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China, Katar & Co. Staatsfonds auf Einkaufstour

Nachdem die Milliarden-Fonds mit Bank-Investments viel Geld verloren haben, kaufen sie wieder Industrieunternehmen – wie Hochtief und Areva. Wo sie investieren, was Anleger ihnen nachmachen können.

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Blick auf Doha, die Hauptstadt Quelle: REUTERS

Es sind keine schlechten Zeiten für die Beziehungen zwischen Deutschland und den Emiraten am Persischen Golf. Erst holt Sebastian Vettel auf der Wüstenrennstrecke von Abu Dhabi die Formel-1-Weltmeisterschaft, dann schwingt sich Katar zum Retter von Hochtief auf: Das Emirat kauft sich über seinen Staatsfonds mit 9,1 Prozent der Aktien beim Baukonzern Hochtief ein, der von der spanischen ACS-Gruppe bedrängt wird. Und Katar will nachlegen. Am vergangenen Donnerstag traf sich Katars Finanzminister Yousef Hussain Kamal mit Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP). Das Emirat soll nun auch ein Auge auf Unternehmen im deutschen Mittelstand und die IT-Branche geworfen haben. Brüderle habe vorgeschlagen, gemeinsam spezielle Bereiche auszumachen, hieß es nach dem Treffen.

Die Staatsfonds der Scheichs sind auch herzlich dazu eingeladen, den Euro zu retten: Sie sollen die europäischen Anleihen kaufen, mit denen der Euro-Rettungsfonds EFSF Kredite für Irland finanziert. EFSF-Chef Klaus Regling jedenfalls berichtete gerade, Staatsfonds seien „sehr interessiert" an seiner ersten, fünf Milliarden Euro schweren Anleihe, die im Januar kommen soll. Kamal stellte ein Engagement in den angeschlagenen Euro-Ländern Irland und Portugal in Aussicht. "Wir haben etwas in der Pipeline, aber es ist noch nicht spruchreif", so der Katarische Finanzminister vergangene Woche.

Ob die Araber die Euro-Rettungsanleihe wirklich kaufen werden, ist unklar. Das Investment bei Hochtief passt besser in die Strategie der großen Staatsfonds. Nach milliardenschweren Missgriffen mit Finanzkrisen-Engagements bei Banken kaufen sich die Staatsfondsmanager inzwischen wieder lieber in der Realwirtschaft ein.

„Der Finanzsektor, der vor der Krise ein starkes Übergewicht hatte, ist kein wesentliches Thema mehr“, sagt Steffen Kern, Spezialist für Staatsfonds bei der Deutschen Bank in Frankfurt: „Vielmehr versuchen die Staatsfonds im Aktienbereich über alle Branchen hinweg ausgewogen zu investieren. Rohstoffe, High-Tech und Infrastruktur sind besonders beliebt.“

Staatsfonds (Sovereign Wealth Funds, kurz SWF), in denen Staaten ihre Einnahmen aus dem Ölgeschäft oder Rücklagen für Pensionen von Staatsbediensteten bunkern, steigerten ihr Vermögen seit Beginn der Finanzkrise von September 2007 bis September 2010 von 3190 auf 3938 Milliarden Dollar. Damit zählen sie zu den großen Spielern im weltweiten Börsen-Poker, nach Versicherern, Investmentfonds für Privat- und Großanleger und Pensionsfonds, die vier bis sechs Mal so viel Geld managen.

Kapital

Viele Staatsfonds haben noch keine zehn Jahre auf dem Buckel. Die fehlende Erfahrung hatte in den vergangenen Jahren zu Fehlinvestments geführt. Inzwischen „stellen sie professionelle Fondsmanager ein, um ihr Portfolio noch besser zu managen“, sagt Deutsche-Bank-Experte Kern. Die versuchen jetzt, Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen, und erzielen neue Erfolge.

Anleger, die beobachten, wie die Manager der Staatsfonds ticken, wie sie investieren und welchen Einfluss sie auf die Börse haben, gewinnen wertvolle Hinweise für ihre eigene Anlagestrategie.

Für Hochtief-Aktionäre etwa zahlt sich das Engagement von Katar schon jetzt aus. Der Kurs sprang binnen zwei Tagen nach Bekanntgabe des Einstiegs um zwölf Prozent. Vorteil: Hochtief-Anteilseigner müssen nicht befürchten, dass ihnen die Politik noch einen Strich durch die Rechnung machen wird und Katar abzuwehren versucht. Bundeswirtschaftsminister Brüderle etwa begrüßt den Einstieg: „Wir haben goldrichtig damit gelegen, dass sich der Staat auch bei Hochtief zurückgehalten und nicht eingemischt hat.“ Konflikte auf politischer Ebene wollen Staatsfonds möglichst vermeiden. Sie investieren deshalb gern als Retter in der Not: in der Finanzkrise in strauchelnde US-Banken, aktuell in Hochtief, die einen Verbündeten im Kampf gegen ACS suchen. Tabu sind Unternehmen, in denen Politiker mitfingern, zum Beispiel Energieversorger. Deutsche Kraftwerke in arabischer oder chinesischer Hand wären für Politiker ein Albtraum.

Private Anleger fahren ebenfalls besser, wenn sie in Unternehmen investieren, die möglichst geringem politischem Einfluss unterliegen. Im Dax etwa liegt die Kursentwicklung von Aktien wie BASF, BMW oder Linde weit vor derjenigen politisch dominierter Versorger und teilstaatlicher Konzerne wie Deutscher Telekom, Deutscher Post oder Commerzbank.

Sensible Ziele sind tabu

Die Staatsfonds selbst wissen spätestens seit dem Jahr 2006, dass sensible Ziele politischen Ärger bringen können. Damals übernahm Dubai Ports World, eine Staatsgesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate, die britische P&O. Die betrieb unter anderem wichtige US-Seehäfen. Die Vorstellung, dass ausgerechnet Araber für die Kontrolle der ins Land kommenden Container zuständig sein könnten, brachte die Politiker in Washington auf die Barrikaden. Kritische Investitionen ausländischer Gesellschaften in den USA werden dort vom Committee on Foreign Investments unter die Lupe genommen, das ein Urteil darüber abgibt, ob ein Investment die nationale Sicherheit gefährdet oder gegen Anti-Trust-Gesetze verstößt. Obwohl sich 2006 sogar der damalige US-Präsident George W. Bush vehement für die Araber einsetzte, musste P&O letztendlich die Beteiligungen an US-Häfen abgeben.

Keine Vorbehalte hatten die Amerikaner gegen Geldspritzen der SWF, als mitten in der Finanzkrise große US-Banken verzweifelt nach frischem Kapital lechzten. Insbesondere die Früheinsteiger unter den Staatsfonds haben sich mit diesen Investments die Finger verbrannt. Die Singapurer Temasek etwa beteiligte sich im Dezember 2007 an der Investmentbank Merrill Lynch. Nach einem Jahr stieg Temasek aus – und verlor laut „Wall Street Journal“ rund 4,6 Milliarden Dollar. Auch die chinesische China Investment Corporation (CIC) musste mit ihrem ursprünglich 5,6 Milliarden Dollar starken Investment in Morgan Stanley 900 Millionen Dollar Lehrgeld zahlen. Der Fonds Government of Singapore Investment Corporation (GIC) stieg mitten in der Finanzkrise bei der angeschlagenen Schweizer UBS ein. Das Investment von elf Milliarden Schweizer Franken (8,3 Milliarden Euro) liegt derzeit mit 5,6 Milliarden Franken in den Miesen, nachdem die größte Schweizer Bank nur noch ein Drittel des Einstandspreises wert ist.

Staatsfonds

Insgesamt haben die Staatsfonds von rund 70 Milliarden Dollar ihrer Finanzkriseninvestments in die Bankenbranche bis heute rund ein Drittel verloren. Auch sie sind also auf die Black Box Bankbilanzen hereingefallen – und trauen ihnen jetzt nicht mehr. Private Anleger sollten es ähnlich halten; große Einsätze innerhalb einer Branche sollten generell ebenso vermieden werden wie strategische Langfrist-Engagements bei Bankpapieren.

Die zweistelligen Milliardenverluste im Finanzsektor lösten bei den Regierungen in Peking oder Singapur mächtig Ärger aus. Die Fonds wirft das aber nicht um. Die Einnahmen der wichtigsten Fonds speisen sich aus hohen Handelsbilanzüberschüssen der jeweiligen Staaten – bei den Asiaten ist ein ständiger Zufluss an Kapital so gesichert. Pekings Devisenreserven – mit 2,7 Billionen Dollar die größten der Welt – wachsen monatlich um gut 20 Milliarden Dollar. Die arabischen Fonds wiederum häufen so lange Geld an, wie der Ölpreis höher liegt als die Förderkosten. „Die Ölpreisentwicklung ist für zahlreiche Staatsfonds, insbesondere in der Golfregion, äußerst bedeutend. Schließlich sind Öleinnahmen die Hauptquelle ihrer Anlagemittel“, sagt Kern. Weltweit liegen die reinen Förderkosten (ohne die Kosten für Exploration und Kapital) je Barrel Öl im Durchschnitt bei rund elf Dollar – in den Golfregionen wegen günstiger Förderbedingungen sogar weit darunter. Ein Ölpreis von derzeit 90 Dollar sichert also stetige Zuflüsse und kompensiert leicht unschöne Milliardenverluste aus den Banken-Investments.

Hinzu kommt: Nicht alle Investments im Finanzsektor gingen schief. Im Dezember 2009 etwa verkaufte die Kuwait Investment Authority für 4,1 Milliarden Dollar Anteile an der Citigroup. Das Geschäft war so strukturiert, dass die Kuwaitis damit einen Gewinn von 1,1 Milliarden Dollar einstreichen konnten. Zuvor hatte sich auch die Singapurer GIC von Citigroup-Anteilen wieder getrennt und damit einen Gewinn von 1,6 Milliarden Dollar gemacht.

Mit der Citigroup vor Gericht

Besonders dumm sieht dagegen heute die Abu Dhabi Investment Authority (Adia) aus. Deren Fondsmanager hatten mit der Citigroup eine Wandelanleihe ausgehandelt, die ihnen eine Garantiedividende von elf Prozent brachte. Der Haken: Der Bond muss in Citigroup-Aktien getauscht werden, Adia müsste dann 31,83 Dollar pro Aktie bezahlen. Der Kurs der Citigroup dümpelt aber mittlerweile nur noch bei knapp fünf Dollar. Adia drohen rund sieben Milliarden Dollar Verlust. Der Fonds hat deshalb ein Schlichtungsverfahren angestrengt. Für Mai 2011 ist in New York ein Gerichtstermin angesetzt. Die Sache birgt enorme politische Brisanz. Denn nach umfangreichen Rettungsaktionen war der US-Staat lange Zeit der größte Aktionär der einstmals größten Bank der Welt. Die Araber argumentieren, nach dem Einstieg des US-Staates sei das Kapital der anderen Aktionäre der Citigroup stark verwässert worden und der Kurs deshalb so extrem gefallen, dass man die vereinbarte Kaufoption nicht erfüllen müsse.

Erreicht Adia in dem Schlichtungsverfahren keinen Kompromiss, würde dies den mit 627 Milliarden Dollar Volumen größten Staatsfonds der Welt einmalig ein Sechstel seiner jährlichen Wertentwicklung kosten. Auf lange Sicht kann sich diese, wenn man den spärlichen, von Adia herausgegebenen Zahlen vertraut, sehen lassen: Über einen 30-Jahres-Zeitraum liegt die jährliche Rendite bei 8,0 Prozent, in den vergangenen 20 Jahren seien 6,5 Prozent pro Jahr zusammengekommen. Das wäre ein klares Indiz dafür, dass sich sehr alte Investitionen bis heute besser rechnen als die der jüngeren Vergangenheit. Einen ähnlichen Schnitt erzielte der Singapurer GIC, die Nummer sechs der Welt, der eigenen Angaben zufolge binnen 20 Jahren jährlich 7,1 Prozent zulegte.

Genaue Zahlen zu Einzel-Engagements von Adia gibt es nicht. Den Großteil der Milliarden verwalten die Scheichs auch gar nicht selbst: 80 Prozent seien an externe Fonds vergeben; 60 Prozent des Vermögens sind nicht direkt in Unternehmen, Anleihen oder Rohstoffe investiert, sondern in Vehikel, die Indizes nachbilden. Vermutlich bemüht sich Adia über die Vehikel auch, das Dollar-Risiko abzumildern. „Rohstoff- und Öleinnahmen werde in US-Dollar fakturiert, daher ist die Währungsdiversifikation innerhalb des Fonndsportfolios ein wichtiges Ziel“, sagt Kern.

Da die Renditen aber nicht nachvollziehbar sind, müssen sie auch nicht für bare Münze genommen werden. Möglicherweise kaschieren insbesondere bei den am Rohstofftropf hängenden Staatsfonds die laufenden Milliardeneinnahmen zwischenzeitliche Verluste. Die Finanzkrise soll die Fonds insgesamt eine mittlere dreistellige Milliardensumme gekostet haben. Allein der Government Pension Fund of Norway, die Nummer zwei weltweit, der wie ein klassischer Investment-Mischfonds in Aktien (60 Prozent) und Anleihen (40 Prozent) engagiert ist, verlor gut 100 Milliarden Euro. Der Aktienboom bescherte dem Fonds dann 2009 ein Plus von 25 Prozent. Heute hat er bereits wieder mehr Vermögen als vor der Krise.

Etwas mehr Transparenz als Adia selbst bieten einige Töchter und Schwestergesellschaften, die ihrerseits wiederum Beteiligungen managen. Diese Adia-Verwandten halten etwa Anteile an dem Wiener Kunststoffspezialisten Borealis und dem Öl- und Gaskonzern OMV, dazu fünf Prozent an Ferrari, knapp 16 Prozent am US-Chiphersteller AMD und 7,5 Prozent am Private-Equity-Spezialisten Carlyle.

Nicht immer leben die Staatsfonds in friedlicher Koexistenz mit ihren Beteiligungen. Gestritten wird nicht nur mit der Citigroup, Streit gibt es derzeit auch zwischen Abu Dhabi und München. Die International Petroleum Investment Company liegt im Clinch mit dem Lkw-Bauer MAN, der Anfang vergangenen Jahres 70 Prozent seiner Tochter Ferrostaal sowie eine Verkaufsoption für die restlichen 30 Prozent an die Araber abgab. Nach Korruptionsvorwürfen gegen Ferrostaal will Abu Dhabi die Restanteile nicht übernehmen und droht mit der Rückabwicklung des gesamtes Kaufes.

Industriewerte und Rohstoffe

Herkunft

Wie bei den meisten anderen Staatsfonds auch, sind bei den Abu-Dhabi-Fonds Beteiligungen von mehr als fünf Prozent eher die Ausnahme. Wenn die Fonds jedoch größere Anteile an Industrieunternehmen übernehmen, bleiben sie oft Jahrzehnte bei der Stange. So ist Kuwait schon seit 1974 Daimler treu. Der Kurszuwachs von seither 900 Prozent ist, über den langen Zeitraum betrachtet, nicht atemberaubend – pro Jahr ergibt sich eine Rendite von 6,5 Prozent. Doch in guten Jahren schüttet Daimler auch kräftig aus. So könnte die Dividende je Aktie kommendes Jahr 1,80 Euro betragen – das wären für die Kuwaitis rund 30 Prozent Rendite auf ihren Ursprungseinsatz von 1974. Mit Abu Dhabi hat Daimler seit Frühjahr 2009 einen zweiten Großaktionär vom Golf, der versprochen hat, seinen 9,1-Prozent-Anteil ebenfalls „langfristig“ halten zu wollten.

Auf einen langen Atem der Araber hofft man auch in Wolfsburg: Katar hat sich bei Volkswagen inzwischen mit 17 Prozent eingekauft und soll zudem zehn Prozent der Anteile am VW-Fusionspartner Porsche übernehmen. Von einer geplanten Kapitalerhöhung des französischen Atomkonzerns Areva will Kuwait 600 Millionen Euro zeichnen.

Staatsfonds sitzen das ständige Auf und Ab an den Börsen aus. Sie kaufen deutlich mehr zu, als sie an Beteiligungen abgeben. Für private Anleger ist es schwierig, einen so langen Weg mit einer Aktie zu gehen. Nur wer starke Nerven und eine Generation oder mehr Zeit hat, sollte Dauerengagements eingehen. Aktuell aber sind viele Aktien, die Staatsfonds halten, auch für Privatanleger attraktiv, vor allem Industriewerte wie Daimler, Gea und VW (siehe Tabelle).

Breit gestreut

Einen spannenden Einblick in die Investmentstrategie von Staatsfonds geben Unterlagen der US-Börsenaufsicht SEC. Der größte chinesische Staatsfonds CIC hatte die Vorschrift, dass Investitionen in US-Unternehmen im Wert von mehr als 100 Millionen Dollar gemeldet werden müssen, lange Zeit geflissentlich ignoriert. In diesem Jahr reichten die Chinesen erstmals einen Report dazu bei der SEC ein. Danach hatte CIC bis Ende 2009 für 9,6 Milliarden Dollar in den USA eingekauft – heimlich und leise auch mehr als 80 Aktien: von Apple über Citigroup, Coca-Cola, Merck, Morgan Stanley, News Corporation, Pfizer bis hin zu Visa und Wells Fargo. Gut zwei Milliarden Dollar steckten die Chinesen aber auch in mehr als ein Dutzend ganz profaner US-Investmentfonds – die wiederum in ausgesuchte Branchen oder Indizes investieren. Insgesamt 58 Milliarden von insgesamt rund 300 Milliarden Dollar hat CIC 2009 weltweit im Ausland investiert. Etwa 36 Prozent des im Ausland investierten Geldes lagen Ende 2009 in Aktien, 26 Prozent in Anleihen und 32 Prozent in Cash, heißt es im CIC-Geschäftsbericht.

Viel Cash, viel fest Verzinsliches also. „Anleihen spielen auch bei Staatsfonds eine gewichtige Rolle in der Anlagepolitik, denn angesichts der Volumina ihrer Investitionen ist es für sie wichtig, sich in möglichst liquiden Anlagen zu bewegen“, sagt Deutschbanker Kern. In diesem Jahr steckte CIC unter anderem 685 Millionen Euro in den europäischen Beteiligungsfonds Apax Europe. In den kommenden Monaten dürften weitere Engagements im Westen hinzukommen: „Zwar schauen wir auch weiter auf Schwellenländer und haben einige Kontakte nach Russland und Brasilien“, sagt Lou Jiwei, Chef bei CIC, „doch wir interessieren uns jetzt vor allem für Investments in entwickelten Ländern.“ Lous Strategie ist klar: In den Augen der Chinesen ist das Gröbste der Weltkrise ausgestanden. Gleichzeitig halten sie die Bewertungen an den Märkten noch immer für niedrig.

Weil CIC in der Finanzkrise mit Investments bei der amerikanischen Private-Equity-Gesellschaft Blackstone und der Investmentbank Morgan Stanley hohe Buchverluste einfuhr, mussten Lou Jiwei und seine Kollegen sich auf dem Volkskongress heftige Kritik vieler Genossen aus der KP anhören. Seither gehen Lou und sein CIC umsichtiger zu Werke. In erster Linie beteiligte sich Pekings Staatsfonds an Unternehmen aus dem Rohstoffsektor. Hier konnte Peking wegen der nach wie vor großen Nachfrage in Schwellenländern mit großer Wahrscheinlichkeit von steigenden Preisen ausgehen. Etwa zehn Milliarden Dollar pumpte die CIC in der zweiten Jahreshälfte 2009 in Rohstofffirmen. So zahlte CIC 1,5 Milliarden Dollar für eine 17,2-Prozent-Beteiligung an dem kanadischen Metallproduzenten Teck Resources. Der Kurs hat sich seither etwa verdoppelt. Vor gut einem Jahr stieg CIC mit elf Prozent bei Kasachstans staatlichem Energieversorger ein und mit 45 Prozent bei der russischen Nobel Oil Group. Die Strategie hat sich offenbar ausgezahlt: Im vergangenen Jahr lag die Rendite von CIC bei 11,7 Prozent.

Für Privatanleger gilt: Rohstoffwerte sind sehr konjunktur- und zinssensibel und damit spekulativ. Einen kleinen Anteil von ihnen ins Aktiendepot zu nehmen, sollte sich aber angesichts robuster Aussichten für die Weltkonjunktur in den nächsten Monaten noch lohnen. Unter den Rohstoffwerten, in die Staatsfonds investieren, bieten neben Teck Resources auch die Bergbauwerte Rio Tinto und Xstrata noch Chancen.

Sie lernen noch

CIC wurde erst 2007 gegründet und befindet sich, so viel ist sicher, noch immer in der Lernphase. Eine klare Strategie oder gar eine politische Stoßrichtung ist nicht zu erkennen. So soll etwa der Sportunternehmer Kenny Huang mit Geld von CIC jüngst versucht haben, den legendären britischen Fußballclub FC Liverpool aufzukaufen. Welche Renditeerwartung damit zusammenhängt, ist ein Rätsel.

So spiegelt das CIC-Portfolio eher die Unsicherheit eines Investors wider, der mal dies und mal jenes ausprobiert und der mit einigen seiner Entscheidungen schwer eins auf die Nase bekommen hat. „Uns gibt es gerade Mal gut drei Jahre, wir haben noch nicht so viel Erfahrung“, räumt Lou ein. Rund 70 Prozent des Fonds würden darum von externen Fondsmanagern verwaltet.

Um eigene Erfahrungslücken zu schließen, kauft CIC nach wie vor Expertise aus dem Ausland ein. Zeitweilig suchten die Chinesen sogar mit riesigen Zeitungsanzeigen nach Fondsmanagern. Fündig wurden sie unter anderem beim US-Hedgefonds Tudor, bei der Allianz-Tochter Pimco und der Schweizer UBS. Auch arabische Staatsfonds heuern häufig Experten aus dem Westen an.

Die tun jetzt das, was sie auch im Westen getan haben. Ihre Anlagepolitik, schreiben die OECD-Ökonomen Rolando Avendaño und Javier Santiso in einer aktuellen Studie, unterscheide sich kaum von der anderer Großinvestoren: „In beiden Fällen sind die treibenden Kräfte eher finanzieller denn politischer Natur.“ Will heißen, Staatsfonds wollen das, was alle wollen: Kapital weltweit möglichst sicher und gewinnbringend anlegen. 

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