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Finanzkrise Pleitewelle bei US-Banken in der Provinz

Die US-Bankenkrise ist mit der Verstaatlichung der Hypothekenriesen Fannie Mae und Freddie Mac nicht überstanden. Jetzt droht eine Pleitenwelle in der Provinz - unter jenen unbekannten Banken, die den deutschen Sparkassen entsprechen.

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Indymac-Filiale nach Quelle: AP

Das war knapp. Gerade noch mal so die Kurve gekratzt – bevor es Daddy schaden könnte. Schließlich will der gerade Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden, da käme eine Bankenpleite des Filius alles andere als gelegen.

Also reagierte Andrew McCain, der Sohn des republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain, fix. Im Juli verließ der 46-Jährige überraschend und nach nur wenigen Monaten den Vorstand der Silver State Bank in Henderson, einem Vorort des Spielerparadieses Las Vegas. Vier Tage später hätte er als Mitglied des Prüfungsausschusses den Quartalsbericht der Bank mit 17 Filialen in Arizona und Nevada unterzeichnen müssen. Der plötzliche Rückzieher habe „persönliche Gründe“, teilte die Bank mit. Am 5. September schloss die staatliche Regulierungsbehörde die erst zwölf Jahre alte Bank. Sie war pleite – ein weiteres Opfer der Finanz- und Immobilienkrise, die das ganze Land schüttelt. Das Potenzial, neben den wirtschaftlichen Folgen auch politischen Flurschaden anzurichten, hat die Welle von Bankzusammenbrüchen in den USA, je länger sie durch die Geldbranche wogt. Denn Silver State und Henderson ist mittlerweile überall. Zwar beherrschten bisher die Wall-Street-Größen die weltweiten Schlagzeilen: Rekordverluste in zweistelliger Milliardenhöhe bei Merrill Lynch und Citigroup, die Beinahe-Pleite von Bear Stearns im März, der andauernde Überlebenskampf von Lehman Brothers mit einem neuen Vier-Milliarden-Dollar-Verlust, das peinliche Debakel beim einst weltgrößten Versicherer AIG.

Doch seit dem vergangenen Wochenende ist die Krise auch im Herzen des amerikanischen Staatswesens angekommen. Über Nacht ließen die Politiker in Washington mit den beiden Vorstandschefs von Freddie Mac und Fannie Mae zwei ihrer früheren Lieblinge fallen wie heiße Kartoffeln. Die von Finanzminister Henry Paulson inszenierte Verstaatlichung der Mega-Hypothekenbanken, die direkt oder indirekt die Hälfte des US-Baufinanzierungsmarktes in ihren Büchern führen, konnte die Finanzmärkte nur kurz beruhigen. Erneut erstickte die Sorge um eine schlappe Konjunktur, steigende Arbeitslosenzahlen und weiter fallende Immobilienpreise die Hoffnung, der Höhepunkt der Banken- und Finanzkrise könnte nun überwunden sein.

Provinzielle Dramen

Im Ausland fast unbemerkt, ist der gefährliche Funke der Krise von der Wall Street längst auf andere unbekannte Institute übergesprungen, spielen sich viele Dramen mittlerweile in der amerikanischen Provinz ab: In Topeka, in Bradenton, Newport Beach, Reno, Pasadena, Alpharetta, Staples, Bentonville, Hume und in Kansas City wurden in diesem Jahr bereits in Schieflage geratene Banken dichtgemacht: elf insgesamt, nach nur drei Pleiten im gesamten Jahr 2007. Sparer plagt plötzlich wieder die Angst um ihre Einlagen. „Wir hatten von Juli 2004 bis Januar 2007 eine Phase ohne jegliche Bankpleite“, sagt Karen Dorway, Präsidentin des Bank-Rating-Service Bauer Financial in Coral Gables, Florida. „Jetzt werden die Leute panisch. Einige glauben, wir rutschen in eine erneute Savings & Loan-Krise, wie wir sie in den Achtzigerjahren erlebt haben“, sagt sie und hofft: „Das wird nicht passieren.“ Andere Experten sind nicht so optimistisch.

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    Unter die Savings & Loans fallen in den USA kleinere regionale, mit den deutschen Sparkassen vergleichbare Banken. Während der Krise zwischen 1986 und 1995 mussten mehr als 700 von ihnen aufgeben. Auch sie hatten sich auf dem Immobilienmarkt verspekuliert. Wegen der anziehenden Inflation stiegen damals die Zinsen auf den Kapitalmärkten steil an, was die Refinanzierungskosten für langfristig vergebene Kredite verteuerte und die Zinsmargen vieler Banken schrumpfen oder sogar negativ werden ließ. 1981 schrieben 3300 von 3800 dieser kommunalen Institutionen rote Zahlen. Über mehr als ein Jahrzehnt zog sich das Leiden hin. Insgesamt verursachten die S&L-Pleiten nach Schätzungen Kosten von 160 Milliarden Dollar. Den Großteil davon zahlte letztendlich der US-Steuerzahler.

    Schon damals spielte die Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC), ein Zwitter zwischen Einlagensicherungsfonds und staatlicher Regulierungsbehörde, bei der Bewältigung der Probleme eine zentrale Rolle. Die FDIC hatte seinerzeit zwar keine Aufsicht über die kleinen Kommunalbanken, doch auch die restliche Bankenbranche litt schwer. Zwischen 1980 und 1994 musste die FDIC mehr als 1600 Institute schließen oder finanziell stützen.

    Nicht so schlecht, wie es aussieht

    Kritische Masse

    Kann sich das Massensterben unter den US-Banken wiederholen? Die geheime FDIC-Liste mit Banken, die schwere Finanz- und Bilanzprobleme haben, wurde zuletzt jedenfalls länger und länger. Ende 2007 waren es 76, drei Monate später 90, Ende Juli 2008 bereits 117. Das ist die höchste Zahl seit gut fünf Jahren. Doch das Volumen der von der FDIC versicherten Aktiva dieser Banken liegt um fast das Dreifache höher als im Jahr 2003, bei mittlerweile 78,3 Milliarden Dollar. Im August kündigte FDIC-Chefin Sheila Bair an, dass sie wohl bald frisches Geld von der Regierung brauchen werde, um weiterhin die versicherten Einlagen von Sparern zurückzahlen zu können, deren Bank dichtgemacht wurde. Die Finanzreserven der FDIC waren Ende August bereits auf einen historischen Tiefstand von nur 1,01 Prozent aller versicherten Einlagen geschrumpft. Doch auch die Regulierungsbehörde hat nur begrenzten Einblick. Sie kann nicht jeden Wackelkandidaten frühzeitig identifizieren. So hatten die Aufpasser die kalifornische Regionalbank Indymac erst spät auf dem Radar. Im Juni rutschte sie auf die schwarze Liste, im Juli stand sie für den größten Banken-Zusammenbruch in den USA seit 1984. Die Pleite wird die FDIC voraussichtlich 8,9 Milliarden Dollar kosten.

    Die private Bank-Rating-Agentur Bauer Financial, bei der US-Anleger sich über die Solvenz ihrer Regionalbank informieren können, führt in ihrem eigenen Bewertungssystem im Juni bereits 281 Banken auf der Problemliste – ein 61-Prozent-Sprung im Vergleich zum Vorquartal. „Es ist dennoch nicht so schlecht, wie es aussieht“, sagt Bauer-Financial-Chefin Dorway, „diese 281 repräsentieren gerade mal 3,3 Prozent aller US-Banken.“ Anleger müssten halt ihre Hausaufgaben machen, bevor sie einem Geldinstitut mehr als die von der FDIC versicherten 100.000 Dollar anvertrauten.

    Immobilienmarkt bereitet nachwievor große Sorgen

    Lehman-Brothers-Zentrale in Quelle: dpa

    Gerard Cassidy von der Royal Bank of Canada, ein Veteran unter den Branchenanalysten, rechnet in den USA mit mindestens 300 Bankpleiten in den kommenden drei Jahren. Ihm bereitet vor allem die anhaltende Erosion der Bilanzqualität vieler Regionalbanken große Sorgen. Das Verhältnis von faulen Krediten zu Kapital und Rückstellungen für Verluste habe sich dramatisch verschlechtert. Vor zwei Jahren hatte dabei unter den 50 größten US-Banken nur eine eine Relation von mehr als 25 zu 100 – in seiner letzten Analyse Ende Juli waren es bereits zwölf.

    Die größte Sorge bereitet nach wie vor der Immobilienmarkt. Der Preisverfall bei Wohnimmobilien hat sich zuletzt zwar abgeschwächt. Doch bei einem Überangebot, das dem Verkauf von Häusern und Wohnungen für einen Zeitraum von fast einem Jahr entspricht, ist mit einer Umkehr des nun bereits zwei Jahre andauernden Negativtrends nicht so schnell zu rechnen. Ökonomen wie Jan Hatzius von Goldman Sachs gehen davon aus, dass es um mindestens weitere zehn Prozent nach unten geht. Gleichzeitig steigt die Zahl der Zwangsversteigerungen weiter stark an.

    Damit drohen nicht zuletzt junge Institute in Schwierigkeiten zu geraten: Die Goldgräberstimmung auf dem US-Immobilienmarkt hatte rund um die Jahrtausendwende sogar zu einem kleinen Gründungsboom bei Banken geführt. Viele dieser Neulinge in Florida, Kalifornien und Nevada stürzten sich in Immobilienfinanzierungen. Zunächst mit Erfolg: Solange die Preise stiegen, konnte kaum etwas passieren.

    Die Timberland Bank aus El Dorado in Arkansas, gegründet im Jahr 2000, ist ein Paradebeispiel für ein Geldinstitut, das dem Immobilienrausch erlag. Sie musste zwar noch keine Pleite anmelden, doch die Wahrscheinlichkeit, dass die Bank auf der schwarzen Liste der FDIC mit den Problemfällen steht, liegt bei nahe 100 Prozent. Denn Ende Juli schickten die Bankaufseher Vorstandschef und Gründer Tandy Menefee unter dem Zeichen FDIC 08–145b eine „Order to Cease and Desist“, eine Art Unterlassungserklärung. Darin werden unsichere Bankpraktiken und die Verletzung von Gesetzen und Regelungen angeprangert, die wie ein Sündenregister der gesamten Branche wirken: unzureichende Kapitalausstattung, zu viele faule Kredite, zu geringe Rückstellungen, unzureichende Kontrollen bei der Kreditvergabe, mangelhafte Dokumentation, keine adäquate Kontrolle des Managements durch das Board of Directors, eine Art Aufsichtsrat.

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      „Wir hatten über die vergangenen sechs Jahre ein außerordentliches Wachstum und waren wirklich aggressiv bei der Suche nach neuem Geschäft. Dabei war unsere Aufmerksamkeit fürs Detail unvollständig“, gibt Vorstandschef Menefee kleinlaut zu. Ob die Timberland Bank die Krise überleben wird, hängt wie bei vielen Regionalinstituten davon ab, ob es Menefee gelingt, frisches Kapital aufzutreiben. Die FDIC hat ihm eine brutale 60-Tage-Frist gesetzt.

      Doch die Timberland Bank hat einen großen Nachteil. Sie gehört nicht zu den großen Wall-Street-Banken. Die konnten in den vergangenen Monaten Milliarden bei ihren Aktionären und vor allem den Staatsfonds, den sogenannten Sovereign Wealth Funds, aus Dubai, China und Singapur einsammeln und so ihre Kapitalbasis wieder stärken. Den Regionalbanken hingegen fällt es schwer, an frisches Kapital zu kommen. Auch Silver State, die Bank aus Nevada, bei der McCains Sohn Andrew eine Weile mitspielte, versuchte noch im Juni, 40 Millionen Dollar einzusammeln. Obwohl die zehn Direktoren der Bank geschlossen bei der Kapitalerhöhung mitziehen wollten, bekamen sie das Geld nicht zusammen.

      Kreditkrise alles andere als vorüber

      Im Schatten der Walls Street

      „Sie müssen einfach akzeptieren, dass die Kreditkrise alles andere als vorüber ist“, redete FDIC-Chairman Bair Anfang September in Florida versammelten Regionalbankern ins Gewissen. Es sei „absolut kritisch“, dass die Anwesenden ihre „Bilanzen in Ordnung bekommen“. Sollte die Krise in den nächsten Monaten anhalten oder sich gar weiter verschärfen, können sich aber auch Wall-Street-Banken nicht sicher fühlen. Denn die Bereitschaft der Investoren schwindet, ihnen weiter frisches Geld zur Verfügung zu stellen. Lehman Brothers ist bei den Sovereign Wealth Funds bereits abgeblitzt. Mit ihren frühen Investments in Citi Group, Merrill Lynch, Morgan Stanley und Konsorten, die bereits ein Dreivierteljahr zurückreichen, haben diese Investoren sich bereits heftig die Finger verbrannt.

      Zudem ist das einige Jahre äußerst lukrative Geschäftsmodell der Branche, mit billigem Geld und großem Hebel an den Finanz- und Kreditmärkten zu operieren, weitgehend zerstört. Ken Rogoff, ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, erwartet deshalb neben dem Schwelbrand in der Provinz noch einen dicken Pleite-Brocken: „Das Schlimmste kommt erst. Wir werden nicht nur mittelgroße Banken untergehen sehen.“ Es werde auch noch eine große Geschäftsbank oder Investmentbank erwischen.

      Welchen Zündstoff eine Bankenpleite auch für Politiker haben kann, erfuhr Präsidentschaftskandidat McCain Ende der Achtzigerjahre. Damals musste er sich wegen einer zweifelhaften Beziehung zu einem Banker und nach der Pleite einer Regionalbank, die den US-Steuerzahler mehr als zwei Milliarden Dollar kostete, vor einer Ethikkommission des Senats verantworten. Die Untersuchung der „Keating-Affäre“ ergab zwar, dass sich McCain im juristischen Sinne nichts zuschulden hatte kommen lassen. Doch die Kommission bescheinigte ihm „ein schwaches Urteilsvermögen“.

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