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Geldanlage Kohle abgraben mit Aktien

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Sartorius

Besonders zurückhaltend sind die wichtigsten Kapital-Sammelstellen in Deutschland, die Versicherer. Nach den Kurseinbrüchen von 2000 bis 2002 haben sie ihre Aktienquote auf ein Drittel des vor der Jahrtausendwende üblichen Satzes reduziert. Dieser Trend setzte sich 2009 fort, trotz wieder steigender Aktienkurse. So hat Branchenriese Allianz 2009 den Aktienanteil von mehr als 9,0 auf 8,4 Prozent gesenkt; vor zehn Jahren lag dieser Wert noch bei gut 35 Prozent.

Dabei gilt die Allianz noch als relativ aktienfreundlicher Versicherungskonzern. „Im Durchschnitt haben die deutschen Versicherer nur zwei bis drei Prozent ihrer Kundengelder in Aktien investiert“, sagt Klaus Schlote vom Brokerhaus Solventis, der Versicherungen und Rentenkassen betreut, „manche haben gar keine Aktien mehr, auch die meisten Pensionsfonds sind mit weniger als vier Prozent in Aktien, sie orientieren sich meist sehr stark an den Versicherungen.“

Die Assekuranz scheut Aktien derzeit auch wegen bereits angekündigter neuer Bilanzregeln. Diese legen fest, wie Versicherer ihre Anlageportfolios künftig bewerten müssen. Viele wollen diese Regeln erst einmal abwarten.

Versicherer bewegen Kurse

Für die weitere Kursentwicklung an der Börse muss die bisherige Zurückhaltung der Versicherer aber nicht schlecht sein. Selbst wenn strengere Bilanzierungsregeln kommen, droht aus den nahezu aktienlosen Depots der Versicherungen kein allzu großer Abgabedruck mehr. Das dürfte in schwierigen Marktphasen Kursverluste begrenzen – anders als nach dem Jahr 2000, als Versicherer, auch auf Druck der Finanzaufsicht, massenhaft Aktien auf den Markt warfen und so die Baisse immer weiter beschleunigten. Und wenn es der – derzeit sehr aktiven – Versicherungslobby gelingt, die Regeln noch abzuschwächen, „dürften die Versicherer nach ihrer jahrelangen Zurückhaltung in den kommenden Jahren wieder mehr Aktien kaufen als verkaufen“, glaubt Schlote.

Weiter zurückhaltend sind auch Privatanleger: Deutsche Privathaushalte hatten nach den aktuellsten verfügbaren Daten der Bundesbank im dritten Quartal des vergangenen Jahres 155 Milliarden Euro direkt in Aktien investiert – nur 3,3 Prozent des gesamten Geldvermögens von 4640 Milliarden Euro liegen demnach direkt in Aktien. Nur wenig mehr, zuletzt 192 Milliarden Euro, stecken in Aktienfonds. Die Anleger ziehen aus ihnen weiter Geld ab, allein im Januar waren es 300 Millionen Euro.

Ausländer sind schon drin

In die Aktien-Bresche springen zunehmend ausländische Investoren. Mehr als 60 Prozent der deutschen Aktien liegen heute bei ausländischen Großinvestoren, schätzt der Chef-Aktienhändler einer Bank in Frankfurt. Schwächelt der Euro, drohen Amerikanern Währungsverluste. „Wenn große US-Fondsgesellschaften entscheiden sollten, dass zum Beispielwegen einer Euro-Schwäche deutscheAktien nicht mehr interessant sind, und verkaufen, könnte es rasch wieder nach unten gehen“, sagt der Aktien-Profi.

Vor allem Hedgefonds haben die Rally angetrieben. So empfahl Hedgefonds-Manager Barton Biggs bereits im März 2009 den Kauf von Aktien, nahe am Tiefstand der Weltbörsen. Sein Hedgefonds Traxis Partners schaffte im vergangenen Jahr deshalb eine Rendite von 37 Prozent. Die Aktienindizes könnten noch um weitere zehn Prozent steigen, sagte Biggs vor wenigen Tagen. „Es gibt noch immer zu viele Leute, die weniger Aktien haben, als sie sollten, die unter Druck stehen, im laufenden Jahr eine akzeptable Rendite für ihre Kunden zu erzielen.“

Investmentbanken haben ebenfalls kräftig auf eigene Rechnung Aktien gekauft. Die Citigroup etwa hat den Eigenhändlern der Bank, die auf Risiko und Kapital von Citigroup mit Aktien spekulieren, erst im März mehr Kapital zur Verfügung gestellt und das maximal für die Spekulation einsetzbare Kapital bei einzelnen Händlern teils um 50 Prozent erhöht, berichten Bank-Insider.

Doch Hedgefonds und Investmentbanken könnten bei Rückschlägen schnell aussteigen und die Kurse drücken. Angelsächsische Pensionsfonds und asiatische Staatsfonds, die Aktien eher lange halten und noch zukaufen könnten, dürften den Markt dagegen eher stabilisieren. 15 bis 20 Prozent ihrer rund 2600 Milliarden Euro haben die Staatsfonds derzeit bar am Geldmarkt geparkt, sagt Bernhard Eschweiler, der für die US-Bank JP Morgan Staatsfonds betreut hat und heute für die Silvia Quandt Bank in Frankfurt arbeitet. Vom Ausbruch der Finanzkrise bis Ende 2009 sei der Aktienanteil in den Staatsfonds-Depots von rund 50 zeitweise auf 40 Prozent gesunken. „Den Staatsfonds fließt weiter viel Kapital von ihren Regierungen zu, zum Beispiel aus Einnahmen aus dem Geschäft mit Öl und anderen Rohstoffen. Diese Mittel werden zu einem beträchtlichen Teil in Aktien fließen“, sagt der Analyst.

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