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Milliarden-Verluste Finanzkrise: Die Spur des Monsters

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Ins Auge gegangen: Sachsens Quelle: dpa

Tapfere Fragen

Die Sachsen LB ist eines der ersten großen Opfer der Finanzkrise. Sie wird nur dank einer Übernahme durch die Stuttgarter Landesbank LBBW gerettet, Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt tritt zurück, der Freistaat haftet für drohende Verluste von bis zu 2,75 Milliarden Euro. Doch das Drama hat auch seine kleinen Helden.

Einer ist Michael Weichert. Er ist Abgeordneter der Grünen im Landtag und vertritt seine Fraktion im Untersuchungsausschuss zur Sachsen LB. Er ist Einzelkämpfer ohne ein Team von Finanzexperten, das ihn auf die Sitzungen vorbereiten könnte. Als Stadtrat saß Weichert mal im Kreditausschuss der Leipziger Sparkasse. Das ist seine Expertise in Sachen Bankgeschäft.

Und jetzt dieser komplexe Fall: Angefangen hatte das Drama schon im Frühjahr 2007, bevor die Sachsen LB Geldprobleme bekam. Damals bekundet LBBW-Chef Siegfried Jaschinski erstmals Interesse an dem Institut. Aber er wird abgewiesen, denn eine Fusion der Sachsen mit der Düsseldorfer WestLB steht kurz bevor, die Verträge sind fertig, das Projekt „Schneekoppe“, wie es WestLB-intern genannt wird, ist fast perfekt. Doch dann muss WestLB-Chef Thomas Fischer wegen millionenschwerer Fehlspekulationen zurücktreten. Schneekoppe ist erledigt. Die Sachsen sind allein.

Noch kein Grund zur Panik: Am 3. August 2007 – da ist die Finanzkrise schon voll im Gang – schreibt der Vorstand der Bank an den sächsischen Finanzminister Horst Metz: „Die Liquidität der Sachsen LB ist jederzeit gesichert.“ Das versichert die Bank am 10. August auch Wolfgang Voß, dem Staatssekretär im Finanzministerium.

Intern bei der Bank grummelt es allerdings. Zwar erfüllt die Sachsen LB zu dem Zeitpunkt noch alle Liquiditätsanforderungen, doch der Vorstand ist durch die angespannte Marktlage bereits in Alarmbereitschaft. Sollte sich die Lage weiter verschärfen, wird es finanziell eng, dessen sind sich die Banker bewusst.

Bereits einige Tage später wird das Gedankenspiel Realität, am 14. August ist das Spiel der Vertuscher aus, die Sachsen LB braucht Geld. Zehn Tage später beginnen Übernahmegespräche; Jaschinski erhält nun doch den Zuschlag – am Sonntag, dem 26. August gegen halb drei Uhr in der Früh.

Am Montag beginnt das Aufräumen. „Niemand hatte einen Überblick, wo welche Papiere waren“, sagt ein Mitarbeiter. In Dublin, wo die Sachsen LB über Tochterfirmen ihren Milliardenpoker abwickelte, „war eine Zweitwelt abgekoppelt, mit eigenem System und Risikocontrolling“. Doch „jetzt spucken wir in die Hände und sehen zu, wie wir den Karren aus dem Dreck ziehen“, beschreibt einer die Stimmung.

Mühsam ist es auch für den Grünen-Abgeordneten Weichert. Eine Taktik für die Sitzungen im Untersuchungsausschuss hat er nicht. Er legt sich ein paar Themenkomplexe und Stichworte zurecht. Im Ausschuss sind erst der Vorsitzende und sein Stellvertreter zwei Stunden lang dran. Dann haben die Fraktionen je 20 Minuten Rederecht. Als Letzter darf Weichert. „Es ist schwer, überhaupt noch etwas Neues zu fragen“, sagt er.

Milbradt muss am 31. März in Saal A 600 aussagen. Fast drei Stunden redet er im großen Sitzungsraum. Der Ministerpräsident sagt, dass es ihm stets darum gegangen sei, „das Risiko der Geschäfte in Dublin für die Sachsen LB kontrollierbar zu halten“. Von riskanten Geschäften will er erst im Sommer 2007 erfahren haben. Weichert nimmt es ihm nicht ab.

Nach vielen zermürbenden Stunden kann er endlich seine Fragen stellen. Zweimal kommt er an diesem Montag dran. Im März 2005 habe Milbradt in einer Regierungserklärung zur Sachsen LB Bezug auf ein Gutachten – unter anderem der Bankenaufsicht – genommen. Da stehe, sagt Weichert, „schon eine ganze Menge über sehr große außerbilanzielle Geschäfte“. Milbradt: „Dieser Bericht enthält – ich hab ihn im Nachhinein gelesen – nicht die Bemerkung, dass die Risiken unüberschaubar, die Risiken zu hoch sind, sondern dass das Management zu wünschen übrig lasse.“

Weichert lässt nicht locker. Er habe schon 2005 über die außerbilanziellen Geschäfte in Dublin Bescheid gewusst, sagt Weichert. „Wusste ich so nicht“, antwortet Milbradt. Über Struktur und Ausmaß außerbilanzieller Geschäfte habe er im August erfahren, sagt Milbradt und kommt davon. Nach neun Stunden.

Am nächsten Tag versetzt der SPD-Abgeordnete Karl Nolle dem Ministerpräsidenten den Gnadenstoß. Er fragt, ob Milbradt persönlich Darlehen von der Landesbank für eine Fondsbeteiligung erhalten habe. Der Ministerpräsident gibt das Geschäft zu — mit dem er prächtige Gewinne einfährt, während die Steuerzahler für die Milliardenverluste einstehen müssen. Milbradt tritt zurück.

Nur: Die tapferen Fragen des Abgeordneten Weichert haben ihn nicht gestürzt.

Prügel für riskante Geschäfte

Die kommenden Wochen dürften unangenehm werden für das Duo Erwin Huber und Günther Beckstein. Dann beginnt die heiße Phase des Untersuchungsausschusses zu den Verlusten der BayernLB infolge der Finanzkrise, und die Scheinwerfer richten sich auf den CSU-Chef, der zugleich bayrischer Finanzminister ist, und den Ministerpräsidenten: Wann hat das Führungs-Duo der CSU von den drohenden Milliardenverlusten der Bank aus den Subprime-Geschäften erfahren? Beckstein gehörte bis Oktober 2007 dem Verwaltungsrat der BayernLB an, Huber ist seit Oktober Vize-Vorsitzender des Kontrollgremiums, vorher war er einfaches Mitglied. Sicher ist, dass die Opposition im Landtag die wahlkämpfenden CSU-Granden öffentlichkeitswirksam vor sich hertreiben wird.

Neun Zeugen werden am kommenden Donnerstag und Freitag gehört werden, in der Woche darauf, am 6. Juni, müssen Huber und Beckstein selbst Rede und Antwort stehen. Obwohl die Geschäfte längst in jener Zeit liefen, als auch Ministerpräsident Beckstein sie hätte kontrollieren müssen, bekommt der treue Parteisoldat Huber derzeit die meisten Prügel ab. Dabei hat er sich ebenfalls schwere Fehler vorzuwerfen: Er versäumte es, die Oppositionsparteien über die kritische Situation vertraulich zu informieren. Später verpasste Huber den richtigen Zeitpunkt, öffentlich die Risiken einzuräumen – stattdessen leugnete er die Verluste, als sie längst bekannt waren, und versucht bis heute, alle Schuld für das Debakel beim Bankvorstand abzuladen. Die Quittung für das dilettantische Vorgehen wird die CSU voraussichtlich Ende September bekommen. Dann wird in Bayern gewählt, und die erfolgsverwöhnte Partei könnte ihr 50-Prozent-plus-X-Ziel verfehlen.

Rücksichtslose Verwertung

Wenn Stefano Buck zu seinen Patienten kommt, geht es ihnen meist schon richtig dreckig. Buck ist Rechtsanwalt bei der Kanzlei Schultze & Braun im badischen Achern, einer der besten Adressen für Insolvenzverwaltung in Deutschland. Was ihn auf die Palme bringt: Immer öfter, wenn er in ein angeschlagenes Unternehmen kommt, hat sich dort bereits ein Hedgefonds über Problemkredite in das Unternehmen eingekauft. Kann ein Unternehmen aufgrund seiner finanziellen Schieflage Darlehen nicht mehr pünktlich bedienen, verkauft die Bank die Forderungen mit Abschlägen von bis zu 70 Prozent an einen Hedgefonds. Der Handel mit solchen Problemkrediten ist in den vergangenen Jahren rasant angestiegen. Auf über 20 Milliarden Euro summierten sich diese Deals 2007, insgesamt werden die Problemkredite in Deutschland auf 300 Milliarden Euro geschätzt. Die Finanzkrise beflügelt diesen Handel, sie zwingt die Banken, sich schnellstmöglich von Problemkrediten zu trennen. „Das Problem ist“, kritisiert Buck, „dass die Hedgefonds meist nicht die Fortführung des Unternehmens im Sinn haben. Ihnen geht es in der Regel um die schnelle und rücksichtlose Verwertung mittels Zwangsverwaltung und Zwangsversteigerung.“ Zunehmend betroffen: der ganz normale Mittelstand – das neue Opfer.

Extrem desktruktiv

Der Tsunami hat die Küste noch nicht mit voller Wucht erreicht, aber wir spüren seine ersten Ausläufer“, sagt Ralph Holtom. Die Sonne scheint durchs offene Fenstern, vom Spielplatz der Schule gegenüber klingen Kinderstimmen. Doch Psychotherapeut Holtom spricht nicht vom Wetter. Die Sturmflut, die er meint, betrifft den Finanzplatz London – dort wo Schätzungen zufolge in den nächsten Monaten bis zu 40 000 der 350 000 Stellen gestrichen werden. Bei den Bankern wächst die Angst. Die Welle der Massenentlassungen rollt an, und viele der Betroffenen werden bei jenem Institut landen, für das Holtom arbeitet. Er spielt in der Finanzkrise auch eine Aufräumer-Rolle – aber eine ganz besondere.

Eine wachsende Zahl von Unternehmen aus dem Finanzsektor kontaktierte in den vergangenen Monaten sein Institut Counselling in Companies (CiC), das im Hinterhof eines alten Klosters im edlen Stadtviertel Kensington untergebracht ist. Es bietet den Unternehmen ein Employee Assistance Programme an. Dazu gehört bei Bedarf die psychologische Beratung beim Abbau von Stellen. Denn ist der Job erst mal weg, reagieren junge Banker häufig mit Alkohol- oder Drogenexzessen – ältere würden eher depressiv, berichtet Holtom. Schmerzhafter als der materielle Verlust, den die Spitzenkräfte aus der Finanzwelt zumindest eine Weile verkraften, sind die psychologischen Folgen. Von einem Tag auf den anderen sind Status, Identität und Selbstvertrauen futsch, sitzt der Alphamann, der bisher Millionen bewegte, gedemütigt und tatenlos zu Hause.

Über Persönliches zu sprechen, Stress oder Schwächen einzugestehen ist in der von einer aggressiven Machokultur geprägten City nicht üblich. Psychologische Probleme einzuräumen kann ganz schnell zum Karrierekiller werden. „Deshalb ist es für diese Menschen enorm schwierig, die Hilfe eines Therapeuten zu erbitten.“ Dabei wäre die in Zeiten wie diesen wichtiger denn je. „Wird das Umfeld schwieriger, übt das Management mehr Druck aus; Fehlentscheidungen fallen stärker ins Gewicht, der Stress steigt.“ Fehlt das Ventil kommt es gelegentlich zu extrem destruktiven Reaktionen: Kurz vor Pfingsten erschoss die Londoner Polizei einen 32-jährigen Staranwalt, der eines Nachmittags aus heiterem Himmel in seiner Luxuswohnanlage in Chelsea mit einem Gewehr herumballerte. Zuvor sprang ein Händler bei der Besichtigung einer Wohnung im 20. Stockwerk in den Tod. Im Gegensatz dazu hat einer von Holtoms ehemaligen Klienten sich gerade einen Bauernhof gekauft. Ganz ausgestiegen ist er nicht, doch als Ausgleich verbringt er inzwischen zwei Tage in der Woche als Landwirt. Ein Einzelfall. Denn dass es nach dem Ende der derzeitigen Krise einen echten Wandel geben wird, glaubt Holtom nicht. „Leider werden sie zu ihren alten Gewohnheiten zurückkehren. Gier und Wettbewerb treiben das Geschäft an. Die City ist nun mal ein Schlachtfeld.“

Hoch gepokert

Die Rettung der IKB war für Heinrich Haasis dramatisch, den Präsidenten des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands. Vielleicht auch deshalb, weil er, wie WirtschaftsWoche-Recherchen nun zutage fördern, eine Doppelrolle spielte: als Retter und Profiteur. Ohne Haasis Hilfe wäre die IKB womöglich nicht mehr zu retten gewesen — andererseits hätte eine Pleite der IKB auch die Sparkassen finanziell hart getroffen.

Am letzten Juli-Sonntag 2007, als die Finanzkrise bei der IKB einschlug, ist Haasis per Telefon zusammengeschaltet mit den Granden der Geldbranche: Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, Klaus-Peter Müller – damals Präsident des Bundesverbands deutscher Banken und Commerzbank-Chef –, der inzwischen zurückgetretenen KfW-Chefin Ingrid Matthäus-Maier und Jochen Sanio, dem Leiter der Bankenaufsicht. Es geht darum, dass die Banken der IKB eine Milliarde Euro zur Verfügung stellen. „Es hätte Folgen für alle deutschen Banken gehabt, wäre die IKB zugemacht worden“, sagt Haasis später. „Investoren hätten das Vertrauen verloren. Es war klar, dass wir helfen mussten.“ Trotzdem soll sich Haasis Verhandlungskreisen zufolge im Gespräch stur gezeigt haben. „Die IKB ist eine private Bank und deshalb erst mal euer Problem“, habe er Müller gesagt. Die Hälfte der Summe müsse von den Privaten kommen. Darauf lässt Müller sich ein. Die restlichen 500 Millionen teilen sich Sparkassen und Volksbanken.

Haasis pokerte hoch – und gewann. Was er damals nicht sagte: Auch die Sparkassen hätten unter einer Pleite gelitten. Bankkreisen zufolge halten die deutschen Sparkassen bis heute IKB-Anleihen im hohen dreistelligen Millionen-Bereich. Bei einer Pleite wäre das Geld weg gewesen. „Die Rettung war günstiger“, sagt ein hochrangiger Vertreter eines regionalen Sparkassenverbands: Bei ihm habe die „milde Spende“ kaum zehn Prozent dessen ausgemacht, was seine Sparkassen bei einer IKB-Pleite verloren hätten.

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