut 20 Milliarden Dollar. Die arabischen Fonds wiederum häufen so lange Geld an, wie der Ölpreis höher liegt als die Förderkosten. „Die Ölpreisentwicklung ist für zahlreiche Staatsfonds, insbesondere in der Golfregion, äußerst bedeutend. Schließlich sind Öleinnahmen die Hauptquelle ihrer Anlagemittel“, sagt Kern. Weltweit liegen die reinen Förderkosten (ohne die Kosten für Exploration und Kapital) je Barrel Öl im Durchschnitt bei rund elf Dollar – in den Golfregionen wegen günstiger Förderbedingungen sogar weit darunter. Ein Ölpreis von derzeit 90 Dollar sichert also stetige Zuflüsse und kompensiert leicht unschöne Milliardenverluste aus den Banken-Investments.

Hinzu kommt: Nicht alle Investments im Finanzsektor gingen schief. Im Dezember 2009 etwa verkaufte die Kuwait Investment Authority für 4,1 Milliarden Dollar Anteile an der Citigroup. Das Geschäft war so strukturiert, dass die Kuwaitis damit einen Gewinn von 1,1 Milliarden Dollar einstreichen konnten. Zuvor hatte sich auch die Singapurer GIC von Citigroup-Anteilen wieder getrennt und damit einen Gewinn von 1,6 Milliarden Dollar gemacht.

Mit der Citigroup vor Gericht

Besonders dumm sieht dagegen heute die Abu Dhabi Investment Authority (Adia) aus. Deren Fondsmanager hatten mit der Citigroup eine Wandelanleihe ausgehandelt, die ihnen eine Garantiedividende von elf Prozent brachte. Der Haken: Der Bond muss in Citigroup-Aktien getauscht werden, Adia müsste dann 31,83 Dollar pro Aktie bezahlen. Der Kurs der Citigroup dümpelt aber mittlerweile nur noch bei knapp fünf Dollar. Adia drohen rund sieben Milliarden Dollar Verlust. Der Fonds hat deshalb ein Schlichtungsverfahren angestrengt. Für Mai 2011 ist in New York ein Gerichtstermin angesetzt. Die Sache birgt enorme politische Brisanz. Denn nach umfangreichen Rettungsaktionen war der US-Staat lange Zeit der größte Aktionär der einstmals größten Bank der Welt. Die Araber argumentieren, nach dem Einstieg des US-Staates sei das Kapital der anderen Aktionäre der Citigroup stark verwässert worden und der Kurs deshalb so extrem gefallen, dass man die vereinbarte Kaufoption nicht erfüllen müsse.

Erreicht Adia in dem Schlichtungsverfahren keinen Kompromiss, würde dies den mit 627 Milliarden Dollar Volumen größten Staatsfonds der Welt einmalig ein Sechstel seiner jährlichen Wertentwicklung kosten. Auf lange Sicht kann sich diese, wenn man den spärlichen, von Adia herausgegebenen Zahlen vertraut, sehen lassen: Über einen 30-Jahres-Zeitraum liegt die jährliche Rendite bei 8,0 Prozent, in den vergangenen 20 Jahren seien 6,5 Prozent pro Jahr zusammengekommen. Das wäre ein klares Indiz dafür, dass sich sehr alte Investitionen bis heute besser rechnen als die der jüngeren Vergangenheit. Einen ähnlichen Schnitt erzielte der Singapurer GIC, die Nummer sechs der Welt, der eigenen Angaben zufolge binnen 20 Jahren jährlich 7,1 Prozent zulegte.

Genaue Zahlen zu Einzel-Engagements von Adia gibt es nicht. Den Großteil der Milliarden verwalten die Scheichs auch gar nicht selbst: 80 Prozent seien an externe Fonds vergeben; 60 Prozent des Vermögens sind nicht direkt in Unternehmen, Anleihen oder Rohstoffe investiert, sondern in Vehikel, die Indizes nachbilden. Vermutlich bemüht sich Adia über die Vehikel auch, das Dollar-Risiko abzumildern. „Rohstoff- und Öleinnahmen werde in US-Dollar fakturiert, daher ist die Währungsdiversifikation innerhalb des Fonndsportfolios ein wichtiges Ziel“, sagt Kern.

Da die Renditen aber nicht nachvollziehbar sind, müssen sie auch nicht für bare Münze genommen werden. Möglicherweise kaschieren insbesondere bei den am Rohstofftropf hängenden Staatsfonds die laufenden Milliardeneinnahmen zwischenzeitliche Verluste. Die Finanzkrise soll die Fonds insgesamt eine mittlere dreistellige Milliardensumme gekostet haben. Allein der Government Pension Fund of Norway, die Nummer zwei weltweit, der wie ein klassischer Investment-Mischfonds in Aktien (60 Prozent) und Anleihen (40 Prozent) engagiert ist, verlor gut 100 Milliarden Euro. Der Aktienboom bescherte dem Fonds dann 2009 ein Plus von 25 Prozent. Heute hat er bereits wieder mehr Vermögen als vor der Krise.

Etwas mehr Transparenz als Adia selbst bieten einige Töchter und Schwestergesellschaften, die ihrerseits wiederum Beteiligungen managen. Diese Adia-Verwandten halten etwa Anteile an dem Wiener Kunststoffspezialisten Borealis und dem Öl- und Gaskonzern OMV, dazu fünf Prozent an Ferrari, knapp 16 Prozent am US-Chiphersteller AMD und 7,5 Prozent am Private-Equity-Spezialisten Carlyle.

Nicht immer leben die Staatsfonds in friedlicher Koexistenz mit ihren Beteiligungen. Gestritten wird nicht nur mit der Citigroup, Streit gibt es derzeit auch zwischen Abu Dhabi und München. Die International Petroleum Investment Company liegt im Clinch mit dem Lkw-Bauer MAN, der Anfang vergangenen Jahres 70 Prozent seiner Tochter Ferrostaal sowie eine Verkaufsoption für die restlichen 30 Prozent an die Araber abgab. Nach Korruptionsvorwürfen gegen Ferrostaal will Abu Dhabi die Restanteile nicht übernehmen und droht mit der Rückabwicklung des gesamtes Kaufes.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%