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Führungs-Spitzen

Der Abschied, der keiner ist

Josef Ackermann betonte bislang wiederholt, er sei ein schlechter Aufsichtsrat. Er sei zu stark ins Geschäft involviert und zu ungeduldig. Nun hat der bisherige Chef der Deutschen Bank seine Meinung geändert – doch ist es wirklich denkbar, dass der Schweizer Vollblutbanker als Aufsichtsratschef die nötige Distanz zum operativen Geschäft wahren wird?

Heiner Thorborg ist einer der führenden Personalberater Deutschlands Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche

Josef Ackermann will nun also doch Aufsichtsratschef werden bei der Deutschen Bank. Wie immer, wenn Ackermann irgendetwas unternimmt, fehlt es nicht an kritischen Stimmen. Der Mann kann kein Gänseblümchen pflücken, ohne das seine Kritiker in ihm gleich eine Bedrohung für den Fortbestand der Botanik wähnen.

Im konkreten Fall sind die Mahnungen allerdings durchaus bedenkenswert, denn tatsächlich widerspricht die Rochade ins Kontrollgremium den formellen Prinzipien guter Unternehmensführung. Laut deutschem Aktienrecht gilt seit 2009 eine Schamfrist von zwei Jahren, bevor ein Vorstandsvorsitzender in seinem Unternehmen als Aufsichtsrat antreten darf. Eine Ausnahme ist nur möglich, wenn 25 Prozent der Aktionäre sich ausdrücklich für einen Wechsel in den Aufsichtsrat aussprechen. Für diese Regel gibt es durchaus Gründe, denn es ist in der Tat riskant, die Arbeit eines Vorstandes von jemandem beurteilen zu lassen, der sie selbst gestern noch maßgeblich geprägt hat. Überdies sehen Kritiker die Möglichkeit, dass sich Ackermann nicht mit seiner Rolle als Kontrolleur zufrieden gibt und sich weiterhin in den Vordergrund spielt.

Investoren folgen der Spur des Geldes

Dennoch ist Ackermanns Griff nach der Aufsichtsratsposition richtig. Dass er den Mut hat, sich dem Risiko einer Wahl zu stellen – wie gesagt, laut Kodex muss ihn ein Viertel der Aktionäre in der neuen Rolle bestätigen - spricht für ihn. Dies hätte ich mir auch bei Jürgen Hambrecht für die BASF und Werner Wenning für Bayer gewünscht.

Ich persönlich habe keine Zweifel, dass Ackermann genug Stimmen der Investoren auf sich versammeln wird, denn – und das ist der wichtigste Punkt – es gibt keinen besseren Kandidaten für diesen Job. Kapitalgeber wollen einen Aufsichtsratschef, der ihre Interessen wahrt, und dass er genau das kann wie kein zweiter, hat Ackermann hinlänglich bewiesen.

Sich diese Chance auf einen erstklassigen Chefkontrolleur entgehen zu lassen, wäre aus Sicht der Aktionäre also schlicht unsinnig, Kodex hin oder her. Das findet interessanterweise auch die Belegschaft: So soll sich eine Mehrheit der zehn Arbeitnehmervertreter im 20-köpfigen Aufsichtsrat dafür stark gemacht haben, dass Ackermann Clemens Börsig ablöst. Dieses Votum ist im übrigen beides: Ein Kompliment an den Ex-Chef und ein Misstrauensvotum an Börsig, der sich als Aufsichtsratschef nicht nur mit Ruhm bekleckerte. Seine Dauerfehde mit Ackermann und die diversen Ankündigungen neuer Chefs, die sich dann nie materialisierten, waren weder gut für das Image der Bank noch für das von Börsig.

Erwiesenermaßen flexibel

Ackermann ist im übrigen bislang immer durch Lernfähigkeit aufgefallen. Deswegen darf ihm das geneigte Publikum auch durchaus zutrauen, dass er sich nun auch in die Rolle als Aufsichtratschef hinein findet, der Mann hat schließlich schon ganz andere Aufgaben gemeistert. Das Gute ist: Ackermann muss niemandem mehr etwas beweisen und wird von daher vermutlich weniger Probleme haben, sich im Hintergrund zu halten, als die Unkenrufer es heute erwarten.

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