WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Kommunikation Reden ist Silber, Zuhören Gold

Seite 3/3

Durchschnittlich sieben Meetings pro Woche muss jeder Angestellte durchstehen, jedes fünfte dauert mehr als fünf Stunden, fanden die Marktforscher von LM Research & Marketing Consultancy im Jahr 2009 heraus. Das wäre jedoch nur halb so schlimm, wenn die Besprechungen wenigstens zu neuen Ideen oder frischen Impulsen führen würden. Das Gegenteil ist der Fall. Jede zweite Bürorunde ist unproduktiv, so eine Studie der Münchner Unternehmensberatung Schell Marketing Consulting. Schätzungen zufolge weiß jeder zweite Teilnehmer nicht, was er genau nach der Konferenz zu tun hat. Mit anderen Worten: Es wird viel geredet, wenig gesagt – und noch weniger zugehört.

Schon Dean Rusk, US-Außenminister unter John F. Kennedy, wusste: „Am besten überzeugt man mit den Ohren – indem man mit ihnen zuhört.“ Hinter dieser Erkenntnis steckt jedoch weit mehr als ein Kalendersprüchlein: Zuhören können ist entscheidend für beruflichen Erfolg. Einen ersten Beleg dazu lieferte bereits die US-Psychologin Margaret Conaway. Schon 1982 testete sie an 400 Studienanfängern, wie gut diese anderen zuhören konnten. Dabei ging es freilich nicht um einen Hörtest im klassischen Sinn, sondern vielmehr darum, ob die Studenten versuchten, ihr Gegenüber wirklichzu verstehen, ob sie sich einzufühlen und rückzuversichern versuchten.

Durch das Zuhören auf andere aktiv eingehen

Nach einem Jahr wertete Conaway die Noten ihrer Probanden aus, und siehe da: 49 Prozent der Studenten, die beim Test schlecht abgeschnitten hatten, waren akademische Problemfälle, hatten schlechte Noten oder Ärger mit Professoren. Wer dagegen schon beim Test weit vorne lag, hatte auch zu 68 Prozent sehr gute Studiennoten.

Jeder kennt diese Telefonate, in denen außer der Stimme des Gesprächspartners im Hintergrund ein leises Klick-Klick-Klack-Klack zu hören ist. Und jedes Mal beschleicht einen sofort das Gefühl: Der andere ist geistig längst ganz woanders. In Meetings läuft das oft nicht anders: Noch während einer redet, feilen Kollegen oder der Chef schon an ihrem eigenen Beitrag, an ihrer Selbstdarstellung oder ihren Gegenargumenten. Zugehört, zugelassen und darauf eingegangen wird da wenig. „So entstehen endlose Sitzungen, in denen alles von jedem gesagt worden sein muss“, kritisiert die Psychologin Imhof.

Eine E-Mail oder SMS schreiben? „Dazu kann ich vielleicht eine Pizza bestellen. Aber ein ernstes Gespräch führen? Da habe ich meine Zweifel“, sagt auch der Radiomoderator Jürgen Domian. Domian ist wahrscheinlich einer der besten Zuhörer Deutschlands. Der bekannteste ist er allemal. In diesen Tagen jährt sich seine gleichnamige Anrufsendung im WDR zum 15. Mal. Etwa 18 000 Gespräche hat er seitdem geführt und gelernt: „Zuhören bedeutet, auf den anderen aktiv einzugehen und selbst kleinste Signale wahrzunehmen.“

Solches Verhalten sorgt nicht nur für bessere Stimmung, sondern häufig auch für messbare Ergebnisse. So wie beim Marinekapitän Michael Abrashoff. In den 20 Monaten seiner Amtszeit veränderte er das Klima auf der USS Benfold grundlegend. Das Schiff erreichte die höchsten Zufriedenheitswerte und niedrigsten Wechselquoten der gesamten Marine. Wer auf der USS Benfold dienen will, muss sich mittlerweile sogar auf einer Warteliste eintragen.

Über seine Erfahrungen hat der ehemalige Kapitän allerdings nicht nur drei Bücher verfasst, er kommt heute auch wieder seltener zum Zuhören – Abrashoff ist inzwischen ein gefragter Redner. Aber immerhin ein Ziel hat er erreicht: Als Abrashoff von Bord ging, jubelte niemand.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%