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Fernost Finanzkrise trifft Asien mit voller Wucht

Die Weltkrise erschüttert auch Asien. Beim Gipfel der Spitzenpolitiker in Peking treffen die Europäer auf tief verunsicherte Partner.

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Börseninformationstafel in der chinesischen Provinz Quelle: rtr

Leidlich stabile Banken, eine lange Tradition staatlicher Interventionen in die Wirtschaft, viel Erfahrung mit Wirtschaftskrisen, die letztlich glimpflich endeten: Von Weitem könnte man annehmen, die Asiaten müssten sich viel weniger Sorgen machen als Nordamerikaner und Europäer. An den Börsen in Mumbai oder Tokio, in malaysischen Fabriken oder in den Pekinger Ministerien sieht man das zu Recht ganz anders.

Darum ist Vizepremier Wang Qishan derzeit wahrscheinlich der meistbeschäftigte Politiker in der chinesischen Hauptstadt. Der Krisenmanager hatte sich 1998 während der Asienkrise erste Sporen verdient und in staatlichem Auftrag für die Schließung mehrerer von Filz und Korruption zersetzter Geldhäuser in der Provinz gesorgt. 2003 durfte er sich in Peking bewähren, als das öffentliche Leben wegen der Lungenepidemie SARS außer Kontrolle zu geraten drohte. Und jetzt soll Wang eine Kommission leiten, die sich mit den Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise für China befasst.

In allen asiatischen Ländern geht es kaum um Liquiditätsengpässe und drohende Bankenpleiten und auch nicht vorrangig um die Börsen. Sondern um die Realwirtschaft: Fast alle fernöstlichen Volkswirtschaften leben vor allem vom Export. Dämpft eine Rezession in den USA oder Europa die Nachfrage, bleiben sie auf Textilien, Spielzeug und Elektronikprodukten sitzen. Sinkende Unternehmensgewinne, Firmenpleiten und steigende Arbeitslosigkeit wären die Folge.

Und damit trifft die gegenwärtige Krise im Westen auch die Ostasiaten ins Mark.

Singapur bereits in der Rezession

Von Singapur bis Seoul, von Mumbai bis Manila haben Regierungen und Forscher ihre Prognosen nach unten revidiert. Um 6,1 Prozent werde die Wirtschaft in Asien (ohne Japan) im kommenden Jahr wachsen, meint Duncan Wooldridge, Ökonom bei UBS in Hongkong – 2007 waren es noch 9,4 Prozent. Eine Ursache sei zwar auch die Baisse an den Börsen der Region. Viel folgenschwerer sei aber die nachlassende Nachfrage der Importeure im Westen: „Rückläufige Ausfuhren werden schrittweise auch zu einer nachlassenden Inlandsnachfrage führen“, sagt Wooldridge, „weil sich mit den sinkenden Erlösen aus dem Export auch die Einnahmen der Privatleute und der Unternehmen abschwächen.“

Mit voller Wucht trifft die Krise vor allem die kleinen südostasiatischen Länder. Singapur ist bereits in die Rezession geschlittert. Mit einer Jahresrate von 6,3 Prozent schrumpfte die Wirtschaft im dritten Quartal 2008 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Im Vierteljahr davor hatte der Rückgang 5,7 Prozent betragen. Ihre Erwartung für den Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes für das gesamte Jahr hat die Regierung des Stadtstaates inzwischen von fünf auf drei Prozent gesenkt. Insgesamt werden die Ausfuhren in diesem Jahr wahrscheinlich um vier Prozent zurückgehen. Song Seng Wun, Ökonom bei CIMB-GK in Singapur, rechnet jetzt „mit einer längeren Phase mit schwachem Wachstum oder einer Rezession“. Um gegenzusteuern, hat die Zentralbank die schrittweise Aufwertung des Singapur-Dollar gestoppt.

Sehr ähnlich sieht es bei Singapurs Nachbarn Malaysia aus: Rückläufige Ausfuhren nach Amerika und Europa ließen die Zentralbank die Wachstumsprognose für 2009 um vier Prozent nach unten korrigieren. Am 20. Oktober will die Regierung in Kuala Lumpur Pläne für eine „Stabilisierung der Wirtschaft“ vorstellen – dazu wird mit Sicherheit ein staatliches Ausgabenprogramm gehören.

Chinas Abschottung hilft in der Krise

In Asien stellt sich also wie in Europa die Frage, wie sich die Ökonomien der krisengeschüttelten Länder stabilisieren lassen. Erste Maßnahmen zur Eindämmung der Krise wollen die Politiker bereits beim sogenannten Asem-Gipfel in Peking am kommenden Wochenende diskutieren, mit prominenten Gästen. Zum „Asia Europe Meeting“ treffen die Staats- oder Regierungschefs aus China, Indien, Japan, Korea, der Mongolei, Pakistan und den zehn Asean-Staaten ihre Kollegen aus allen 27 EU-Staaten.

China, Japan, Südkorea und die zehn Asean-Staaten (Brunei, Birma, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam) haben sich schon darauf geeinigt, einen Kreditfonds zur Hilfe bei Liquiditätsproblemen einzurichten. Das Instrument erinnert an die Asienkrise der Neunzigerjahre. Das Riesenreich hat damals die Turbulenz unbeschadet überstanden und wurde zum stabilisierenden Faktor in der Region.

China, dessen Wirtschaft im vergangenen Jahr um fast zwölf Prozent wuchs, dürfte dabei noch weniger leiden als andere Länder der Region. „Die Auswirkungen auf das Finanzsystem sind minimal“, meint Arthur Kroeber, Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts Dragonomics in Peking. Denn Chinas Finanzsystem ist noch immer weitgehend abgeschottet, die Banken haben kaum Geld in amerikanischen Schrott-Hypotheken angelegt.

Doch mehr als ein Drittel trägt Chinas Export zum Bruttoinlandsprodukt bei – noch. Für die kommenden Monate rechnet Wang Tao, Analystin bei UBS in Peking, mit einer deutlichen Abschwächung des Exportwachstums. „Die Zuwächse bei den Ausfuhren dürften in den kommenden Monaten nur noch im einstelligen Bereich liegen“, sagt Wang, „und das führt in der Folge zu einer nachlassenden Investitionstätigkeit.“ Die Investitionen in der Textilindustrie sind schon dramatisch eingebrochen. Das könnte sich auf andere Branchen ausdehnen, meint die Analystin.

Auf Talfahrt

Eine solche Entwicklung würde vor allem die bisherigen Boomregionen im Süden und Osten Chinas treffen. Wenn man den Notrufen der Branchenverbände glaubt, wird ungefähr jedes dritte der 70.000 exportorientierten Unternehmen in der Provinz Guangdong schließen, landesweit müssten 67.000 Betriebe daran glauben. Mit der Folge steigender Arbeitslosigkeit und entsprechender sozialer Unruhen.

Trotz allem rechnet UBS-Analystin Wang für das kommende Jahr noch mit einem Wirtschaftswachstum von acht Prozent – aber das ist optimistisch. Denn China droht neben einem Rückgang der Exporte und der Investitionen auch noch eine Immobilienkrise. Vor allem bei hochwertigen Wohnungen beobachtet der Wirtschaftsforscher Kroeber „ein riesiges Überangebot“. In großen Städten wie Shanghai, Peking und Shenzhen fallen die Preise. Immobilienfirmen gewähren den Käufern inzwischen Rabatte bis zu 50 Prozent. Aus dieser Immobilienkrise droht bereits eine Krise der Bauwirtschaft zu werden.

Die chinesische Regierung versucht gegenzusteuern und hat in den vergangenen Wochen zweimal die Zinsen gesenkt und den Zugang zu Krediten erleichtert. Geplant sind auch Steuersenkungen und ein Ausgabenprogramm in Höhe von 38 Milliarden Euro. Lässt sich aber mit Stärkung der Binnennachfrage in China viel ausrichten? Experten haben Zweifel, das chinesische Modell sei immer noch sehr exportlastig, meint der Ökonom Andy Xie: „Bis sich das ändert, vergehen noch Jahre.“

China hat Sorgen - Japan hat Panik

Dagegen ist in Japan ein Ende der Schwierigkeiten nicht in Sicht. Denn während die Weltkrise den Fachleuten in dem riesigen Schwellenland China große Sorgen macht, löst sie in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt nackte Panik aus. „Völlig unvorbereitet traf die Chaoswelle Japan, das sich in trügerischer Sicherheit wähnte“, beobachtet Martin Schulz vom Forschungsinstitut Fujitsu. „Und die Krise ist noch lange nicht vorbei.“

Dabei hatten japanische Banken kaum Geld in amerikanische Hypotheken versenkt. Was aber vielleicht viel schlimmer ist: „Unser Selbstvertrauen geht den Bach runter“, so Nobuhiko Kuramochi, Aktienanalyst bei Shinko Securties in Tokio.

Alte Rituale machen alles nur noch schlimmer. Vorstandschef Takeo Nakazono versuchte sich mit tiefen Verbeugungen für den Kollaps seines Lebensversicherers Yamato Life zu entschuldigen. Doch gerade das löste „schiere Panik aus“, meint Hideki Amikura vom Brokerhaus Nomura. Yamato ist das erste japanische Finanzinstitut, das wegen der Krise Gläubigerschutz beantragen musste: Die Schuldenlast war wegen geplatzter Anlagen, vor allem auf Immobilien im US-Bundesstaat Nevada, auf umgerechnet zwei Milliarden Euro angeschwollen. Hunderttausende Kunden zittern um ihre Einlagen und Renten.

Japanische Probleme liegen im Ausland

Neben dem Lebensversicherer Yamato Life ging in Japan auch der Immobilienentwickler City Residence in den Konkurs, obwohl er ausschließlich im Inland operiert hatte. Allein in Tokio belasten 10.000 unverkaufte Wohnungen die Branche. „Der Markt bricht um 20 bis 30 Prozent ein“, konstatiert Hiromichi Shirakawa, Chefvolkswirt bei Credit Suisse in Tokio, „das ist wie ein Mühlstein um den Hals, der alles nach unten zieht.“

Jetzt warnen japanische Marktforscher vor einer beispiellosen Bankrottwelle. Im September lag die Zahl der Firmenpleiten um 34 Prozent höher als vor Jahresfrist: Die Banken drehen vor allem kleinen Unternehmen den Geldhahn zu. Dabei ist das japanische Finanzsystem „fragil, aber nicht ernsthaft gefährdet“, meint Nomura-Chefvolkswirt Takahide Kiuchi: „Unsere Probleme liegen im Ausland. Was in Washington und beim EU-Gipfel beschlossen wurde, reicht zur Beruhigung nicht aus.“

Auch Tokio befürchtet den Ausfall der großen Exportmärkte China und Amerika. Die ersten Zeichen sind schon da: Im August verzeichnete Japan zum ersten Mal seit 26 Jahren ein Handelsdefizit. Der amerikanische Markt brach um fast 22 Prozent ein. Und schon seit vergangenem Mai verzeichnen die Japaner im jeweiligen Vorjahresvergleich einen Rückgang der Exporte nach Europa. Das betrifft unmittelbar die großen Autobauer und Elektronik-Exporteure, mittelbar aber um die 3,5 Millionen kleine und mittelgroße Zulieferer.

Alleine können die Japaner an ihrer Misere wenig ändern. „Ohne eine Erholung in den USA und der EU wird es keine Erholung in Japan geben“, meint Yutaka Harada, Chefvolkswirt beim Forschungsinstitut Daiwa. Da ist Chinas Krisenmanager Wang Qishan um seine Sorgen fast zu beneiden.

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