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Finanzkrise Desaster um Hypo Real Estate gefährdet auch sicherste Anlageformen

Mit dem Hypo-Real-Estate-Desaster stehen auch die sichersten Häfen unter Beschuss. Selbst beim bislang so grundsoliden deutschen Pfandbrief ist nun der GAU eingetreten. Damit nimmt der Finanz-Hurrikan auch in Europa immer mehr an Stärke zu. Ein Kommentar von WirtschaftsWoche-Redakteur Christof Schürmann.

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Eine Anzeigetafel in der Quelle: dpa

Schon seit dem 19. Jahrhundert gibt es den deutschen Pfandbrief. Mit 889 Milliarden Euro an umlaufenden Papieren ist der Pfandbriefmarkt das größte Segment im Euro-Anleihenmarkt. Pfandbriefe gelten als fast so sicher wie Staatspapiere. Der Grund: Sie sind mit erstrangigen Grundschulden aus Hypothekendarlehen besichert und bieten darauf noch eine Überdeckung.

Eine Investition in einen deutschen Hypotheken-Pfandbrief wird erst dann marode, wenn der Wert der besicherten Immobilien stark - bis unter die erstrangige Grundschuld - absacken sollte, was so gut wie ausgeschlossen ist. Dennoch steht auch der Pfandbriefmarkt seit Beginn der Finanzkrise unter Druck. Die Banken haben Schwierigkeiten, für ihre regelmäßig milliardenschweren Emissionen Liquidität für den Rückkauf  zur Verfügung zu stellen. Das trifft den Privatanleger, der ein paar Tausend Euro investiert hat, nicht. Großanleger kaufen und verkaufen Pfandbriefe aber in Tranchen ab 50 Millionen Euro oder mehr -  fehlendes Geld bei den Pfandbriefbanken hat zu erheblichen Einschränkungen im Börsenhandel geführt.

Pfandbrief-GAU ist eingetreten

Seit diesem Montag nun ist der Pfandbrief-GAU eingetreten: Liquiditätsprobleme bei der Hypo Real Estate (HRE). Deren irische Tochter Depfa hat sich  - wie fast alle Banken  - in der Finanzkrise verspekuliert. Die Münchner Bank steht für ein Fünftel des deutschen Pfandbriefmarktes. Sorgen muss sich nur, wer HRE-Pfandbriefe im großen Stil schnell verkaufen möchte - er wird sie kaum losbekommen. Die Werthaltigkeit der Papiere steht jedoch außer Frage.

Da der Pfandbrief als eine der wichtigsten und günstigsten Refinanzierungsquellen gilt, springt nun der Bund gemeinsam mit einem Bankenkonsortium mit einer 35-Milliarden-Euro-Bürgschaft ein. Weil er muss. Dennoch sind die Folgen des HRE-Debakels unabsehbar. Der Pfandbrief ist ein wichtiger Rettungsanker für anlagewillige Investoren und für die liquiditätssuchenden deutschen Banken. Bricht dieses Instrument nun vollends ein, weil der Handel für große Pakete noch mehr auszutrocknen droht, steigen die Zinskosten der ohnehin nach Luft schnappenden Banken noch einmal deutlich an.

Finanzkrisen-Hurrikan wird stärker

Der Finanz-Hurrikan nimmt also immer mehr an Stärke zu. Der niederländisch-belgische Finanzgigant Fortis wird heute teilverstaatlicht, die britische Hypothekenbank Bradford & Bingley schlüpft komplett bei Vater Staat unter, der Dominoeffekt einer weltweiten Bankenkrise ist  - wer es bisher nicht gemerkt hat - längst eingetreten.    

Die einzig gute Nachricht dieser Tage: Die 700 Milliarden Dollar staatliche Notopferhilfe der USA für die Banken würden reichen, um den gröbsten Hypothekenschrott aus den Bankbilanzen zu räumen. Die schlechte: Selbst diese gigantisch anmutende Menge Geld ist zu gering, um Abwertungen aufzufangen, die sich erst in den kommenden Quartalen und Jahren auftürmen werden.

In den USA sitzen private Haushalte, Unternehmen, Banken und der Staat auf 51.000 Milliarden Dollar Schulden. Die tatsächlichen Ausfälle und Ausfallwahrscheinlichkeiten steigen seit Jahresbeginn auf allen Ebenen rapide an. Nicht mitgezählt sind dabei Verpflichtungen, die außerhalb von Bilanzen lagern, so etwa 1200 Milliarden Dollar, die allein die Citigroup nicht auf den Büchern hat.

Der außerbörsliche Markt für Kreditversicherungen allein beträgt nach jüngsten Zahlen 54.000 Milliarden Dollar. Der gesamte Derivatemarkt ist derzeit 596.000 Milliarden Dollar schwer. Das gesamte Risiko aus diesen Kontrakten lag nach letzten verfügbaren Zahlen Ende 2007 bei 14.500 Milliarden Dollar und dürfte bis heute noch deutlich gestiegen sein. Das Geld, was die Zentralbanken verfeuern können, liegt aber bei nur etwa 6000 Milliarden Dollar - und ist möglicherweise zu wenig, um all die Liquiditätsprobleme der Banken rund um den Globus permanent zu überbrücken.

Und wie sieht es im Kern der Krise  - am US-Immobilenmarkt - aus? 14.000 Milliarden Dollar machen die Hypothekenkredite der privaten US-Haushalte aus. Nach offiziellen Daten zum 30. Juni sind mehr als zehn Prozent der Kreditnehmer in Verzug oder bereits in der Zwangsversteigerung.

Leicht absehbar also, dass selbst 700 Milliarden Dollar nicht reichen würden, um die halbtote Finanzwelt wieder lebendig zu machen. Um die Banken wenigstens von der Intensivstation wegzubekommen, werden weitere Infusionen notwendig sein. Und bis der Patient geheilt sein wird, werden ihm auch danach noch langjährige Kuren verschrieben werden müssen. Dazu - und das ist seit heute klar - müssen sich alle Banken, allen Notenbanken und alle Regierungen sofort an einen Tisch setzen und ein gemeinsames Paket schnüren. An weiteren Verstaatlichungen und an eine Verteilung der Risiken auf starke Institutionen wird kein Weg mehr vorbeiführen. Deshalb müssen die arabisch-asiatischen Staatsfonds, die auf Tausenden Milliarden Dollar sitzen, mit an den Tisch.  

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