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Händler-Skandal Aktionäre kritisieren UBS für ihr Krisenmanagement

Tut die UBS wirklich alles, um den Händler-Skandal aufzuklären? Selbst die eigenen Aktionäre glauben das offenbar nicht. Derweil kommen immer mehr pikante Details über das Vorgehen des 31-jährigen Händlers ans Licht.

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Wie schaffte es Kweku Adoboli, so freizügig zu handeln? Die UBS muss aufklären. Quelle: handelsblatt.com

Die interne Untersuchung des milliardenschweren Handelsskandals bei der Schweizer Großbank UBS stößt einem Pressebericht zufolge bei Aktionären auf Kritik. Eine Gruppe von Anteilseignern stoße sich daran, dass das Geldhaus den Vorsitzenden der eigenen Risikokommission, David Sidwell, mit der Überprüfung beauftragt hat, berichtete die britische Zeitung „Daily Telegraph“ am Dienstag.

Der frühere Morgan-Stanley-Finanzchef Sidwell soll die unerlaubten Handelsaktivitäten und die Kontrollmechanismen des Instituts durchleuchten. Diese Besetzung werfe Fragen nach der Objektivität und Unabhängigkeit der Untersuchung auf, zitierte die Zeitung die Chefin der Aktionärsvertretung Manifest, Sarah Wilson. „Wird die Bank in der Lage sein, eine juristische Analyse ihrer eigenen Versäumnisse zu liefern?“, gab sie zu bedenken.

Der UBS-Händler Kweku Adoboli hat nach Angaben der Bank mit Fehlspekulationen einen Schaden von 2,3 Milliarden Dollar angerichtet. Jetzt beginnen die Untersuchungen, die die Frage beantworten sollen, wie es einem jungen, nicht besonders prominenten Händler gelingen konnte, milliardenschwere Verluste vor den Risikomanagern und vor den elektronischen Kontrollen der Bank zu verbergen. Inzwischen zeichnet sich ab, dass Adoboli eine kleine, aber folgenschwere Lücke im Sicherheitssystem entdeckt hat. Eine Lücke, die so auch bei allen anderen Instituten existieren könnte, die im rasant wachsenden Geschäft mit börsengehandelten Indexfonds (ETFs) ein großes Rad drehen, ein Markt, der knapp 1,5 Billionen Dollar wert ist.

Was Adobolis Aufgabe war

Ähnlich wie Jérôme Kerviel, der der französischen Société Générale mit seinen Betrügereien im Jahr 2008 Verluste von 4,9 Milliarden Euro bescherte, arbeitete auch Adoboli in einer Abteilung mit dem Namen Delta One. Das Kürzel steht für ein wachsendes Geschäft im Investment-Banking: Delta-One-Abteilungen verdienen ihr Geld damit, dass sie Kunden Derivate anbieten, die die Entwicklung aller Arten von Anlagen - von Aktien über Währungen bis hin zu Rohstoffen - möglichst genau abbilden.

Aufgabe von Händlern wie Adoboli ist nicht die Spekulation; sie sollen kleine Preisdifferenzen zwischen komplexen Finanzinstrumenten ausnutzen. Dabei jonglieren die Trader zwar mit großen Summen, aber jedes Geschäft muss durch ein Gegengeschäft abgesichert werden. Damit bleiben die Risiken überschaubar.Adoboli soll vor etwa drei Monaten damit begonnen haben, mit Hilfe von Futures große Wetten auf Aktienindizes wie den S&P 500 in den USA, den deutschen Dax und den europäischen Euro-Stoxx abzuschließen. Um diese Risiken zu verbergen, soll er ein Netz aus simulierten Absicherungsgeschäften geflochten haben. Eigentlich hätten die fiktiven Deals schnell auffliegen müssen, weil im Wertpapiergeschäft normalerweise jede Art von Abschluss elektronisch bestätigt wird.

Bei fiktiven Geschäften hätte die Bestätigung der Gegenpartei gefehlt. Das hätte der UBS auffallen müssen. Doch Adoboli fand einen Weg, die Kontrollen zu umgehen. Dabei half ihm seine Kenntnis der Arbeitsabläufe anderer Abteilungen. Bevor er an den Handelsdesk aufrückte, hatte er in dem Bereich gearbeitet, der sich mit der Abwicklung der komplexen Deals beschäftigt - eine weitere Parallele zum Fall Kerviel. Auch dem Franzosen hatte die intime Kenntnis der Abrechnungs- und Kontrollmechanismen geholfen, seine Betrügereien zu verschleiern.

Geschäfte erregten früh Verdacht

Zunächst soll Adoboli als Gegenpartei seiner fiktiven Absicherungen andere Teile des UBS-Konzerns eingesetzt haben. Weil es sich um interne Geschäfte handelte, war keine formale Bestätigung notwendig.

Allerdings erregten diese Geschäfte bereits im Juli einen ersten Verdacht bei der UBS. Zu diesem Zeitpunkt soll Adoboli begonnen haben, Indexfonds zum Verschleiern seiner Risiken zu nutzen. Aus seiner Zeit in der Abwicklung wusste er, dass einige europäische Banken ETF-Deals nicht beim Abschluss formal bestätigen, sondern erst bei der Abrechnung. Dazwischen können Monate liegen.

Weil Adoboli die Banken als Gegenpartei für seine simulierten Geschäfte einsetzte, erregten die fehlenden Bestätigungen zunächst keinen Verdacht. Erst als der Termin für die Abrechnung der ETFs näher rückte und die Fragen der Vorgesetzten drängender wurden, flogen die illegalen Wetten auf.

Die Sicherheitslücke im ETF-Geschäft lässt bei Aufsehern und Bankern die Alarmglocken schrillen. "Jede Bank, die über einen Delta-One-Desk verfügt, wird nun prüfen, ob das gleiche Szenario auch bei ihr möglich wäre", heißt es bei einem europäischen Geldhaus. Auch die Schweizer Finanzaufsicht will sich die Delta-One-Desks genau ansehen: "Sie können davon ausgehen, dass wir dieses Geschäft weiter beobachten werden", versichert ein Sprecher.

Verwaltungsrat kommt zusammen

Nun will UBS-Chef Grübel einem Zeitungsbericht zufolge dem Verwaltungsrat am Mittwoch einen Plan für eine substanzielle Verkleinerung der Sparte vorlegen und dies mit einer Art Vertrauensabstimmung verbinden. Grübel wolle den Umbau des Investment-Banking selbst leiten und dafür mindestens bis Anfang 2013 im Amt bleiben, berichtete der „Tages-Anzeiger“. Stimme der Verwaltungsrat bis spätestens zum Investorentag am 17. November nicht zu, werde Grübel zurücktreten.

UBS wollte sich zu dem Bericht nicht äußern. Eine mit der Sache vertraute Person sagte, der Verwaltungsrat komme am Mittwoch und am Donnerstag in Singapur zu einer seiner vierteljährlichen Sitzungen zusammen. Es sei nur natürlich, dass dort das Thema Investmentbank und deren Zukunft besprochen würden, sagte eine Person bei UBS.

Die Sitzung war schon lange geplant und sie fällt mit einem Formel-1 Grandprix zusammen. UBS ist einer der Hauptsponsoren für den Rennzirkus. Singapur ist für UBS auch deshalb von Bedeutung, weil dort mit dem Staatsfonds GIC ein wichtiger Aktionär der Bank seinen Sitz hat.

Schon bevor der Betrugsfall mit einem Schaden von rund 2,3 Milliarden Dollar in der vergangenen Woche ans Licht kam, waren Analysten davon ausgegangen, dass UBS ihr Investmentbanking verkleinern und die entsprechenden Pläne auf einem Investorentag in New York vorlegen würde. Die Zockerei des 31 Jahre alten Händler Kweto Adoboli hat diesen Prozess beschleunigt. Angesichts des Einbruchs des Aktienkurses dürfte UBS mit der Ankündigung der Pläne auch nicht mehr bis im November warten wollen.

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