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China, Katar & Co. Staatsfonds auf Einkaufstour

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Industriewerte und Rohstoffe

Herkunft

Wie bei den meisten anderen Staatsfonds auch, sind bei den Abu-Dhabi-Fonds Beteiligungen von mehr als fünf Prozent eher die Ausnahme. Wenn die Fonds jedoch größere Anteile an Industrieunternehmen übernehmen, bleiben sie oft Jahrzehnte bei der Stange. So ist Kuwait schon seit 1974 Daimler treu. Der Kurszuwachs von seither 900 Prozent ist, über den langen Zeitraum betrachtet, nicht atemberaubend – pro Jahr ergibt sich eine Rendite von 6,5 Prozent. Doch in guten Jahren schüttet Daimler auch kräftig aus. So könnte die Dividende je Aktie kommendes Jahr 1,80 Euro betragen – das wären für die Kuwaitis rund 30 Prozent Rendite auf ihren Ursprungseinsatz von 1974. Mit Abu Dhabi hat Daimler seit Frühjahr 2009 einen zweiten Großaktionär vom Golf, der versprochen hat, seinen 9,1-Prozent-Anteil ebenfalls „langfristig“ halten zu wollten.

Auf einen langen Atem der Araber hofft man auch in Wolfsburg: Katar hat sich bei Volkswagen inzwischen mit 17 Prozent eingekauft und soll zudem zehn Prozent der Anteile am VW-Fusionspartner Porsche übernehmen. Von einer geplanten Kapitalerhöhung des französischen Atomkonzerns Areva will Kuwait 600 Millionen Euro zeichnen.

Staatsfonds sitzen das ständige Auf und Ab an den Börsen aus. Sie kaufen deutlich mehr zu, als sie an Beteiligungen abgeben. Für private Anleger ist es schwierig, einen so langen Weg mit einer Aktie zu gehen. Nur wer starke Nerven und eine Generation oder mehr Zeit hat, sollte Dauerengagements eingehen. Aktuell aber sind viele Aktien, die Staatsfonds halten, auch für Privatanleger attraktiv, vor allem Industriewerte wie Daimler, Gea und VW (siehe Tabelle).

Breit gestreut

Einen spannenden Einblick in die Investmentstrategie von Staatsfonds geben Unterlagen der US-Börsenaufsicht SEC. Der größte chinesische Staatsfonds CIC hatte die Vorschrift, dass Investitionen in US-Unternehmen im Wert von mehr als 100 Millionen Dollar gemeldet werden müssen, lange Zeit geflissentlich ignoriert. In diesem Jahr reichten die Chinesen erstmals einen Report dazu bei der SEC ein. Danach hatte CIC bis Ende 2009 für 9,6 Milliarden Dollar in den USA eingekauft – heimlich und leise auch mehr als 80 Aktien: von Apple über Citigroup, Coca-Cola, Merck, Morgan Stanley, News Corporation, Pfizer bis hin zu Visa und Wells Fargo. Gut zwei Milliarden Dollar steckten die Chinesen aber auch in mehr als ein Dutzend ganz profaner US-Investmentfonds – die wiederum in ausgesuchte Branchen oder Indizes investieren. Insgesamt 58 Milliarden von insgesamt rund 300 Milliarden Dollar hat CIC 2009 weltweit im Ausland investiert. Etwa 36 Prozent des im Ausland investierten Geldes lagen Ende 2009 in Aktien, 26 Prozent in Anleihen und 32 Prozent in Cash, heißt es im CIC-Geschäftsbericht.

Viel Cash, viel fest Verzinsliches also. „Anleihen spielen auch bei Staatsfonds eine gewichtige Rolle in der Anlagepolitik, denn angesichts der Volumina ihrer Investitionen ist es für sie wichtig, sich in möglichst liquiden Anlagen zu bewegen“, sagt Deutschbanker Kern. In diesem Jahr steckte CIC unter anderem 685 Millionen Euro in den europäischen Beteiligungsfonds Apax Europe. In den kommenden Monaten dürften weitere Engagements im Westen hinzukommen: „Zwar schauen wir auch weiter auf Schwellenländer und haben einige Kontakte nach Russland und Brasilien“, sagt Lou Jiwei, Chef bei CIC, „doch wir interessieren uns jetzt vor allem für Investments in entwickelten Ländern.“ Lous Strategie ist klar: In den Augen der Chinesen ist das Gröbste der Weltkrise ausgestanden. Gleichzeitig halten sie die Bewertungen an den Märkten noch immer für niedrig.

Weil CIC in der Finanzkrise mit Investments bei der amerikanischen Private-Equity-Gesellschaft Blackstone und der Investmentbank Morgan Stanley hohe Buchverluste einfuhr, mussten Lou Jiwei und seine Kollegen sich auf dem Volkskongress heftige Kritik vieler Genossen aus der KP anhören. Seither gehen Lou und sein CIC umsichtiger zu Werke. In erster Linie beteiligte sich Pekings Staatsfonds an Unternehmen aus dem Rohstoffsektor. Hier konnte Peking wegen der nach wie vor großen Nachfrage in Schwellenländern mit großer Wahrscheinlichkeit von steigenden Preisen ausgehen. Etwa zehn Milliarden Dollar pumpte die CIC in der zweiten Jahreshälfte 2009 in Rohstofffirmen. So zahlte CIC 1,5 Milliarden Dollar für eine 17,2-Prozent-Beteiligung an dem kanadischen Metallproduzenten Teck Resources. Der Kurs hat sich seither etwa verdoppelt. Vor gut einem Jahr stieg CIC mit elf Prozent bei Kasachstans staatlichem Energieversorger ein und mit 45 Prozent bei der russischen Nobel Oil Group. Die Strategie hat sich offenbar ausgezahlt: Im vergangenen Jahr lag die Rendite von CIC bei 11,7 Prozent.

Für Privatanleger gilt: Rohstoffwerte sind sehr konjunktur- und zinssensibel und damit spekulativ. Einen kleinen Anteil von ihnen ins Aktiendepot zu nehmen, sollte sich aber angesichts robuster Aussichten für die Weltkonjunktur in den nächsten Monaten noch lohnen. Unter den Rohstoffwerten, in die Staatsfonds investieren, bieten neben Teck Resources auch die Bergbauwerte Rio Tinto und Xstrata noch Chancen.

Sie lernen noch

CIC wurde erst 2007 gegründet und befindet sich, so viel ist sicher, noch immer in der Lernphase. Eine klare Strategie oder gar eine politische Stoßrichtung ist nicht zu erkennen. So soll etwa der Sportunternehmer Kenny Huang mit Geld von CIC jüngst versucht haben, den legendären britischen Fußballclub FC Liverpool aufzukaufen. Welche Renditeerwartung damit zusammenhängt, ist ein Rätsel.

So spiegelt das CIC-Portfolio eher die Unsicherheit eines Investors wider, der mal dies und mal jenes ausprobiert und der mit einigen seiner Entscheidungen schwer eins auf die Nase bekommen hat. „Uns gibt es gerade Mal gut drei Jahre, wir haben noch nicht so viel Erfahrung“, räumt Lou ein. Rund 70 Prozent des Fonds würden darum von externen Fondsmanagern verwaltet.

Um eigene Erfahrungslücken zu schließen, kauft CIC nach wie vor Expertise aus dem Ausland ein. Zeitweilig suchten die Chinesen sogar mit riesigen Zeitungsanzeigen nach Fondsmanagern. Fündig wurden sie unter anderem beim US-Hedgefonds Tudor, bei der Allianz-Tochter Pimco und der Schweizer UBS. Auch arabische Staatsfonds heuern häufig Experten aus dem Westen an.

Die tun jetzt das, was sie auch im Westen getan haben. Ihre Anlagepolitik, schreiben die OECD-Ökonomen Rolando Avendaño und Javier Santiso in einer aktuellen Studie, unterscheide sich kaum von der anderer Großinvestoren: „In beiden Fällen sind die treibenden Kräfte eher finanzieller denn politischer Natur.“ Will heißen, Staatsfonds wollen das, was alle wollen: Kapital weltweit möglichst sicher und gewinnbringend anlegen. 

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