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Nestlé Fit oder fett

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Groß geworden sind Nestlé und die Konkurrenten Unilever, Kraft Foods und Danone mit Industrienahrung. Doch der Absatz kalorienreicher Fertiggerichte aus der Dose, salzreicher Tütensuppen und fetter Eiscreme stagniert in vielen Ländern. Nestlé-Chef Peter Brabeck-Letmathe kann daher gar nicht anders, als seinen Nahrungsmittelmulti in einen Konzern umzubauen, der mit Gesundheit und Wellness lockt. „Die Kalorienbomben müssen raus aus dem Programm“, fordert er. Manch einer seiner Gefolgsleute sieht das zwar nicht ganz so streng: „Natürlich kommen wir nicht von heute auf morgen von Geschmacksverstärkern weg und können nicht gleich alle Kalorienbomben rausschmeißen“, sagt Ferdinand Haschke, der die Nestlé-Sparte „Nutrition“ für Nahrungsmittel mit Gesundheitsplus leitet. Dennoch wirbelt Brabeck-Letmathe sein Unternehmen ordentlich durcheinander. „Es herrscht jetzt eine neue Denke bei Nestlé“, sagt Manager De Loecker. „Früher hieß es, macht mal ein tolles Eis, jetzt heißt es, macht ein gesundes.“ Bei rund 400 Nahrungsmitteln hat Brabeck-Letmathe Zucker, Fett und Salz absaugen lassen. Und Lebensmittel sollen künftig nicht nur satt machen, sondern gleichzeitig heilende Wirkung haben. Mehr noch als die Maggi-Tütensuppe „Feel Good“ mit weniger als einem Prozent Fett steht das Speiseöl der Nestlé-Marke Thomy für den Umbau, den Brabeck-Letmathe dem Unternehmen verordnet hat: Das Öl soll den Cholesterinspiegel senken und lockt mit reichlich Vitamin E. „Jedes Nestlé-Produkt“, verspricht der Konzernchef, „wird einen gesundheitlichen Zusatznutzen liefern.“ Gesundheitlicher Zusatznutzen, heilende Lebensmittel, Biokost, alles ziemlich dehnbare Begriffe. So gehören für den Nestlé-Chef süße Sünden wie Schokolade nach wie vor ins Nestlé-Portfolio. „Beim Bergsteigen kann ich ohne jedes Problem eine Tafel Schokolade verputzen und tue meiner Gesundheit dabei noch einen Gefallen mit Flavanolen und Magnesium“, sagt Brabeck-Letmathe. Aber die Qualität wird verbessert. Bei der Marke Callier etwa verarbeiten die Schweizer statt billigem Vanillin seit Neuestem natürliche Vanille. Der Mann drückt aufs Tempo. Seit neun Jahren steht er an der Nestlé-Spitze. In der Zeit trimmte er den Konzern auf Effizienz, sparte Kosten in der Produktion, dehnte das Imperium durch dutzende von Übernahmen aus. Doch für die größte Herausforderung, den Wandel vom Massenproduzenten von Fertignahrung zum Gesundheitskonzern, hat er nur mehr wenig Zeit – 2008 übernimmt ein Jüngerer das Amt des heute 61-jährigen Österreichers. Es hakt noch an einigen Stellen, etwa bei Lebensmitteln, die eine heilende Wirkung versprechen. Erst in der vergangenen Woche teilte die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA (Food and Drug Administration) Nestlé mit, das Unternehmen dürfe nicht behaupten, dass die hypoallergene Nestlé-Säuglingsnahrung das Risiko von Hautallergien reduziere. Dafür gebe es keinen Beweis.

Auch der Kundschaft schmeckt die schöne neue, gesunde Nestlé-Welt noch nicht. Biokost, heilende Lebensmittel und herkömmliche Industrienahrung in Einklang zu bringen entpuppt sich als mühsames Geschäft. Nur vier Milliarden Euro Umsatz machte die neue Sparte Nutrition im vergangenen Jahr – und trug damit erst sechs Prozent zum Konzernumsatz von zuletzt 58 Milliarden Euro bei. „Wir sind erst in der Mitte des Umbaus angekommen“, sagt Brabeck-Letmathe – und muss dabei den Begriff Mitte ein wenig dehnen. Deshalb holt er sich jetzt Hilfe von außen. Im vergangenen Monat kündigte er an, Nestlé werde rund 500 Millionen Euro in einen neuen Gesundheitsfonds steckt. Der soll weltweit in Unternehmen investieren, deren Produkte, gespickt mit einem Ernährungsplus, kurz vor dem Markteintritt stehen. Die Summe ist immerhin die Hälfte des Etats, den die Schweizer jährlich in ihre eigene Forschung stecken. Noch sind Verbraucher in den Industrieländern selten bereit, für gesunde Ernährung deutlich mehr Geld auszugeben als für Standardware aus dem Regal. Biokost macht erst einen verschwindend geringen Anteil am Lebensmittelhandel aus. Doch Gesundheit und Wellness liegen im Trend. Spätestens seit der Unruhe über die Rinderseuche BSE Ende der Neunzigerjahre denken Konsumenten intensiver darüber nach, was sie kaufen und wie Lebensmittel hergestellt werden.

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