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Nordrhein-Westfalen Auf dem Weg zum Innovationsmotor Deutschlands

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„Die meisten Ideen“, gibt Center-Leiter Norbert Windhab unumwunden zu, „kommen von den Universitäten.“ In NRW fühlt sich Windhab gut aufgehoben, jeder dritte seiner über 40 Kooperationspartner ist hier ansässig, die Wege sind kurz, man kennt sich. Auch das Jülicher Supercomputer-Zentrum nutzen die Degussa-Leute, zum Beispiel um Gen-Daten zu analysieren. Früher dauerte es Jahrzehnte, den Bauplan einer Zelle auszulesen, heute gelingt das mit geballter Rechnerkraft in wenigen Wochen. „Ohne diese Forschungsinfrastruktur“, sagt Windhab, „könnten wir unsere Ziele nicht erreichen, wir arbeiten hier gegen die Uhr.“ Ohne Jülicher Rechenleistungen wäre auch ein zweites – aus Forschersicht revolutionäres – Projekt kaum möglich. Angeflanscht an die Ruhr-Uni Bochum entsteht gerade für 24,1 Millionen Euro ein Werkstoffzentrum mit dem sperrigen Namen Interdisciplinary Centre of Advanced Materials Simulations, kurz ICAMS. Revolutionär daran ist, dass dieses Zentrum renommierte Materialforscher unter einem Dach versammelt, die bisher isoliert an ihren Themen gearbeitet haben. Die Geldgeber, allen voran ThyssenKrupp, erhoffen sich neue, marktfähige Erkenntnisse. Schon jetzt etwa können Crashtests am Rechner simuliert werden. Die ICAMS-Forscher wollen noch einen Schritt weitergehen: Sie fahnden nach neuen Verfahren, mit denen man jedes einzelne Atom eines Werkstoffs wunschgemäß anordnen kann. Auch die Langzeitstabilität, beispielsweise von Karosserien, wollen die Forscher am Rechner erforschen. „Die Zahl der Fragen und der Anwendungsmöglichkeiten ist gewaltig“, sagt ICAMS-Mitgründer Jörg Neugebauer, Professor am Max-Planck-Institut für Eisenforschung in Düsseldorf. Wie beim Degussa-Projekt geht es in Bochum auch um den Wissenstransfer in die industrielle Forschung. Und um Nachwuchs: Das ICAMS will eine neue Generation von interdisziplinär und anwendungsorientiert denkenden Werkstoffwissenschaftlern hervorbringen, die weltweit zur Elite gehören sollen. Doch längst nicht jede Hochschule und jedes Forschungsinstitut fühlt sich wohl bei dem Gedanken, mit Unternehmen gemeinsame Sache zu machen. Groß ist die Angst vor einem Ausverkauf der Wissenschaft, vor einer Abkehr vom Ideal der freien Forschung. Und noch immer versperren kulturelle Barrieren den Weg. Oft weiß die eine Seite nicht, worüber die andere redet. Auf dem Weg vom Hörsaal in die Vorstandsetage geht Wissen verloren, weil die oft mit Berufsanfängern bestückten Transferstellen nicht professionell genug arbeiten. An der Fachhochschule Münster kennt man diese Probleme – und räumt sie konsequent aus dem Weg. Die Münsteraner haben vor Jahren schon eine privatwirtschaftliche Transferagentur gegründet, die sich um Kontakte zu Industrie und Wirtschaft kümmert, Projekte anleiert, gemeinsame Interessen auslotet, lästigen Verwaltungskram übernimmt und vor allem professioneller Mittler zwischen Wirtschaft und Wissenschaft ist. Die Hochschule betreibt zudem einen Lehrstuhl für Science-to-Business-Marketing, um das Miteinander von Wirtschaft und Wissenschaft zu erforschen. Ziel ist es außerdem, in Zukunft professionelle Transfermanager auszubilden.

„Wir können uns nicht mehr nur auf den Staat verlassen“, sagt Rektor Klaus Niederdrenk. Er preist stattdessen „strategische Allianzen“ mit der Wirtschaftswelt und ein „partnerschaftliches Miteinander“. Volker Meyer-Guckel, Kooperationsexperte vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft in Essen, hält das für den richtigen Weg. Sein Argument: Partnerschaftliche Projekte geben Hochschulen erst den finanziellen Spielraum, um Forschungsvorhaben zu unterstützen, die frei von ökonomischen Interessen sind. Kooperation verhindert also nicht die freie Forschung, sie unterstützt sie sogar. Damit könnte er recht behalten, wie das Beispiel Münster zeigt. Die Kaderschmiede ist bundesweit die drittmittelstärkste Fachhochschule. Im vergangenen Jahr hat sie rund elf Millionen Euro eingesammelt – etwa ein Drittel ihres Jahresbudgets. Das Gros der Drittmittel stammt aus der Kooperation mit der Wirtschaft. Die Münsteraner sollen nun den NRW-Hochschulen als Vorbild dienen. Für sie gilt seit Anfang des Jahres das Hochschulfreiheitsgesetz, das den Hochschulen ein hohes Maß an Autonomie gestattet. Die Rektoren dürfen entscheiden, welches Geld sie wie verwenden. Das Gesetz verlangt weiterhin, einen Hochschulrat zu gründen. In diesem Gremium, das wie ein Aufsichtsrat die Hochschulen steuert, sitzen auch Unternehmensvertreter. Die bringen ökonomisches Wissen ein, helfen mit Kontakten, öffnen Türen zu Industriepartnern. Außerdem erleichtert das neue Hochschulgesetz gemeinsame Unternehmensgründungen von Wirtschaft und Hochschulen. NRW-Unternehmer wie den Dortmunder Softwarehersteller Winfried Materna freut das: „Das Hochschulfreiheitsgesetz ist eine Steilvorlage für mehr Kooperation.“ Materna weiß, wovon er redet. Sein gleichnamiges Unternehmen mit weltweit 1200 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 150 Millionen Euro hat regelmäßig an die 100 studentische Mitarbeiter, Diplomanden oder Promovierende zu Gast. Das Softwarehaus ist seit seiner Gründung vor 27 Jahren in ständigem Austausch mit Wissenschaftlern von Universitäten und Fachhochschulen und initiiert gemeinsame Forschungsprojekte. Ein weiterer wichtiger Punkt: Kooperation ist immer auch Recruiting. Haben Studenten ein Unternehmen erst einmal kennengelernt und persönliche Kontakte geknüpft, steigen sie nach dem Examen häufig dort ein, statt in der Ferne ihre Karriere zu starten. Wie gut das funktionieren kann, beweist das Beispiel Materna: 95 Prozent der studentischen Mitarbeiter schließen nach dem Examen einen Arbeitsvertrag mit dem Dortmunder Softwarehaus ab. Mehr dazu bei wiwo.de: RWI-Chef Christoph Schmidt im Interview: „Wichtig ist auf´m Platz“

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