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Konjunktur Die Angst vor der Rezession wächst

Die Finanzkrise schlägt auf die reale Wirtschaft durch. Ökonomen und Wirtschaftsvertreter sehen tiefschwarze Wolken am deutschen Konjunkturhimmel aufziehen. Das böse R-Wort ist in aller Munde.

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Die Aussichten für die Quelle: dpa

Die Deutsche Bank stellt sich auf schlechtere Zeiten ein: „Eine Rezession ist für die alte Welt, also USA, Europa, Japan, nicht mehr zu vermeiden“, sagte Chefvolkswirt Norbert Walter den Stuttgarter Nachrichten (heutige Ausgabe). Zu viel sei in den vergangenen Wochen schief gelaufen. Bereits im zweiten Quartal ist die deutsche Wirtschaft um 0,5 Prozent geschrumpft. Sollten sich die pessimistischen Prognosen für das gerade abgeschlossene dritte Quartal bewahrheiten, wären in Deutschland die Voraussetzungen für eine Rezession – zwei aufeinanderfolgende Quartale mit negativen Wachstumsraten - erfüllt.

Tim Moore, der den Markit/BME-Einkaufsmanagerindex für die deutsche Industrie erstellt, sagt genau das voraus: „Es ist kaum anzunehmen, dass die größte Volkswirtschaft in der Euro-Zone um eine technische Rezession im dritten Quartal herumkommt.“ Die EU-Kommission etwa rechnet damit, dass die deutsche Wirtschaft zwischen Juli und September um 0,2 Prozent geschrumpft ist. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung prophezeit in seinem aktuellen Konjunkturbarometer für das dritte Vierteljahr eine um 0,1 Prozent geschrumpfte Wirtschaftsleistung. Vor allem die Industrieproduktion und der Bausektor dürften sich demnach abgeschwächt haben. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) sieht Deutschland am Rande einer Rezession.

Am weitesten wagt sich bisher das Institut für Weltwirtschaft (IfW) hervor. „Eine leichte Rezession in Deutschland ist absehbar“, heißt es bei den Kieler Konjunkturexperten. Sie haben ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr von 2,1 Prozent auf 1,9 Prozent revidiert. Für das nächste Jahr erwartet das IfW nur noch einen realen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes um 0,2 Prozent, die Bundesregierung rechnet weiter mit 1,2 Prozent.

Die Betroffenen selbst dagegen machen weiter auf vorsichtigen Optimismus. Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), warnt vor Panikmache: „Ich würde nicht vorschnell von einer Rezession reden.“ Erste Ergebnisse der aktuellen Konjunkturumfrage unter DIHK-Mitgliedsbetrieben zeigen laut Wansleben keine gravierenden Auswirkungen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft. Die Deutsche Wirtschaft wachse dieses Jahr um die erwarteten zwei Prozent. Allerdings räumt auch Wansleben ein: „Die Auftragseingänge gehen in der Tat runter.“

Ähnlich schätzt das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) die Lage ein. Laut der aktuellen Konjunkturprognose der Kölner wird das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr um 1,7 Prozent wachsen - für 2009 ist allerdings nur ein Plus von 0,6 Prozent zu erwarten. Ein „tiefer Fall“ in die Rezession stehe Deutschland aber nicht bevor. Das betont auch die Dresdner Bank. „Es gibt keine tiefe Rezession in Deutschland“, sagt Chefvolkswirt Michael Heise. Stattdessen steuere die deutsche Wirtschaft aber auf eine Stagnation im zweiten Halbjahr zu. Für 2009 sagt Heise sogar eine leichte Verbesserung der Lage voraus, sollten Ölpreise und Wechselkurse sich aus europäischer Sicht weiter so gut entwickeln wie in den vergangenen Wochen: „Der private Konsum wird die leichte Erholung im Jahr 2009 treiben.“ Vom Außenhandel erwarten die Dresdner-Bank-Experten dagegen kaum positive Impulse auf Deutschland.

Denn sowohl im Euroland als auch in den USA und Japan ist die Lage düster. „Die Wirtschaft im Euro-Raum steht mit einem Bein in der Rezession“, analysiert Commerzbank-Experte Christoph Weil. Der Euro-Zone droht damit ihre erste große Bewährungsprobe. Noch nie seit Einführung der Gemeinschaftswährung trudelte die gesamte Gruppe in die Rezession. Dementsprechend groß sind die Erwartungen an die EZB. Da die Inflationsrisiken zuletzt gesunken sind, fordern Experten eine deutliche Senkung der Leitzinsen durch die europäischen Währungshüter, um der darbenden Euro-Konjunktur auf die Sprünge zu helfen. Ob der EZB-Rat dem während seiner morgigen Sitzung nachkommt, ist offen. Vermutlich wird das Gremium um EZB-Chef Jean-Claude Trichet den Leitzins zunächst bei 4,25 Prozent belassen, aber eine Senkung für die nächsten Monate in Aussicht stellen.

„Angesichts der immer schwächeren Konjunktur und fallender Inflationsraten stellt sich die Frage, ob Aufwärtsrisiken für die Preise wirklich noch die Hauptsorge der EZB sein sollten“, meint Martin van Vliet, Volkswirt bei der ING Bank. Zudem die wichtigsten europäischen Handelspartner ebenfalls schwächeln. So ist die Stimmung in der japanischen Großindustrie so schlecht wie seit fünf Jahren nicht mehr. Volkswirte sehen das Land am Rande zu einer Rezession. Gleiches gilt für die USA. Dort prophezeien alle aktuellen Prognosen, dass die Wirtschaft im vierten Quartal und im ersten Quartal des nächsten Jahres schrumpfen wird. Zusammen mit den 0,5 Prozent-Rückgang im dritten Quartal wäre das die längste Rezession in den Vereinigten Staaten seit 1982.

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