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Der Ökonom Minskys Theorie der Finanzkrisen hat wieder Konjunktur

Hyman Minsky sah schon früh die große Krise voraus. Seine Überzeugung: Die Finanzbranche sorgt im Aufschwung für Schuldenblasen – zwangsläufig.

Hyman Minsky Quelle: Diana Minsky 1986

Es ist sicher nicht die Lust an Prognosen, die Hyman Minsky von seinen Kollegen unterscheidet. Der Gegensatz liegt woanders: Minsky hat nicht nur eine Prognose gewagt, sondern sie ist auch eingetroffen, und dies ziemlich präzise. Und da seine Vorhersage nicht irgendetwas betrifft – Minsky hat die aktuelle Finanzkrise vorhergesagt –, erfahren die Theorien des 1996 verstorbenen Amerikaners derzeit starke Beachtung. Zum ersten Mal.

Als Minsky 1986 inmitten des Wall-Street-Booms und der Reagan-Jahre sein Hauptwerk „Stabilizing an unstable economy“ veröffentlichte, war er ein ökonomischer Außenseiter. Seine unpopuläre These: Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist in sich instabil. Mehr noch: Schocks sind Teil des Systems – und damit unausweichlich.

Der Nachfahre russischer Einwanderer wurde 1919 in Chicago geboren, ging in New York zur Schule und studierte Mathematik an der University of Chicago. Mit den Ideen der damals entstehenden liberalen Chicagoer Schule um Milton Friedman konnte sich Minsky allerdings nie anfreunden. Er setzte seine Studien in Harvard fort, lernte unter anderem bei Joseph Schumpeter. Besonders beeinflussten ihn die Ideen von John Maynard Keynes. Über den britischen Ökonomen veröffentlichte Minsky 1975 sein erstes Buch: eine Biografie.

Minsky beschrieb verheerende Kettenreaktion - vor 20 Jahren

Minsky eigene Theorie kann diese Einflüsse nicht leugnen. Sie ist eine Mischung aus Schumpeters schöpferischer Zerstörung und keynesianischem Interventionismus, angewendet auf den Finanzkreislauf. Minsky machte das grundlegende Problem marktwirtschaftlicher Wirtschaftssysteme vor allem am Finanzsektor fest – und beschrieb vor mehr als 20 Jahren exakt jene verheerende Kettenreaktion auf kollabierenden Finanzmärkten, unter denen heute die Welt leidet. „Ein fundamentales Kennzeichen unserer Wirtschaft“, schreibt er, „ist, dass das Finanzsystem zwischen Stärke und Zerbrechlichkeit pendelt.“ Um ihre Renditen zu steigern, würden die Banken immer neue Finanzinstrumente kreieren. „Innovation“, so Minsky, „sichert Profite.“

Neben seriösen Schuldnern, die sowohl Zins als auch Tilgung bedienen können, bekommen im Aufschwung auch zunehmend schwächere („spekulative“) Schuldner Kredite. Die können zwar ihre Zinsen zahlen, brauchen aber immer neue Laufzeitverlängerungen. Am Ende der Entwicklung steht ein Typus, den Minsky den „Ponzi-Schuldner“ nennt. Die Geschichte des italienischen Einwanderers Charles Ponzi gilt in Amerika als das Sinnbild des Betrügers mit Schneeballsystemen. Ponzi-Schuldner bauen einzig auf Wertsteigerungen ihrer auf Kredit gekauften Güter.

Einleuchtende Erklärung für Crash

Eine Zeit lang funktioniert dieses System. Auf Seiten der Banken geht es einher mit einer immer höheren Bereitschaft für Risiken. Minsky bietet eine psychologisch schlichte und dennoch einleuchtende Erklärung für den sich anbahnenden Crash: Mit immer weiter steigenden Gewinnen verflüchtigt sich das Gefühl für das Risiko. Doch die wachsende Zahl schlechter Schuldner lässt das System irgendwann kollabieren. Die Ponzis müssen werthaltige Anlagen unter Preis verkaufen, um Forderungen zu bedienen. Die Erwartungen kippen, die Banken wanken, und nun greift die Krise über auf die Realwirtschaft.

Diesen Wendepunkt bezeichnen Ökonomen heute als „Minsky-Moment“. Geprägt hat den Begriff nicht Minsky selbst, sondern Paul McCulley, heute Direktor beim Vermögensverwalter Pimco. Er verwendete ihn während der russischen Währungskrise 1998 zum ersten Mal. Jetzt, sagt McCulley, sei wieder so ein Moment. Minsky dachte aber auch über die Bekämpfung der Krise nach. Hier zeigte er sich als treuer Keynesianer: Der Staat müsse die zwangläufig entstehenden Wirtschaftszyklen glätten, ähnliches gelte für die Notenbanken: Sie müssten einspringen, denn die Banken, überladen mit schlechten Krediten, könnten sich nicht mehr selber helfen. Auch das ist bekanntermaßen eingetroffen. Seine Zeit als Dozent und Professor verbrachte Minsky in den Sechziger- und Siebzigerjahren zunächst an Elite-Instituten wie der Brown University oder Berkeley. Danach wechselte er an die eher unbedeutende Washington University in St. Louis, wo er weithin unbeachtet arbeitete. Die letzten sechs Jahre seines Lebens lehrte er am Bard College, zwei Stunden nördlich von New York. Seine Tochter Diana unterrichtet dort heute Kunstgeschichte.

Spät haben Ökonomie und Politik den Krisenpropheten nun wiederentdeckt. Seine vergriffenen Schriften sollen neu aufgelegt werden – wegen der großen Nachfrage.

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