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Finanzkrise So holen Sie sich Ihr Geld zurück

Die von der Finanzkrise gebeutelten Anleger schlagen zurück. Scharen von Investoren fordern bei Banken, Fonds und Vermittlern verlorene Milliarden ein. Wie Sie sich als geprellter Aktionär, Anleihe-, Fonds- und Zertifikateinhaber Ihr Geld zurückholen können.

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UBS: 100 Milliarden Euro Quelle: AP

Für den Ingenieur Brian Hunter, den Arzt Ken Markel und 1428 weitere kanadische Kleinanleger könnte die Finanzkrise glimpflich enden – und das, obwohl sie im Frühsommer 2007 einen Großteil ihrer Ersparnisse in verbriefte US-Ramschhypotheken investiert hatten. Als der Markt für solche Papiere kurz darauf zusammenbrach, zahlte das Brokerhaus Canaccord Capital den Investoren ihr Geld nicht zurück und bot stattdessen an, die Laufzeiten der Papiere von 30 bis 90 Tagen auf neun Jahre zu erhöhen. Nicht mit uns, dachten sich Hunter & Co. Blitzschnell formierten sie sich über Internet-Netzwerke wie Facebook zu einer schlagkräftigen Truppe und drohten Klagen an. Mit Erfolg: Im April stimmte Canaccord zu, den Anlegern ihr Geld zurückzuzahlen.

Auch in Deutschland kämpfen Privatanleger um ihre Ersparnisse. Derzeit rollt eine Klagewelle an: Tausende fordern Schadensersatz, weil ihre Aktien, Anleihen oder Fonds im Zuge der Finanzkrise abgestürzt sind. Die Klagen richten sich gegen Institute wie die IKB, die Hypo Real Estate und die UBS, die riskante Investments verheimlichten oder verharmlosten; gegen Banken und Anlagevermittler, die mit Ramschhypotheken bestückte Renten- und Geldmarktfonds als sichere Anlagen anpriesen sowie gegen Zertifikate-Anbieter, die kurzerhand die Rückzahlung verweigerten, als die Papiere nach unten rauschten.

Wie stehen die Chancen der Kläger, sich ihr Geld zurückzuholen? Wie können von Verlusten betroffene Anleger, die noch nicht zu juristischen Mitteln gegriffen haben, auf den Klagezug springen? Und: Mit welchen Tricks arbeiten die Vertuscher und vermeintlich Ahnungslosen aus den Banketagen vor Gericht?

Das juristische Nachspiel der Finanzkrise wird die Justiz ähnlich lange beschäftigen wie New-Economy-Skandale à la EM.TV, Comroad, Infomatec oder Deutsche Telekom. Ein Ende der aktuellen Klagewelle ist nicht absehbar, nahezu täglich ziehen Anleger vor Gericht. In Einzelfällen wird es Jahre bis zu einer Entscheidung dauern. Dennoch könnte sich der Einsatz lohnen: Deborah Sturman, Expertin für US-Sammelklagen, rechnet beispielsweise im Fall UBS mit guten Chancen auf Schadensersatz auch für deutsche Anleger.

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    In den USA, wo die Gesetze deutlich anlegerfreundlicher sind als hierzulande, ist die Klagewelle bereits zu einem „Tsunami“ angeschwollen, meint Jeff Nielsen von der Beratungsgesellschaft Navigant Consulting. Seinen Erhebungen zufolge wurden alleine im ersten Quartal dieses Jahres 129 Sammelklagen gegen Banken, Broker oder Fondsgesellschaften eingereicht.

    Zu den Klägern gehören in den USA nicht nur geprellte Anleger, sondern auch Hausbesitzer, die sich von provisionshungrigen Drückern eine Hypothek aufschwatzen ließen – und diese jetzt nicht mehr bedienen können. Solche Zahlungsausfälle treiben nach wie vor die Finanzkrise. Der vergiftete Hypothekenmüll, den Banken in den vergangenen Jahren gebündelt, verbrieft und in alle Welt verkauft haben, ist » über direkte Anlagen wie Aktien oder – indirekt und oft unbemerkt – über Fonds in Privatdepots gelandet.

    IKB. Zu den ersten Opfern des globalen Finanzmonopolys gehörten die Aktionäre der Mittelstandsbank IKB im US-fernen Düsseldorf. Am Morgen des 30. Juli 2007 schockt das Institut die Märkte mit einer Gewinnwarnung – wegen hoher Investitionen in US-Hypotheken. Wenig später wird deutlich: Die IKB ist nahezu pleite, die Staatsbank KfW – Großaktionärin der IKB – muss mit privaten Banken ein milliardenschweres Rettungspaket schnüren. Bankchef Stefan Ortseifen nimmt seinen Hut, weitere Vorstände folgen.

    Ortseifen hatte noch am 20. Juli in einer Pressemitteilung verkündet, dass der im Juni 2007 ausgebrochene US-Hypothekenvirus „praktisch keine Auswirkungen“ auf die Ertragslage habe. Der Aktienkurs stabilisierte sich daraufhin, viele Anleger sahen in dem als solide geltenden MDax-Wert gerade angesichts der unsicheren Marktlage ein attraktives Investment – und mussten wenige Tage später zusehen, wie die Aktie ins Bodenlose fiel. Am 30. Juli verlor der IKB-Kurs binnen weniger Stunden 20 Prozent an Wert, inzwischen sind 90 Prozent futsch. Auch IKB-Anleihen und Genussscheine büßten kräftig ein.

    Klagen in dreistelliger Höhe

    Die ersten Urteile zur IKB waren ernüchternd. Das Landgericht Düsseldorf hat seit Juni vier Klagen von Anlegern abgewiesen. Die Geschädigten hätten nicht nachvollziehbar begründet, warum sie in IKB-Aktien investierten, teilten die Richter nach zwei Urteilen am 11. Juli mit.

    Das zeigt das Dilemma, in dem geprellte Anleger in Deutschland stecken: Das Gesetz bürdet ihnen die Beweispflicht auf – sie müssen entweder belegen, dass sie die Aktien wegen einer falschen Mitteilung des Unternehmens und nicht aus anderen Gründen gekauft haben oder dass der Vorstand wichtige Informationen nicht wie gesetzlich vorgeschrieben unmittelbar veröffentlicht hat (sogenannte Ad-hoc-Pflicht). „Dass Anleger Beweise für interne Vorgänge finden müssen, ist unzumutbar“, moniert der Frankfurter Anwalt Klaus Nieding. In den USA sei es wesentlich leichter, Unternehmen wegen Falschangaben haftbar zu machen.

    Die Misserfolge der ersten Kläger bedeuten aber nicht, dass Anleger chancenlos sind – die Frage ist, ob sie die geforderten Beweise liefern können. Der Münchner Anwalt Klaus Rotter bleibt optimistisch: „Wir werden in den nächsten Tagen für unsere Klienten Klagen einreichen.“ Auch andere Anwälte stehen in den Startlöchern, weil Ansprüche am 30. Juli verjähren. Zu den knapp 60 Klagen, die bereits anhängig sind, dürfte also wenigstens eine dreistellige Zahl hinzukommen; allein Rotters Kanzlei vertritt mehr als 50 Anleger.

    Rotter will beweisen, dass der IKB-Vorstand schon früh von den Risiken der US-Subprime-Investments wusste. Bereits im Oktober 2005 habe das Management eine fast 50-seitige hausinterne Studie mit dem Titel „Subprime 05/06 – The Clock is Ticking“ erhalten, die eindringlich vor den Gefahren der Aktivitäten auf dem US-Hypothekenmarkt warnte. „Zu diesem Zeitpunkt hätte die IKB die Öffentlichkeit über ihr massives Subprime-Engagement informieren müssen“, so Rotter. Da dies unterblieb, sei sie schadensersatzpflichtig.

    IKB-Anwalt Rupert Bellinghausen von der Kanzlei Linklaters hält dagegen: „Das Management der IKB konnte den Zusammenbruch des Subprime-Marktes nicht vorhersehen.“ Die bisherigen Urteile machen ihm Mut: „Die Richter haben nicht einmal die Voraussetzungen für ein Musterverfahren erfüllt gesehen.“

    Immer mehr Anleger prozessieren

    Ob das so bleibt? Die abgewiesenen Klagen lassen nur begrenzt Rückschlüsse zu. Die Kläger sind Anleger, die zwischen dem 20. Juli und 30. Juli 2007 IKB-Aktien gekauft hatten. Sie stützen ihre Schadensersatzforderung deshalb vor allem auf die Fehlinformation der IKB vom 20. Juli – und hätten somit beweisen müssen, dass diese der Grund für den Kauf der Aktien war. Davon jedoch lassen sich die Düsseldorfer Richter offenbar nicht so schnell überzeugen. Zahlreiche Klagen stützen sich jetzt auf eine unterlassene Ad- hoc-Mitteilung.

    Sollten die Richter tatsächlich eine Ad-hoc-Pflicht im Oktober 2005 konstatieren, hätten all diejenigen Anleger Ansprüche, die zwischen Oktober 2005 und Juli 2007 eingestiegen sind – und nicht nur solche, die in den Tagen vor der Gewinnwarnung am 30. Juli kauften. Andere Experten sind skeptischer, die Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz etwa sieht nur Chancen innerhalb der Zehntagesfrist nach dem 20. Juli 2007. Allemal dürfte bis zu einer endgültigen Entscheidung viel Zeit vergehen, das letzte Wort wird vermutlich der Bundesgerichtshof sprechen.

    Unklar ist, ob die IKB frühere Vorstände wie Ex-Chef Ortseifen auf Schadensersatz verklagt. Michael Helbig, Sprecher des Großaktionärs KfW: „Das wird derzeit juristisch geprüft.“ Die KfW wolle erst Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Düsseldorf abwarten. Die rheinischen Fahnder gehen dem Verdacht auf Untreue und Verstößen gegen das Aktiengesetz nach, bereits Ende November durchsuchten sie die Häuser von vier Ex-Vorständen. Die Ermittlungen gestalteten sich „schwierig“, berichtet ein Insider.

    Hypo Real Estate. Während des IKB-Skandals hatte Georg Funke, Vorstandschef der Hypo Real Estate (HRE), seine Aktionäre beruhigt: Aus der Krise seien für die im Dax notierte Bank „keine negativen Belastungen zu erwarten“, hieß es am 3. August 2007 in einer Pressemitteilung. „Selbst wenn es zu einem vollständigen Zusammenbruch des Subprime-Marktes käme, wäre dies im Rahmen unserer kalkulierten Risikovorsorge mehrfach abgedeckt.“

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