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Gbureks Geld-Geklimper

Erst reich mit Aktien, dann arm mit Banken

Anleger werden mit Kommentaren zu den aktuellen Entwicklungen an der Börse überhäuft. Die meisten davon sind überflüssig und dienen eigenen Zwecken, meint WirtschaftsWoche-Kolumnist Manfred Gburek.

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Börsenmakler der Commerzbank Quelle: AP

Börsenkommentare sind überflüssig. Warum werden sie trotzdem veröffentlicht, gelesen, gehört, angeklickt? Weil die Kommentatoren den Abnehmern ihrer vermeintlichen Börsenweisheiten das Gefühl vermitteln, dabei gewesen zu sein, als Dax, Dow Jones, Dollar, Gold, GM- und Arcandor-Aktien stiegen oder fielen. Beispiel gefällig? "Teilweise enttäuschend ausgefallene US-Konjunkturdaten beschleunigten die Tendenz nach unten", ließ die Agentur dpa-AFX am 3. Juni vermelden. Zum Dow Jones? Nein, zum Dax. Aber die Antwort auf die Frage, welcher Zusammenhang zwischen dem deutschen Dax und den amerikanischen Konjunkturdaten besteht, blieb die Agentur schuldig. Sicher aus gutem Grund, wahrscheinlich existiert ein solcher Zusammenhang gar nicht. Stattdessen zitierte sie Blabla wie dieses: "Nachdem der Dax so rasch nach oben gelaufen ist, haben wir nun einen Tag der Zurückhaltung und Besinnung erlebt."

Spiel für die Laienschar

Blättern wir zwei Tage zurück: Pfingstmontag. An der deutschen Börse ist zwar wenig los, aber der Dax macht einen Freudensprung. Wie soll man das verstehen? Wieder kennt dpa-AFX die Antwort: "Als Antrieb verwiesen Börsianer unter anderem auf ermutigende Nachrichten aus China." Und: "Schließlich sind in den USA auch die persönlichen Einnahmen der privaten Haushalte überraschend gestiegen." Aha, der Dax hat kräftig zugelegt, weil in China ein Sack Reis umgefallen ist und weil die amerikanischen Konsumenten endlich wieder zu dem kommen können, was sie am besten beherrschen: Geld ausgeben.

Belassen wir es dabei, die Agentur steht hier ja nur als pars pro toto für alle Börsenkommentatoren, die eine Funktion ausüben, die den wenigsten Konsumenten der Kommentare wirklich bewusst ist: Sie halten das Börsenspiel am Laufen. Nicht die intelligente Spekulation, die von Profis ausgeheckt und an der Börse ausgeführt wird, sondern das Spiel, an dem sich eine große Laienschar beteiligt und dabei viel Geld verliert, manchmal sogar gewinnt. Hin und her macht Taschen leer, möchte man den Laien am liebsten zurufen, aber sie wollen lieber der Deutschen Bank folgen, die anno 2008 in einer ihrer schwärzesten Stunden den Spruch losließ: "Traden macht reich, Traden macht mobil, Traden macht frei." Man könnte auch hinzufügen: "Und die Erde ist eine Scheibe" - die Laien würden auch das für bare Münze nehmen.

Staat spielt mit

An dem großen Spiel ums Geld beteiligt sich, wohl eher ungewollt, ausgerechnet auch der deutsche Fiskus: Seit Anfang 2009 gilt die Abgeltungsteuer. Sie behandelt alle Anleger gleich, die mit ihren seit Jahresbeginn gekauften und wieder verkauften Aktien oder anderen Börsenvehikeln Kursgewinne erzielt haben. Die unterliegen jetzt nach Abzug des Sparerpauschbetrags der neuen Steuer, zuzüglich Soli und Kirchensteuer, macht zusammen rund 28 Prozent. Vorbei sind die Zeiten, in denen Aktionäre nur ein Jahr zu warten brauchten, um ihre Kursgewinne steuerfrei zu kassieren. Der Fiskus hat sie einfach in die Reihe der Zocker eingegliedert und nebenbei der Aktie als solcher einen Bärendienst erwiesen.

Manfred Gburek

Die Verlierer stehen also fest. Und wo sind die Gewinner? Ganz einfach: Wenn pars-pro-toto-dpa-AFX die Anleger mittels Kommentar am 1. Juni euphorisch stimmt und am 3. Juni traurig, sind die Anleger eher bereit, prozyklisch genau das Falsche zu tun, als wenn sie keinen einzigen Kommentar vor Augen oder zu Ohren bekämen. Dahinter stecken keine bösen Mächte, die ihnen bewusst zum falschen Timing raten, sondern Banken, die an Börsenumsätzen verdienen und nicht etwa daran, dass Anleger hohe Kursgewinne einstreichen.

Depotbanken brauchen Transaktionen

Wenn Anleger ihre Aktien vor 1994, als es in Deutschland noch keine Direktbanken gab, nach einem Jahr Haltedauer verkauften, verdiente ihre Bank anhand von zwei Transaktionen, Kauf und Verkauf, je ein Prozent Provision. Das war für die Bank kein tragfähiges Geschäftsmodell, erst recht nicht, als Direktbanken seit 1994 wie Pilze aus dem Boden schossen und die Provisionen auf Prozent-Minibruchteile abschmolzen. Folglich musste dieses Geschäft entweder weiter quersubventioniert oder schleunigst anderswo hin verlagert werden (zum Beispiel auf Fonds, deren Provisionen man unter Kontrolle hatte), oder es musste ganz aufgegeben werden. Die Lösung des Problems bestand dann üblicherweise darin, dass die Quersubvention durch andere Banksparten erhalten blieb und die Kunden zunehmend und unter immer größerem Druck aufgefordert wurden, lieber Fonds statt Aktien zu kaufen.

Doch als Anleger erst von Fonds und später von Zertifikaten enttäuscht waren, besannen sich die Banken auch wieder auf ihr Aktiengeschäft. Nach dem Motto: zehn mal zehn Transaktionen mit je 0,1 Prozent Provision bringen heute unter dem Strich auch ein Prozent, so viel wie eine Transaktion anno Tobak. Indizien dafür sind überall zu finden. Aktuell beispielsweise im Internet bei der Comdirect Bank, die verräterischer Weise gleich mit der Auszeichnung "Online Broker des Jahres 2009" und dem Begriff "Trader Depot" wirbt. Die Absicht ist klar: Was die Deutsche Bank mit "Traden macht reich" kann, können wir als Tochter einer teilverstaatlichten Bank allemal. Da erübrigt sich sogar jeder Kommentar.

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