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Finanzkrise Die globale Goldman-Sachs-Affäre

Nach der Klage der US-Börsenaufsicht gegen die US-Bank geraten die Kapitalmärkte weltweit unter Druck. Deutschland und Großbritannien prüfen rechtliche Schritte und US-Präsident Obama wittert eine Chance.

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Die US-Börsenaufsicht hat SEC Quelle: dpa

Einmal pro Woche spricht US-Präsident Barack Obama im Radio zu seinem Volk. An diesem Samstag warb er erneut für schärfere Regeln für die Kapitalmärkte: Diese Reform sei eine zu wichtige Angelegenheit, um weiter tatenlos zuzusehen. Obama kämpft für seine Kapitalmarktreform gegen die Widerstände der Republikaner im Senat und die Lobbyisten einflussreicher Unternehmen. Aber diesmal dürften seine Worte deutlich mehr Sympathie gewinnen. Und das verdankt der US-Präsident der größten Investmentbank der Welt, Goldman Sachs.

Auswirkungen von New York bis Shanghai

Seit am Wochenende die Vorwürfe der US-Börsenaufsicht SEC gegen Goldman publik wurden, entfaltet die Nachricht Wirkung auf den Märkten rund um den Globus. Vor allem die Aktien der Großbanken gerieten unter Druck und zogen die US-Börse ins Minus. Aber selbst in Asien spürten Investoren die Auswirkungen: Die Wechselkurse der Währungen fielen, angeführt von Malaysias Ringgit und Südkoreas Won. Als Grund nannten Investoren die deutlich gedämpfte Bereitschaft, Risiken einzugehen. Auch die Börse in Shanghai erlitt den höchsten Tagesverlust seit vergangenem Sommer. Chinas Regierung hatte am Wochenende Maßnahmen gegen Spekulationen am Häusermarkt angeordnet, die Goldman-Sachs-Affäre verstärkte den Effekt. Und selbst der Goldpreis geriet unter Druck und fiel in London auf niedrigsten Stand seit fast zwei Wochen. Eine strengere Regulierung der Banken begrenze die Nachrage an den Rohstoffmärkten, so die Befürchtung. Auch die Preise für Öl, Platin und sechs wichtige Industriemetalle fielen an der Londoner Rohstoffbörse daraufhin.

Was war geschehen? Die US-Börsenaufsicht Security and Exchange Commission (SEC) hat Goldman Sachs wegen Betrugs angeklagt. Die Börsenaufsicht hatte dem renommierten Geldhaus vorgeworfen, seine Anleger Anfang 2007 zum Kauf eines Finanzprodukts animiert zu haben, das von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Denn der Hedgefonds Paulson & Co. des US-Milliardärs John Paulson soll insgeheim am Aufbau des Portfolios aus US-Hypothekenpapieren mitgewirkt und nur minderwertige Ware hineingepackt haben. Anschließend habe er mit sogenannten Kreditausfallversicherungen (Collateralized Dept Obligations, CDO) auf ein Scheitern gewettet, was durch den Einbruch am US-Häusermarkt tatsächlich geschah.

Düsseldorfer IKB massiv betroffen

Goldman Sachs widerspricht dieser Darstellung vehement: „Wir haben kein Portfolio geschaffen, dass dafür bestimmt war, Geld zu verlieren.“ Die Käufer des Hypothekenportfolios – darunter die deutsche Mittelstandsbank IKB – seien erfahrene Marktteilnehmer gewesen und hätten um die Risiken gewusst. Die Auswahl der Papiere habe die unabhängige Finanzfirma ACA getroffen, sie war selbst der größte Investor. Auch Goldman Sachs habe auf steigende Kurse gesetzt und Verluste von 90 Millionen Dollar eingefahren.

Die Düsseldorfer IKB hat laut der Anklageschrift der SEC fast ihre gesamten 150 Millionen Dollar Einsatz verloren. „Die IKB hätte in diese Transaktion nicht investiert, wenn sie gewusst hätte, dass John Paulson eine wichtige Rolle in der Auswahl der Sicherheiten spielte“, heißt es in der 22-seitigen Anklageschrift. Ab Mitte 2007 geriet die Bank in existenzielle Schwierigkeiten und musste vom deutschen Steuerzahler mit Milliarden gerettet werden. Ob sie mit Schadenersatz rechnen kann, ist unklar. Die Düsseldorfer – mittlerweile im Besitz des US-Finanzinvestors Lone Star – haben sich bislang nicht zu der SEC-Klage geäußert.

Die Zentrale von Goldman Sachs Quelle: REUTERS

Die Bundesregierung behält sich die Prüfung rechtlicher Schritte gegen Goldman Sachs vor. „Die Finanzaufsicht BaFin wird ein Auskunftsersuchen an die SEC stellen“, sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm der „Welt am Sonntag“. „Nach einer sorgfältigen Bewertung der Unterlagen werden wir rechtliche Schritte prüfen.“ Insgesamt sollen die Anleger bei dem „Abacus 2007-AC1“ genannten Finanzprodukt mehr als eine Milliarde Dollar verloren haben. Fast die gleiche Summe soll der Hedgefonds Paulson gewonnen haben. An Goldman Sachs flossen 15 Millionen Dollar als Gebühren. Den Hedgefonds selbst will die SEC nicht belangen, denn schließlich habe Goldman Sachs das Produkt vertrieben, nicht Paulson.

In Bankkreisen wird gemunkelt, dass an Goldman Sachs ein Exempel statuiert werden soll. Nach Schätzungen von Branchenkennern droht dem Haus eine Milliardenstrafe. Laut US-Medien schaut sich auch das Justizministerium den Fall an. Hauptverantwortlicher für das Geschäft mit dem Namen Abacus war nach Einschätzung der SEC der nun ebenfalls angeklagte Goldman-Vizepräsident Fabrice Tourre. Selbst über den Weggang von Bankchef Lloyd Blankfein wird schon spekuliert. Er hatte Goldman Sachs nahezu unbeschädigt durch die Krise gesteuert. Sein Name taucht in der Anklageschrift aber nicht auf.

Es ist das erste Mal, dass die Börsenwächter bei einem derartigen Geschäft einschreiten. Für die Investmentbanken könnte das den Beginn härterer Zeiten bedeuten, denn viele von ihnen hatten ähnliche Finanzprodukte aufgelegt.

Untersuchung in Deutschland und Großbritannien

Nach der US-Börsenaufsicht SEC wollen nun auch Deutschland und Großbritannien die Vorgänge um die Vermarktung von verbrieften Hypothekenkrediten (CDO) durch Goldman untersuchen lassen. Zu den Abnehmern des komplizierten Finanzprodukts gehörte auch die niederländische ABN Amro, die später teilweise von der britischen Royal Bank of Scotland übernommen wurde. Die Banken sollen durch das Geschäft hohe Verluste erlitten haben. Großbritanniens Premierminister Gordon Brown forderte die britische Finanzaufsicht FSA auf, die Vorgänge bei Goldman umgehend unter die Lupe zu nehmen. „Hier ist mit Hunderten Millionen Pfund gehandelt worden, und es sieht so aus, als ob Leute über die Vorgänge in die Irre geführt wurden“, sagte Brown dem Fernsehsender BBC.

Die britische Royal Bank of Scotland (RBS) hatte der SEC zufolge im August 2008 Goldman 840 Millionen Dollar gezahlt, um das noch von der ABN Amro eingefädelte Geschäft mit der US-Bank aufzulösen. Nach mehreren Rettungsaktionen ist RBS mittlerweile selbst zu 84 Prozent in der Hand des britischen Staats. Die Bank wollte gestern keine Stellung dazu nehmen, ob sie rechtliche Schritte gegen Goldman erwägt. Eine mit der Angelegenheit vertraute Person sagte Reuters, die FSA arbeite mit der SEC zusammen, betrachte die Untersuchungen aber in erster Linie als US-Angelegenheit. Die FSA ist in ihrer Arbeit unabhängig, die britische Regierung kann eine Untersuchung durch die Behörde daher nicht anordnen.

Die SEC hat angekündigt, auch anderen Betrugsfällen bei strukturierten Finanzprodukten aggressiv nachzugehen, die als Mitauslöser der Finanzkrise gelten. Befürchtungen, dass auch die Deutsche Bank in juristische Auseinandersetzungen verwickelt werden könnte, hatten die Aktie des Geldhauses bereits am Freitag belastet. Mehrere Institute hatten 2007 ähnliche Finanzprodukte aufgelegt, mit denen Investoren auf einen Einbruch des US-Häusermarkts wetten konnten. Dazu hätten die Deutsche Bank, die Schweizer UBS und die von der Bank of America übernommene Investmentbank Merrill Lynch gehört, schreibt das „Wall Street Journal“.

Vorfahrt für Regulierungsvorhaben

Die Wall Street solle nach den Regulierungsplänen von Präsident Obama künftig für verantwortungsloses Handeln zur Rechenschaft gezogen und die Verbraucher besser geschützt werden. Kernpunkte sind mehr Mitspracherechte für Aktionäre, größerer Schutz für Verbraucher und eine neue Rolle für die US-Notenbank. Der Plan enthält auch eine schärfere Aufsicht über den Handel mit Finanzprodukten. So sollen Kreditausfallversicherungen oder Derivate nur noch an transparenten Plattformen wie Börsen gehandelt werden. Wenn Barack Obama seine Regulierungspläne jetzt nicht durchsetzen kann, wann dann?

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