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Gbureks Geld-Geklimper

Charts: Kräht der Hahn auf dem Mist...

WirtschaftsWoche-Kolumnist Manfred Gburek betrachtet die Zwölf-Monats-Kurve des Deutschen Aktienindex Dax und erkennt in den Interpretionen des Charts viel Fragwürdiges - aber auch eine gewisse Aussagekraft.

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Manfred Gburek

7225,94 Punkte, das war das Dax-Zwischenhoch im Wonnemonat Mai - allerdings 2008. Zehn Monate später war dieser Leitindex der Deutschen Börse nur noch gut die Hälfte wert: 3666,41. Seitdem steigt er wieder, zuletzt sogar recht kräftig. Viele technische Analysten bzw. Chartisten, wie die Kurvendeuter im Börsenjargon heißen, versuchen aus dieser Entwicklung schlau zu werden und ihre Erkenntnisse den von den Aktienkursen zwischenzeitlich frustrierten Anlegern zu präsentieren. Doch das ist häufig ein hoffnungsloses Unterfangen. Denn der Dax will einfach in kein Kurvenschema mehr passen. Egal, ob die Charts aus Linien, Balken, Kerzen oder X- und O-Zeichen bestehen, ob sie durch Trend- und Widerstandslinien ergänzt oder um Formationen und gleitende Durchschnitte erweitert werden, das Ergebnis erinnert allzu oft an einen alten Bauernspruch: Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt wie es ist.

Dax-Performance-Index der vergangenen zwölf Monate Quelle: Thompson Datastream vom 07.05.09

Dieses Ergebnis ist gar nicht verwunderlich, weil Aktienindex-Interpretationen im Regelfall äußerst problematisch sind: 30 Dax-Aktien, deren Kurse wild hin und her springen, sind mit sehr viel Börsenerfahrung und etwas Glück zwar jede für sich interpretierbar, aber nur bedingt als Gemisch aus Telefontarifen (Telekom), Autos (Daimler), Versicherungspolicen (Allianz), Kraftwerken (RWE) und Düngemitteln (K+S). Zumal das Gemisch sich mindestens ein Mal im Jahr ändert. Würden zum Beispiel frühere Dax-Mitglieder wie Babcock, Metallgesellschaft oder MLP auch heute noch dazugehören, sähe es um den deutschen Leitindex düster aus - und die Chartisten dürften zu ganz anderen Ergebnissen kommen, als sie es heute tun.

Kunst oder Kommerz

Warum sind viele von ihnen trotzdem nicht davon abzubringen, Hahn auf dem Mist zu spielen? Zwei Antworten drängen sich auf: 

Weil sie aus unerfindlichen Gründen und gegen jegliche Vernunft immer noch von ihren Interpretationskünsten überzeugt sind. Weil der eine oder andere Chartist, meistens wohlwollend von den Medien unterstützt, Kultstatus erreicht und dann seiner Bank allein schon durch den Bekanntheitsgrad als Aushängeschild, als populärer Referent und damit indirekt auch als Akquisiteur von großem Nutzen sein kann.

Für die zweite Antwort spricht mehr als für die erste, weil die zum Vertrieb ihrer auf Aktien basierenden Finanzprodukte (Fonds, Zertifikate, Aktienanleihen) wichtige Akquise bei Banken einen hohen Stellenwert hat. Das gilt allerdings primär während solcher Börsenphasen, in denen die Aktienkurse heißlaufen, wie Anfang 2000 oder zuletzt im Sommer und Herbst 2007. Dagegen sind Chartisten als Vertriebsturbo in Krisenzeiten wie jetzt weniger gefragt.

Dagegen umso mehr als Entdecker von neuen Trends, speziell von Kaufgelegenheiten, denn im Zuge der Finanzkrise sind viele Aktien billig geworden. Aber auch preiswert? Sosehr die Aufgabe, das zu ermitteln, den Fundamentalisten obliegen mag, also den Bilanzinterpreten und Kennzahlenjongleuren: Die wahren Chartisten, die sich dem Dax jenseits jeglicher Indexprosa und Akquisitionshilfe nähern, können für die Fundamentalisten und damit letztlich auch für Fondsmanager und andere Vermögensverwalter eine wertvolle Vorarbeit leisten. Sie sehen zurzeit einige bemerkenswerte Kursbewegungen, die bereits den einen oder anderen Rückschluss auf die kommende Entwicklung zulassen.

Dax-Performance-Index der vergangenen zwölf Monate Quelle: Thompson Datastream vom 07.05.09

Seltsam waren einige Kommentare zum Dax bis nach seinem Anstieg am Mittwoch dieser Woche. Von Fundamentalisten: positive US-Arbeitsmarktdaten - einfach lächerlich. Von Chartisten: nur noch ein kurzer Weg, bis der Dax seinen 200-Tage-Durchschnitt von unten nach oben kreuzt - zwischen Fehlinterpretation und Wunschdenken. Die 200-Tage-Linie bildet den Durchschnitt der Werte aus den vergangenen 200 Börsentagen ab. Der Wert dieser Kennziffer wird auf der Zeitskala dort abgetragen, wo sich der aktuelle Indexwert befindet. Liegt er darüber, fallen die Aktienkurse in der Regel; liegt er darunter, steigen sie in der Regel. Doch keine Regel ohne Ausnahme: Bei hektischem Auf und Ab der Kurse ist die 200-Tage-Linie als Kursindikator meistens unbrauchbar. Und wenn sie, wie am Mittwoch hier und da geschehen, in das Wunschdenken eingeht, ist die Fehlinterpretation so gut wie sicher.

Auf Börsenumsätze achten

Eine der wenigen Ausnahmen, bei denen das Gemisch aus 30 Dax-Aktien zumindest bedingt Interpretationen zulässt, besteht in seiner Gegenüberstellung mit den Börsenumsätzen, vorausgesetzt, es gab während des untersuchten Zeitraums keine oder nur geringfügige Änderungen in der Indexzusammensetzung. Denn kurstechnische Analyse ist Verhaltensforschung, und im Kontext mit Börsenumsätzen lässt sich das Verhalten der Anleger recht zuverlässig interpretieren. Eine bedeutende Interpretation betrifft konkret die Höhe der Umsätze vom Dax-Hoch bei 8.105,69 Punkten im Sommer 2007 bis zum Dax-Tief Anfang März dieses Jahres bei 3.666,41 Punkten und darüber hinaus bis zum jüngsten Versuch, 5.000 Punkte zu erreichen: Die Umsätze waren 2007 hoch, fielen bis zum Sommer 2008 ein wenig, stiegen im Herbst wieder kräftig und sanken anschließend, unabhängig davon, ob die Dax-Kurve nach unten oder - wie seit März - nach oben ging.

Starke und schwache Hände

Fazit: 2007 und in den ersten Monaten 2008 verkauften die so genannten starken Hände viele deutsche Standardwerte, während die schwachen Hände sie ebenso zahlreich kauften. Das ging bis zum Herbst 2008 bei geringeren Umsätzen weiter. Von da an verkauften die schwachen Hände die Standardwerte, und spekulative Anleger griffen vermehrt zu. Ob es sich bei diesen um die starken Hände handelte, die 2007 und kurz danach massiv auf der Verkäuferseite standen, ist indes zu bezweifeln, sonst wären die Börsenumsätze danach ebenfalls hoch geblieben. Waren sie aber nicht und sind sie auch nicht bis zu dieser Woche. Da die Umsatzbelebung ausbleibt, kann das als klares Signal dafür gelten, dass die Kauflaune anderer Anleger sich in Grenzen hält. Oder um den Jargon der Chartisten zu verwenden: Die Bärenmarktrally geht in diesen Tagen zu Ende. Wenigstens diese Interpretation lassen die Charts zu, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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