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Milliarden-Verluste Finanzkrise: Die Spur des Monsters

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Luqman Arnold, früher selbst Quelle: AP

"Die haben mich angelogen"

IKB-Aktien werde ich sicher nicht mehr anrühren“, sagt Dietrich W., Ex-Aktionär der Düsseldorfer Bank. Für 30.000 Euro kaufte er Wertpapiere der IKB, den ersten Schwung im Juni vergangenen Jahres. „Die IKB schien mir immer solide und galt als sichere Anlage“, sagt er. W. hält sich selbst eher für einen langfristigen Anleger. Ins Portfolio nehme er „nur Qualität“. Er ist sicher, dass die IKB eine gute Adresse ist. Schließlich konzentriert sich die Bank auf das Geschäft mit deutschen mittelständischen Unternehmen. Erst recht nach einer Pressemitteilung des Instituts Mitte Juli. Darin heißt es, dass Verluste im Zusammenhang mit US-Immobiliendarlehen nur einen relativ niedrigen Betrag ausmachen und die Bank ihre Ziele erreichen werde. W. fühlt sich in seiner Einschätzung bestätigt und kauft weitere Aktien. Zwischen dem 23. und dem 27. Juli legt er ordentlich nach. „Warum hätte ich an den Angaben des Bankvorstands zweifeln sollen? Ich wusste doch gar nicht, dass die Bank riskante Geschäfte über ihre Zweckgesellschaft tätigt“, sagt er. „Wenn etwas schiefläuft, muss darüber rechtzeitig informiert werden.“ Bei der IKB sei das Gegenteil geschehen. „Die haben mich angelogen“, sagt er. W. hat rund 40 Prozent seiner Investition verloren – 12.000 Euro.

Hart getroffen

Luqman Arnold ist nicht nur Opfer der Finanzkrise – sie ist für ihn auch die Gelegenheit zu später Abrechnung. Nur für wenige Monate leitete er 2001 die Schweizer Großbank UBS, mit ihrer Zwei-Säulen-Strategie aus Investmentbanking und Vermögensverwaltung lange eines der am meisten bewunderten europäischen Institute, eine willkommene Zielscheibe. Mit Abschreibungen von umgerechnet 24 Milliarden Euro ist sie die mit Abstand am härtesten getroffene europäische Bank. Sie hat 2007 2,7 Milliarden Euro verloren, der Börsenkurs hat sich mehr als halbiert. Das kann die Bank auch durch die Hilfe von Staatsfonds aus Fernost verkraften. Doch der Imageschaden wird gerade bei der auf Seriosität bedachten Klientel der Vermögensverwaltung noch Jahre anhalten.

Hohe Kosten

Vor wenigen Monaten pendelte der Hedgefonds-Manager noch täglich ins Büro nach Soho. Sein Fonds Peloton gehörte 2007 zu den Starperformern in der Londoner City. Peloton hatte die Risiken des US-Hypothekenmarktes kommen sehen und entsprechend disponiert. Doch im Februar musste der mit zwei Milliarden Dollar dotierte Peloton ABS Fund liquidiert werden. Seitdem bekommt der Manager kein Gehalt mehr. Nun kann der Vater von vier Töchtern die Privatschule mit jährlichen Kosten von 47.000 Euro nicht mehr finanzieren. Kopfzerbrechen bereiten dem Amerikaner und seiner Frau nun die hohen Mietkosten für die Villa. Das Ehepaar überlegt, in die USA zurückzukehren. Doch es gibt ein Problem: Ein Haus besitzen die beiden in ihrer alten Heimat nicht – sie sind plötzlich selbst zu Subprime-Schuldnern geworden.

Beflissene Demut

Auf die Frage, ob er persönlich jemanden kenne, der von der Finanzkrise betroffen ist, sagt Management-Berater Bob Swanton: „Ich kenne eigentlich niemanden in New York, der noch nicht betroffen ist.“ Und erzählt von dem Ehepaar, dass den Plan aussetzte, sich mit Mitte 50 vorzeitig in den Ruhestand zu begeben, weil sich der Wert ihres Aktiendepots um mehr als 20 Prozent reduziert hat. Jeder hier kennt Läden wie Mohan’s Custom Tailors, Spezialist für maßgeschneiderte Herrenanzüge auf der 42nd Street, der „due to the current economic slowdown“ mit einem Rabatt von 33 Prozent wirbt. Und sogar die Billig-Hot-Dog-Kette Gray’s Papaya bietet ein Recession-Special: Zwei kleine Würstchen im Bröselbrötchen plus ein Getränk für 2,99 Dollar. Doppelt gekniffen stellt ein Galerist in Chelsea frustriert fest, dass vielen seiner Kunden – darunter Hedge-fonds-Manager – das Geld nicht mehr so locker sitzt. Gleichzeitig macht seine Bank Zicken und verlangt höhere Sicherheiten für einen Kredit. „Ich kann froh sein, dass sie ihn mir noch nicht gestrichen haben“, sagt er. Höhere Zinsen muss er seit der Refinanzierung ohnehin bezahlen.

Die Hoffnung, dass Ausländer mit ihrer starken Währung Schutz vor einem allzu dramatischen Preisverfall bieten könnten, hegen auch alle Beteiligten auf dem Immobilienmarkt. Doch selbst in New York hat sich der längst zugunsten der Käufer gedreht. Die Arroganz der Makler ist beflissener Demut gewichen. Der Hinweis, „über den Preis kann man sicher noch reden“ ,fällt bei vielen Besichtigungen. In den Hamptons auf Long Island, der Sommerresidenz der New Yorker Geld-Schickeria, scheinen die Makler sogar zum ersten Mal seit Jahren Schwierigkeiten zu haben, Luxusresidenzen zu vermieten. Dort kostete eine Mansion am Strand mit sechs Schlafzimmern im vergangenen Jahr noch 200.000 Dollar Monatsmiete. Doch diese Zeiten sind vorbei, die Preise für Ferienhäuser in den Hamptons seit September 2007 im Durchschnitt bereits um 20 Prozent gefallen, die Zahl der Verkäufe ist ebenfalls stark rückläufig.

Herr Lou verbrennt Geld

Lou Jiwei, Chef des chinesischen Staatsfonds China Investment Corporation (CIC), will immer noch von der Finanzkrise profitieren. Er hat den Auftrag, einen Teil von Chinas Devisenreserven in Höhe von über 1,5 Billionen Dollar gewinnbringend anzulegen. Vorerst ist der Fonds mit 200 Milliarden Dollar ausgestattet, etwa ein Drittel der Summe soll Lou im Ausland investieren. Als die Finanzkrise über Amerika hereinbrach, sah der Chinese seine Stunde gekommen. „CIC will sich als stabilisierender Faktor an den internationalen Finanzmärkten positionieren“, sagte er. Dabei wolle man eine „vernünftige Rendite“ erzielen. Für fünf Milliarden Dollar erwarb CIC im Dezember 2007 schließlich einen zehnprozentigen Anteil an der schwer angeschlagenen Investmentbank Morgan Stanley. Das Problem: Seit dem Einstieg ist der Aktienkurs um zehn Prozent gefallen. Verspekuliert haben die Chinesen sich auch bei der Private-Equity-Gesellschaft Blackstone. Für drei Milliarden Dollar hat CIC einen knapp zehnprozentigen Anteil erworben. Seitdem ist der Blackstone-Kurs um 40 Prozent eingebrochen – Lou Jiwei verbrennt Geld. Doch Lou hält an seiner Strategie fest. Von kurzfristigen Kursschwankungen lasse er sich nicht beirren.

Geschwächte Stützen

Unter der schwächelnden Konjunktur in den USA und Europa im Gefolge der Finanzkrise leiden inzwischen auch Chinas Unternehmen. Die Nachfrage nach Spielzeug, Fernsehern, Schuhen oder Laptops im Westen hat sich deutlich abgeschwächt, das schlägt auf die Bilanzen der exportorientierten Betriebe im Reich der Mitte durch. Sie waren bislang die Stütze des chinesischen Wirtschaftswunders. Lag der Zuwachs bei Chinas Ausfuhren im vierten Quartal 2007 noch bei rund 25 Prozent, verkauften die Unternehmen in den ersten drei Monaten 2008 nur noch zehn Prozent mehr Waren ins Ausland als im Vorjahreszeitraum. Einer, der den Abschwung zu spüren bekommt, ist Zhang Huarong, Gründer und Chef der Huajin-Gruppe, einem der größten Hersteller von Schuhen in China. Neben der Nachfragedelle plagen den Unternehmer steigende Lohnkosten und die Stärke der chinesischen Währung Yuan. Die Pläne zur Erweiterung seiner Fabriken im südchinesischen Dongguan und die Verdopplung der Zahl der Mitarbeiter auf 40.000 hat Zhang gestoppt. Insgesamt dürften bis zu 20 Prozent der exportorientierten Unternehmen in Guangdong die Krise nicht überleben. Die Region ist das Zentrum der chinesischen Exportindustrie.

Großvater der CDOs

Chris Ricciardi gibt keine Interviews, und beantwortet keine Fragen. Dabei könnte er so viel erzählen: Schließlich ist Ricciardi einer der Hauptprotagonisten der Finanzkrise. Ricciardi ist nicht nur Vorstandschef des Investment-Unternehmens Cohen & Co. aus Philadelphia. Er ist zugleich einer der Erfinder des mittlerweile fast trocken liegenden Geschäfts mit sogenannten Collateralized Debt Obligations (CDO), jenen im Zentrum der Finanzkrise stehenden obskuren Finanzinstrumenten.

Vor einem Jahr hatte Ricciardi noch keine Probleme, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Da blickte er lässig vom Titelblatt des britischen Fachblatts „Credit“. Die Pose sollte wohl Gelassenheit demonstrieren und den Kunden von Cohen & Co. das Gefühl geben, die „CDO-Fabrik“ habe in der sich andeutenden Subprime-Krise alles im Griff. „Wir schneiden Portfolios zurück, die ein Risiko bergen“, beruhigte er, „aber wir haben noch keine akute Verschlechterung gesehen.“ Die kam dann sehr schnell. Mehr als 36 Milliarden Dollar in solchen Produkten soll Cohen & Co. zu der Zeit unter Verwaltung gehabt haben – darunter reichlich Subprime. Zu den guten Zeiten liebte es Ricciardi, als „Großvater der CDOs“ bezeichnet zu werden – dabei war er gerade mal Anfang 30, als er 1999 bei Prudential Securities als Leiter eines Teams den ersten CDO zusammenbastelte, eines jener Finanzinstrumente, die so komplex sind, dass viele gestandene Banker sie nicht mehr verstanden. Nach seinem Wechsel zur CSFB, einer Tochter der Credit Suisse, avancierte die Bank zu einem der größten Zeichner von CDOs. Und als ihn 2003 Merrill Lynch angeheuert hatte, katapultierte Ricciardi das Brokerhaus von Platz 15 auf Platz eins unter den CDO-Spielern. Gleichzeitig stiegen Komplexität und Risiko. Als sich im vergangenen Frühjahr Probleme zeigten, soll Ricciardi seine Leute angetrieben haben: „Das sind die Geschäfte, die Leute berühmt machen“, sollen seine Worte gewesen sein. Doch diese Art von Berühmtheit, die ihn als mitverantwortlich für die globale Finanzkrise brandmarkt, hat er sich dabei sicher nicht vorgestellt.

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