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Nestlé Fit oder fett

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Fast die Hälfte aller Deutschen überprüft Lebensmittelverpackungen regelmäßig auf den Fettgehalt, immerhin 40 Prozent schauen auf den Etiketten nach, wie viel Zucker drinsteckt und wie viele Kalorien. Gut zehn Prozent aller Deutschen kaufen Biolebensmittel. „Bewusste Ernährung und Gesundheit werden in Zukunft schon allein durch den steigenden Altersdurchschnitt immer wichtiger werden“, sagt Marktforscherin Michaela Hockenberger von AC Nielsen. Das Problem für Nestlé: Der Name steht bisher nicht für natürliche und gesunde Nahrungsmittel. Zu gut sind vielen Konsumenten noch umstrittene Geschäftspraktiken etwa bei Babynahrung in den Siebzigerjahren in Erinnerung. Damals wurde Nestlé wegen aggressiver Vermarktung von Milchpulverprodukten als Muttermilchersatz in Dritte-Welt-Ländern angegriffen. Hauptkritikpunkte waren der hohe Preis, drohende Unterernährung auf Grund starker Verdünnung des Milchersatzes sowie Infektionen wegen der Zubereitung mit nicht keimfreiem Wasser. Ausgerechnet Babymilch handelte den Schweizern jüngst abermals Kritik ein. In Italien, Spanien, Portugal und Frankreich nahm Nestlé verunreinigte Babymilch vom Markt. Ende des vergangenen Jahres fanden sich in einigen Produkten Spuren der Substanz ITX, die zur Herstellung der Tetra-Pak-Verpackungen verwendet wird. Wie gefährlich das Fixiermittel ITX ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Nestlé besteht darauf, der Rückruf sei reine Vorsicht, denn die Substanz sei kein Gesundheitsrisiko. Die Kosten für den Rückruf bezifferte Nestlé auf rund 2,5 Millionen Euro. Schwerer wiegt, dass Brabeck-Letmathe mit seiner harten Haltung einen weiteren Imageschaden riskierte. Er nannte den Fall zuerst einen „Sturm im Wasserglas“ und bestand darauf, dass keine Gefahr bestehe. Zunächst behauptete er, schon im Juli des vergangenen Jahres, also bevor die Verunreinigungen entdeckt worden waren, mit den italienischen Behörden darüber gesprochen zu haben – was diese zurückwiesen. Der Nestlé-Chef wollte das Produkt auslaufen lassen und später in neuer Verpackung auf den Markt bringen. Kurz darauf räumte er in einem zweiseitigen Brief ein, dass er sich über den Zeitpunkt geirrt hatte.

Ähnliches Bild in China: Dort verkaufte der Konzern Babymilch mit einer zu hohen Konzentration von Jod. Die Werte genügten den internationalen Standards, nicht jedoch den chinesischen Grenzwerten. Auch im Konflikt mit der chinesischen Regierung wiegelte Nestlé zunächst ab. Dann musste sich der Konzern öffentlich entschuldigen. Es sind Ereignisse wie diese, die zeigen, wie schwer der Wandel für Nestlé ist. Zielscheibe massiver Kritik ist immer wieder Brabeck-Letmathe selbst. Dabei entspricht er so gar nicht dem Bild des harten Kostendrückers. Wenn er nicht im Anzug auftritt, sondern im Lodenjanker, dann hat der hoch gewachsene und sonnengebräunte Mann – dem seine 61 Jahre kaum einer ansieht – immer noch etwas vom Naturburschen. Passionierter Bergsteiger ist er ohnehin, Harley-Davidson-Fahrer auch. Eigentlich wirkt er nicht wie der Herrscher über einen Milliardenkonzern, er ginge auch als gediegener Hotelbesitzer im heimatlichen Kärnten durch. Aber Brabeck-Letmathe hat kein Hotel geerbt, sondern seine Karriere mit 24 Jahren als Eisverkäufer für Nestlé in Österreich begonnen. Der Konzern hat ihn später nach Südamerika geschickt. Weltläufig ist er und galant – und kann im nächsten Augenblick ganz undiplomatisch den störrischen Kärntner geben. Dann verstrickt er sich in Widersprüche. Etwa beim Thema Wasser. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Anfang des Jahres warnte er vor einem drohenden Kampf um die weltweiten Wasserressourcen, sprach von einem Grundrecht der Menschen auf Wasser und forderte, dass vor allem die Landwirtschaft den Verbrauch reduzieren sollte.

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