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Nestlé Fit oder fett

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Nur wenige Wochen später erschien ein anderer Peter Brabeck-Letmathe im Dokumentarfilm „We feed the World“, der sich kritisch mit den Nahrungsmittelproduzenten auseinander setzt. Da spricht Brabeck-Letmathe nonchalant vom Wasser als Lebensmittel, das einen Marktwert habe, wie jedes andere Produkt auch. Was sollte er anderes sagen – schließlich ist sein Unternehmen der weltgrößte Mineralwasserproduzent und verdient damit viel Geld. Und wenn Brabeck-Letmathe von Marktwert redet, so denkt er vor allem an den winzigen Teil der weltweiten Wasserreserven, der in Flaschen abgefüllt wird. In dem Dokustreifen übernahm er mit der Aussage dennoch die Rolle des industriellen Bösewichts. Als lupenreiner Gesundheitsguru oder Ökofreak kann er sich gar nicht geben. Auch wenn er Nestlé auf Gesundheit trimmt, werden aus den Forschern in Vevey keine bärtigen Biobauern. Alternative Landwirtschaft könnte den Bedarf nicht decken, und der vom Preisverfall bei vielen Lebensmitteln verwöhnte Verbraucher würde diesen Luxus auch nicht bezahlen. Alle großen Anbieter, ob Unilever, Danone oder Kraft Foods, setzen gezwungenermaßen auf Lebensmittel mit einem Gesundheitsplus, denn sie liefern sich mit den Discountern einen erbitterten Preiskampf. „Wir können den erfolgreichen Handelsmarken nur etwas entgegensetzen, wenn wir als Markenhersteller etwas haben, das die Handelsmarken nicht haben“, sagt Nestlé-Deutschland-Chef Patrice Bula. Sicher, der Schweizer Multi mit seinen weltweit 220.000 Mitarbeitern und 479 Fabriken nagt nicht am Hungertuch. Im vergangenen Jahr legte der Konzernumsatz um 7,5 Prozent auf 58 Milliarden Euro zu. Mit Produkten von der Tütensuppe bis zum Tierfutter, von der Babynahrung bis zu Augenheilprodukten, vom Trinkwasser bis zum löslichen Kaffee, vom Joghurt bis zur Maggi-Würze erzielte Nestlé rund fünf Milliarden Euro Gewinn. Ein Plus von stattlichen 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Aber das Geschäft in Europa stockt. Hier kam Nestlé 2005 auf 18 Milliarden Euro Umsatz – ein mageres Plus von zwei Prozent. „Wir sind nicht in Krisenstimmung“, sagt der Nestlé-Chef. „Aber wir können nicht akzeptieren, dass wir in Europa nicht wachsen.“ Dabei beschäftigt sich bei Nestlé schon seit Jahren die Hälfte aller Forschungsprojekte in Vevey mit Lebensmitteln, die mit einem Gesundheitsplus daherkommen. Als einer der Ersten der Branche setzte Nestlé auf die Entwicklung von High-Tech-Nahrung, die das Immunsystem stärken oder die Darmflora in Takt halten soll. Schon zu seinem Amtsantritt 1997 visionierte Brabeck-Letmathe, dass „bald neu kreierte Lebensmittel am Fließband produziert würden, die nicht nur gesund, sondern auch heilsam sind“. Acht lange Jahre forschten die Schweizer etwa an dem verdauungsfördernden Joghurt LC1, eine Abkürzung für Lactobacillus. Als sie 1995 damit auf den Markt kamen, interessierte sich kein Mensch für den Joghurt mit dem sperrigen Namen. Einige Zeit später hatte der französische Konkurrent Danone mit dem Trinkjoghurt Actimel, der die Abwehrkräfte stärken soll, durchschlagenden Erfolg – vor allem dank intensiver Werbung. In den Niederlanden, Frankreich und Schweden punktete Konkurrent Unilever mit seiner fettarmen Margarine Becel pro aktiv. Dort gibt es die fettarme Margarine sogar auf Rezept bei der Krankenkasse. Die niederländische Krankenversicherung VGZ erstattet Versicherten jährlich 40 Euro für den Kauf von Cholesterin senkenden Margarine-Produkten von Unilever.

Auch der Getränkekonzern Coca-Cola drängt in den Gesundheitsmarkt. In der vergangenen Woche kündigten die Amerikaner den Kauf der traditionsreichen Mineralwassermarke Apollinaris an. Damit füllt der Konzern zukünftig auch Heilwasser ab und bietet den Schweizern, die mit ihren Marken San Pellegrino, Perrier, Vittel und Pure Life weltweit führend im Wassergeschäft sind, Paroli. Kein Wunder, dass bei Nestlé einige unruhig werden. „Die Konkurrenz hat das Thema gesunde Ernährung viel lauter als wir in die Welt gerufen“, kritisiert ein deutscher Nestlé-Geschäftsführer die Strategie des Schweizer Mutterkonzerns. Schließlich musste Nestlé im vergangenen Jahr sogar eine Niederlage einstecken. Anfang 2004 brachten die Schweizer Nutrel auf den Markt, einen Müsliriegel für Menschen mit besonderen Ernährungsbedürfnissen. Eine Sorte versprach, den Blutzuckerspiegel konstant hochzuhalten, eine andere bot einen hohen Folsäureanteil für Schwangere. Zu haben waren die Riegel nur in Apotheken und Drogerien, wo sie wie Blei in den Regalen lagen. Mitte 2005 wurden sie vom Markt genommen. Das Problem: Verbraucher sind immer noch skeptisch, wenn die Nahrungsmittelmultis auf Gesundheit machen. „Das Riesenproblem für Nestlé ist, dem Kunden die neue Gesundheitsbotschaft glaubhaft rüberzubringen“, sagt Josef Spanrunft, Vertriebschef des Biomarktbetreibers Basic. Denn die herkömmliche Industrienahrung von Nestlé bleibt neben den neuen Gesundheitsprodukten im Sortiment.

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