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Geschlossene Fonds Olympia-Stars bringen Tausende Anleger um ihr Erspartes

Die ehemaligen Olympia-Fechter Elmar Borrmann und Thomas Gerull haben nach ihrer Sportkarriere Werbung für Investmentfonds gemacht. Doch genau diese Fonds brachte viele Kleinanleger um ihr gesamtes Geld.

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Borrmann (2.v.r.) mit seinem Team bei den Fechtweltmeisterschaften in Den Haag 1995. Quelle: handelsblatt.com

Als Spitzensportler schworen Elmar Borrmann und Thomas Gerull mehrfach den olympischen Eid. Sie wollten "im ritterlichen Geist zum Ruhme des Sports und zur Ehre unserer Mannschaften" kämpfen. Im Degenfechten gehörten sie zu den ganz Großen. In den 1980er- und 90er-Jahren errangen sie olympische Medaillen und Weltmeistertitel. Borrmann wurde bei den Olympischen Spielen 1996 sogar fast Deutschlands Fahnenträger.

Nach ihrem Fechter-Leben stiegen die beiden gemeinsam in die Finanzbranche ein: Ab Mitte der 90er-Jahre warben sie mit Investmentfonds unter dem Dach der Deutschen Frankonia Beteiligungs AG um Anlegergeld. "Neue Maßstäbe" seien "Gütekriterien für jede Entscheidung und Garant für den zukünftigen Erfolg im Anlagemarkt", warben sie in einer Broschüre der Deutschen Frankonia. Der Fonds sei "eine wachstumsstarke und erstklassige Anlageform mit sich wechselseitig bedingenden Vorteilen". "Wir stehen mit unserem Namen dafür ein", verkündeten Borrmann und Gerull. Immer wieder tauchten sie mit Foto in ihren Broschüren auf.

Der Begriff "Spiegelfechten" umschreibt Täuschungshandlungen. Und viele der rund 50.000 Menschen, die bei den Ex-Fechtern Geld anlegten, dürften angesichts der vollmundigen Versprechen der beiden inzwischen den Eindruck haben, reingelegt worden zu sein. Davon zeugen zahlreiche Gerichtsverfahren zwischen Anlegern und den von beiden gestarteten Fondsgesellschaften. Die Mehrheit der Verfahren beenden außergerichtliche Vergleiche. Dennoch gibt es - teilweise noch nicht rechtskräftige - Urteile aus Berlin, Stuttgart, Düsseldorf und anderen Städten gegen die Frankonia, ihre Nachfolger oder Vermittler.

Fest steht: Anstatt Renditen gab es für viele Anleger hauptsächlich Verluste. Nach Recherchen des Handelsblatts haben die von den beiden angeschobenen Gesellschaften, zu denen auch Fonds mit den Namen Capital Sachwert Alliance (CSA) und Deltoton gehören, für ihre Anleger bislang mehr als 150 Millionen Euro Verluste angehäuft.

Ursula F.* ist eine der Anlegerinnen, die Geld verloren haben. Sie will ihren Namen nicht nennen, weil sie versucht, sich mit einem der Fonds zu vergleichen, und dafür eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnet hat. Die Verkäuferin hatte ihr kleines Erbe genommen, eine Lebensversicherung aufgelöst und alles bei einer CSA-Gesellschaft einbezahlt.

Als sie erste Zweifel an der Investition bekam, hatte sie schon mehr als 20 000 Euro** angelegt. "Irgendwann wurde mir dann klar, dass mein Geld hier weniger wird und nicht mehr", sagt F. heute, die über Risiken nicht aufgeklärt worden sein will. Nach einem Besuch bei der Verbraucherzentrale kündigte sie ihre Verträge - und bekam einen Schock: Die CSA wollte ihr weniger als die Hälfte des eingezahlten Gelds erstatten.

Borrmann und Gerull wollten sich nicht in Interviews gegenüber dem Handelsblatt äußern. Deshalb bleibt unklar, warum sie nach der Sportlerkarriere ausgerechnet ins Fondsgeschäft einstiegen. Von Borrmann sind immerhin eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann und eine Tätigkeit in der Branche überliefert.

Doch große Expertise mussten sie nicht nachweisen. Sie suchten sich nämlich, wie die 2007 spektakulär pleitegegangene Göttinger Gruppe, den grauen Kapitalmarkt als Betätigungsfeld. Der wird anders als der Großteil der deutschen Finanzwirtschaft von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) kaum kontrolliert. Unter dem Dach der Frankonia Beteiligungs AG sollten Anfangsverluste zwischen verschiedenen Gesellschaften so hin- und hergeschoben werden, dass für die Fondsgewinne bei den Anlegern weniger Steuern anfallen als sonst. Später sollte es dann auch Gewinne geben.

Borrmann und Gerull brauchten nun noch Kunden, die Geld anlegen wollten. Um diese zu überzeugen, wählten sie die brachialste Waffe des Finanzverkaufs: den Strukturvertrieb. Ihre Partner waren unter anderem die 2008 insolvent gegangene Futura Finanz, selbstständige Finanzberater und ein Vertrieb namens Südfinanz. "Man hat uns sogar geraten, Leute vor den Arbeitsämtern abzupassen", berichtet Mirko G.*, der selbst einige Monate versuchte, Produkte der CSA an den Mann zu bringen. Gerade arbeitslos geworden, hatte ihn eine Bekannte auf die Verdienstmöglichkeit gebracht.

G. hatte keine Ahnung von Finanzen, aber das schien niemanden zu stören. In Schulungen, die er bekam, ging es mehr ums Verkaufen als um Finanzen. "Es hieß immer wieder, man solle das Gespräch auf Gemeinsamkeiten lenken, Vertrauen schaffen. Die Argumente für das Produkt waren: Steuern sparen, tolle Gewinnchancen", sagt G. Dazu sollte er Namen und Adressen von 100 Bekannten angeben - damit andere Vertriebler ihnen Verträge verkaufen konnten.

In den Verkaufsgesprächen sollten G. und seine Kollegen, so berichtet es G., möglichst viel über die Vermögenssituation ihrer Kunden lernen. Dann sollten sie die Vorteile von Borrmanns und Gerulls Fonds anpreisen, die Risiken sollten sie unter dem Stichwort "unternehmerische Beteiligung" abhandeln, sie sollten nicht im Vordergrund stehen. "Den Begriff Totalverlust habe ich während der ganzen Zeit dort nicht gehört", sagt G.

G. kann nicht sagen, ob diese Praktiken der Deltoton oder der CSA bekannt waren, er weiß nur, dass es in dem selbstständigen Vertriebsbüro, in dem er arbeitete, so lief. Borrmann weist über seinen Anwalt darauf hin, dass die "dargestellten Vertriebspraktiken (?) zu keinem Zeitpunkt von den Gesellschaften, ihren Vorständen und Aufsichtsräten gebilligt" wurden. Auch Slobodan Cvetkovic, der inzwischen für die CSA-Fonds verantwortlich ist, teilt mit, unsaubere Methoden beim Verkauf von CSA-Produkten seien ihm nicht bekannt und würden nicht toleriert.

Allerdings fühlen sich inzwischen viele Anleger schlecht beraten. "Anleger schildern immer wieder, dass sie auf das Totalverlustrisiko nicht hingewiesen wurden", sagt der Kölner Anwalt Hartmut Strube. Es sei zudem fraglich, welche Dokumente sie überhaupt bekommen hätten. "Einen Prospekt können Betroffene sehr oft nicht vorlegen, obwohl sie dessen Empfang bestätigt haben", so Strube.

Wahrscheinlich auch deswegen haben inzwischen nach Handelsblatt-Informationen mehr als 20.000 Anleger ihre Verträge bei der Frankonia, der Deltoton und den CSA-Fonds 4 und 5 gekündigt - zum Teil mit erheblichen Verlusten. "Mir ist kein Fall bekannt, in dem ein Mandant mit seiner Beteiligung jemals einen finanziellen Gewinn erzielt hätte", sagt der Münchener Kapitalmarktrechtler Ralf Steinmeier. Der Anwalt Stefan Seitz berichtet, dass "eine große Zahl von Anlegern erhebliche finanzielle Einbußen nach Abwicklung der Beteiligung" erlitt. Borrmann teilte dem Handelsblatt dazu über seinen Anwalt mit, dass es sich bei den Fonds um eine langfristige Kapitalanlage handele, "bei der eine vorzeitige Kündigung immer zu entsprechenden Verlusten führt".

Doch nicht nur deswegen stehen die Fonds in der Kritik. Bereits 2001 warnte die Zeitschrift "Finanztest" der Stiftung Warentest, Frankonia-Investitionen seien "risikobehaftet". Und 2004 rechneten die Tester vor: Bevor beim Fonds CSA 5 Renditen für Anleger überhaupt möglich seien, gingen rund 20 Prozent des angelegten Geldes für Gebühren und sonstige Kosten drauf, die "an unterschiedliche Tochterfirmen der Frankonia" flössen. Bis Ende Mai 2011 standen die Fonds noch auf der Warnliste der Stiftung Warentest.

Trotz Warnungen und Massenkündigungen zahlen noch Tausende Anleger in die Fonds ein. Sollten sie frühzeitig aussteigen wollen, haben die Macher der Deltoton- und CSA-Fonds hohe Hürden aufgebaut: Aussteiger verlieren den Vertragsunterlagen zufolge viel Geld. Das gibt es bei vielen Fondsanlagen. Bei Deltoton- und CSA-Fonds kann es aber sogar sein, dass Aussteiger nachschießen sollen. Sie verlieren dann nicht nur 19 Prozent des bereits eingezahlten Kapitals. Sie sollen, je nach Vertrag in unterschiedlichen Variationen, auch 19 Prozent des Geldes verlieren, das sie in der restlichen Laufzeit noch hätten einzahlen müssen. Borrmann teilt dazu mit, das Geld diene dazu, Ausgaben der Fonds für Vertrieb, Konzeption und anderes auszugleichen.

Dabei gibt es gute Gründe für Anleger, aus den Fonds auszusteigen: Die Fondsmanager scheinen kein gutes Händchen fürs Geldanlegen zu haben, aber eines für Pleitefälle: So investierte die Frankonia bei der Systracom AG, der Körber Kunststoff AG, der Cargolifter AG und der WCM AG. Alle diese Firmen meldeten später Insolvenz an - auch wenn sich die WCM daraus immerhin vergangenen Herbst befreien konnte.

Die Anlagestrategie sei von seinen Vorgängern "nicht immer optimal gewählt" worden, räumt Cvetkovic ein, der die CSA-Fonds seit 2009 kontrolliert. Er habe nun "entsprechende Maßnahmen" veranlasst, um besser zu investieren. Keiner der damals Verantwortlichen sei heute mehr für die Fonds tätig.

Das scheint eine gute Idee zu sein: Deltoton wies für das Geschäftsjahr 2006 zum letzten Mal aus, wie viele Verluste den Anlegern insgesamt zugerechnet wurden: 92 Millionen Euro. Die CSA-Fonds kamen bis 2009 auf zusammen rund 67 Millionen Euro, die den Anlegern von ihrem Kapital abgezogen wurden. Die tatsächlichen Zahlen dürften heute höher liegen, da die Zahlen sich lediglich auf die jeweils noch aktiven Anleger beziehen. Die werden aber von Jahr zu Jahr weniger.

Dazu kommt, dass die bei der Deltoton verbliebenen Anleger allem Anschein nach über Gebühr belastet werden: Zuletzt verteilte die Deltoton Verluste nach einer Methode, die den Anlageverträgen zu widersprechen scheint: Im Prospekt der Frankonia Sachwert heißt es, Verluste würden nur auf "noch nicht verlustbeteiligte Einlagen" getätigt. Daran aber hielt sich Deltoton nicht: Sie belastete bereits zuvor belastete Kundenvermögen erneut mit Verlusten.

Weiter heißt es im Prospekt, eine Verlustbeteiligung der Anlegergelder erfolge "maximal bis zur Höhe der gezahlten Einlage". Niemand soll also mehr verlieren können, als er eingezahlt hat. Doch die Realität sieht anders aus: Der Anleger Hermann A* etwa legte im Jahr 2001 mehr als 80 000 Euro** als Einmalanlage bei einer Deltoton-Vorgängerin an. Das Geld ist heute weg - und der Mann steht sogar mit mehr als 2000 Euro bei Deltoton in der Kreide, da ihm höhere Verluste zugerechnet wurden, als er je an Einlagen eingezahlt hatte.

Heute stehen Borrmann und Gerull bei den Fonds aus der Frankonia-Familie nicht mehr in der ersten Reihe. Im Jahr 2004 trennten sich ihre Wege: Gerull behielt die Frankonia-Fonds, die später in Deltoton umbenannt wurden. Borrmann übernahm die Verwaltungsgesellschaft der Fonds CSA 4 und CSA 5, bis er sie 2009 an Cvetkovic verkaufte, der auch mit anderen Fonds am Graumarkt aktiv ist.

Gerulls Deltoton hat ihren Sitz heute im fränkischen Dettelbach in einem Gewerbegebiet. Am Seiteneingang eines 3-D-Kinos sind mit Tesafilm einige Firmennamen aufgeklebt, auch der der Deltoton. Nach einem Gespräch zu fragen hat aber keinen Sinn. Detaillierte schriftliche Anfragen ließen sowohl die Deltoton als auch Gerull unbeantwortet. Stephan Kaufhold, Ko-Geschäftsführer der Deltoton, teilt per E-Mail mit: "Wie Ihnen wahrscheinlich bekannt sein wird, emittieren wir seit acht Jahren nicht mehr und sind insofern nicht mehr am Markt aktiv. Wir haben daher kein Interesse daran, an Ihrem Bericht mitzuwirken." Cvetkovic teilte für die CSA-Fonds mit, die Stornoquoten seitens der Anleger seien seit einigen Monaten "vernachlässigbar klein". Vielmehr kündige sein Fonds den Anlegern meistens selbst, weil sie etwa Raten nicht zahlten. Die CSA-Fonds hätten "in den letzten Monaten" eine "positive Geschäftsentwicklung". Ob das reicht, die Verluste aus der Vergangenheit auszugleichen, bleibt offen.

An der Geschäftsadresse der CSA-Fonds in Würzburg findet man ein Gebäude, das mehr nach Zweifamilienhaus als nach Finanzzentrum aussieht. Vor einigen Wochen lagen am Nachmittag noch die Zeitungen vom Morgen im Briefkasten. Das Haus liegt nur einen Steinwurf von einer Stelle entfernt, die die Würzburger unter einem besonderen Namen kennen. Sie heißt "Zum letzten Hieb".

* Name von der Redaktion geändert

** Zahlen zur Anonymisierung gerundet

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