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Nestlé Fit oder fett

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„Es fehlt der Glaube an die Wirkung von funktionellen Lebensmitteln“, sagt Klaus Halsig, Geschäftsführer des Marktforschers AC Nielsen. Noch ist der Markt für diese Produkte entsprechend klein. In Deutschland liegt das Volumen nach Schätzungen der Unternehmensberatung BBE heute nur bei 2,6 Milliarden Euro – winzig im Vergleich zum Gesamtumsatz von gut 130 Milliarden Euro im deutschen Lebensmittelhandel. Nach Umfragen von BBE sind vor allem die Deutschen schwer davon zu überzeugen, dass funktionelle Lebensmittel wirklich die Gesundheitsvorteile bieten, mit denen die Hersteller werben. Anders bei biologisch erzeugten Lebensmitteln: Mehr als zwei Drittel der Befragten sind der Ansicht, Biokost sei im Vergleich zu herkömmlicher Industrienahrung gesünder für sie und ihre Kinder. „Mit Bio wird richtig Geld verdient“, sagt AC-Nielsen-Managerin Hockenberger. Ein Plus von 15 Prozent auf vier Milliarden Euro verzeichnete der Markt mit Bionahrungsmitteln im vergangenen Jahr in Deutschland. Auch das ist, gemessen am übrigen Lebensmittelhandel, noch nicht viel. Aber bei Biokost bleiben bis zu sechs Prozent des Umsatzes beim Händler als Gewinn in der Kasse. Das ist weit mehr, als sich mit konventionellen Produkten verdienen lässt. Den Massenmarkt mit Bioprodukten zu bedienen ist jedoch unmöglich. Das gibt die Produktion nicht her. „Wir sehen heute schon erste Knappheiten auf der Angebotsseite“, sagt Marktforscherin Hockenberger von AC Nielsen. „Bei Biomilch etwa kommt es durch den Einstieg der Discounter in diesen Markt derzeit zu Lieferengpässen und steigenden Preisen.“ Gleichzeitig wäre Bio für die großen Anbieter der Einstieg in eine ganz neue Geschmackswelt. „Es wäre gefährlich für Nestlé, allein auf Bioprodukte zu setzen“, sagt Biomarktmanager Spanrunft. „Denn wer an Industrienahrung gewöhnt ist, dem schmeckt ein Bioprodukt mit wenig Gewürzmitteln und wenig Aromastoffen, mit wenig Zucker oder Salz gar nicht. Und die Kundschaft, die Bio mag, geht lieber gleich in den Bioladen.“ Sie bevorzugen Produkte, die mit möglichst wenig Zusatzstoffen wie Glutamat auskommen. Das weiß auch Nestlé. Das umstrittene Gewürzmittel Glutamat soll peu à peu auch aus dem eigenen Sortiment verschwinden. „Aber die meisten Konsumenten sind nicht offen, sie wollen beim Essen nicht auf ihren gewohnten Geschmack verzichten“, sagt Maggi-Deutschland-Chef Christophe Beck. Die Schwierigkeit besteht also darin, die Produkte gesünder zu machen, ohne den Geschmack zu verändern. „Ein anspruchsvolles Ziel“, gibt Maggi-Chef Beck zu.

Wie beim neuen Speiseeis. Ziemlich viel Aufwand haben die Schweizer betrieben, damit ein Teil des Eiscreme-Sortiments mit weniger Fett auskommt. Über ein Jahr lang forschten über 20 Lebensmittelspezialisten an dem neuen Mövenpick-Rezept und dem neuen Produktionsverfahren. De Loecker hofft nun, dass nicht nur mehr Verbraucher zu dem Eis greifen, sondern auch häufiger von der fettreduzierten Leckerei genascht wird, damit der Umsatz anspringt. Wie in Amerika. Da bietet Nestlé längst Speiseeis mit weniger als zwei Prozent Fett an, der Eisumsatz stieg drastisch – aber ein solch spartanisches Eis, glaubt De Loecker, „schmeckt hier keinem Menschen“. Damit sich das allmählich ändert, rührt Nestlé kräftig die Werbetrommel. In diesem Jahr sind rund 35 Millionen Euro für die Werbung von Produkten mit einem Gesundheitsplus veranschlagt. Das sind immerhin 20 Prozent des gesamten jährlichen Werbeetats. Sogar eine eigene Fernseh-Koch-Sendung im regulären Programm ist geplant. Mit mehreren Fernsehsendern ist Nestlé in Verhandlungen. Nestlé-Nutrition-Chef Haschke sinniert am Konzernsitz in Vevey schon über die nächsten neuen Produkte. Schließlich werde es künftig „kein Produkt mehr bei Nestlé geben, das nicht in unsere Gesundheits- und Wellness-Strategie passt“. Wie wäre es etwa mit einer Milch für Menschen, die keinen Fisch mögen, aber auf dessen Nährwerte nicht verzichten wollen? Die trinken demnächst, geht es nach den Nestlé-Forschern, einfach Milch. Und zwar eine Milch, die mit den Nährwerten angereichert ist, die Fisch liefert, Omega-3-Fettsäuren etwa. Auch aus Wasser lässt sich mehr machen. Diverse Wellness-Wasser mit Zusätzen von Vitaminen, Mineralien und Kräutern gibt es bereits. „Denken Sie an spezielle Wasser mit grünem Tee“, sagt Haschke. Schließlich ist es wissenschaftlich erwiesen, dass grüner Tee die Körperfettzunahme reduziert – zumindest bei Mäusen.

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