WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Nordrhein-Westfalen Auf dem Weg zum Innovationsmotor Deutschlands

Die Landesregierung will das industrielastige Bundesland zu Deutschlands führendem Innovationsstandort machen. Wissenschaft und Wirtschaft sollen mehr kooperieren.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Supercomputer im Forschungszentrum Jülich: Wissenschaftler balgen sich um kostbare Rechnenzeit, dpa

Kühl ist es im Jülicher Schwarzwald. Eine Klimaanlage bläst mit gewaltigem Getöse 16 Grad kalte Luft in die Halle. „Schwarzwald“, so nennt Norbert Attig vom Forschungszentrum Jülich bei Aachen die Institutsrechner, die zu Deutschlands schnellsten Computern zählen. Mit etwas Fantasie ähneln die mannshohen schwarzen Schränke tatsächlich mehr Baumstämmen als Computern. Auf den Zentimeter genau aufgereiht stehen sie in dem 1000 Quadratmeter großen Maschinenraum. Ab und an führt Attig Besucher durch die ansonsten menschenleere Halle und erklärt das Kabelgewirr in den Schränken. Der Computerwald erledigt – unbeeindruckt von staunenden Blicken – seinen Job: Er rechnet, was das Zeug hält. Tag und Nacht, das ganze Jahr hindurch. Für regelmäßige Unruhe sorgt allein, dass auch diesen Supercomputer das gleiche Schicksal ereilt wie jeden handelsüblichen Rechner: Ruck, zuck gehört er zum alten Eisen. Der nordrhein-westfälische Forschungsminister Andreas Pinkwart reiste deshalb bis nach New York, um bei IBM für insgesamt 15 Millionen Euro den Schwarzwald aufzuforsten. Und selbst das ist nur ein Zwischenschritt bis zum großen Ziel: einen unvorstellbar schnellen Petaflop-Rechner nach NRW zu holen. Der schafft 1000 Billionen Rechenoperationen pro Sekunde. Um da mitzuhalten, müssten alle Menschen auf der Welt pro Sekunde eine Million Rechenoperationen durchführen. Dass ein Minister den Wettlauf um Europas schnellsten Rechner zur Chefsache macht, hat Gründe. Pinkwart will auf diesem forschungspolitisch wichtigen Gebiet nicht den Anschluss verlieren. Immer mehr Wissenschaftler aus Zukunftsbranchen wie Biotechnologie oder Materialforschung balgen sich um kostbare Jülicher Rechenzeit. Die Forscher modellieren dort neue Molekülstrukturen oder simulieren komplexe Prozesse, mit denen herkömmliche Rechner nicht fertig würden. Von den Hochleistungsrechnern erhofft sich Pinkwart frischen Wind für den Forschungsstandort Nordrhein-Westfalen. Vielleicht – so die große Hoffnung – gelingt dem ein oder anderen ja der wissenschaftliche Durchbruch. Vielleicht mündet eine Idee aus NRW in ein revolutionäres Produkt. Vielleicht entsteht aus einer kleinen Uni-Ausgründung ja wieder ein Vorzeigeunternehmen wie Qiagen aus Hilden, bundesweit die gewinnstärkste Biotechfirma mit insgesamt 2000 Mitarbeitern. Solche Erfolgsgeschichten hat NRW bitter nötig. Das mit Abstand bevölkerungsreichste Bundesland mit der größten Hochschuldichte und den meisten Studenten schneidet in Sachen Erfindergeist bisher nicht gut ab. Etwa bei den Patenten: Im Jahr 2003 meldeten die Nordrhein-Westfalen knapp 8000 Patente an. Pro eine Million Einwohner schaffte NRW damit nur 560 Patente. Bayern dagegen kam auf 1180 Anmeldungen pro eine Million Einwohner, Baden-Württemberg sogar auf 1300. „An Rhein und Ruhr passiert – gemessen an den Möglichkeiten – immer noch nicht genug“, kritisiert Volkswirt Christoph Schmidt, Chef des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen.

Die Forschungsstatistik gibt ihm recht. Die Währung, in der die EU-Staaten ihr Forschungsengagement messen, ist die sogenannte FQuote, die privaten und öffentlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Relation zum Bruttoinlandsprodukt. Nach Willen der EU-Politiker soll dieser Wert mindestens drei Prozent und damit das sogenannte Lissabon-Ziel erreichen. NRW kommt auf nur 1,78 Prozent, die starken Südländer Bayern (2,89 Prozent) und Baden-Württemberg (3,87 Prozent) haben die Nase vorn. Just die will NRW spätestens im Jahr 2015 vom Innovationsthron stoßen. Ein sportliches Ziel, es geht um viel. Das Land muss seine industrielle Vergangenheit verdauen, das strukturschwache Ruhrgebiet hängt Gesamt-NRW wie ein Klotz am Bein. Fieberhaft überlegen Politiker, wie jetzt, nachdem der Ausstieg aus dem hochsubventionierten Bergbau gelungen ist, die Zukunft im Revier aussehen könnte. Dabei ist es politischer Wille, vor allem Branchen zu fördern, die schon florieren oder aber in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit Arbeitsplätze und Steuereinnahmen bringen. Florierende Branchen, davon hat NRW einige zu bieten: Das Bundesland ist König der Logistik, auch in der Energie-, Pharma- und Chemiebranche sind die Nordrhein-Westfalen nicht zu schlagen. Und die Zukunftsbranche Biotechnologie gibt in NRW mehr Menschen Lohn und Brot als etwa in Bayern oder Baden-Württemberg. Dennoch, das zeigen die volkswirtschaftlichen Daten, muss mehr passieren, will NRW auf Dauer nicht hinterhinken. Die Landesregierung setzt deshalb auf eine kreative, wissensbasierte Ökonomie, die im Ruhrgebiet das Montan-Loch stopfen soll. „Wissen ist ein Produktionsfaktor, ebenso wie die klassischen Faktoren Boden, Kapital und Arbeit“, sagt Ministerpräsident Jürgen Rüttgers. Dieser Produktionsfaktor ist laut Rüttgers der neue „Motor des Wandels in der Gesellschaft“. Schöne Worte allein werden das Land von der Größe der Niederlande allerdings nicht voranbringen. Gerade beim Produktionsfaktor Wissen hapert es. Deshalb will die Landesregierung die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in den nächsten Jahren kräftig erhöhen. Aus einem Innovationsfonds etwa, gespeist aus Privatisierungserlösen, sollen bis 2015 zusätzliche 1,5 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung fließen. Wichtiger noch als die Höhe der Summe, „wird die Art Förderung sein“, sagt RWI-Chef Schmidt. Die Hebelwirkung der Fördergelder müsse erhöht werden. Etwa, indem man den Unternehmen bessere Forschungsbedingungen biete. Denn die Statistik zeigt, dass in NRW die Wirtschaft überdurchschnittlich forschungsfaul ist. Einer der Hauptgründe: „Unternehmen und Hochschulen kooperieren zu wenig miteinander“, analysiert Schmidt, „auch der Wissenstransfer ist unterentwickelt.“ Dass es auch anders geht, beweisen die Initiatoren des Science to Business Center Bio in Marl. Die mit staatlichem und privatem Geld geschaffene Spielwiese für Forscher aus dem Bereich der weißen Biotechnologie ist ein Degussa-Vorzeigeprojekt. In einem schlichten Zweckbau im Chemiepark Marl forschen Degussa-Forscher, Wissenschaftler von Universitäten und potenzielle Kunden Hand in Hand an neuen Produktideen. Etwa an der kniffligen Frage, wie man aus Maispflanzen oder Rohrzucker selbstheilende Autolacke gewinnt. Oder wie Arzneimittel so durch den Körper geschleust werden, dass sie an der richtigen Stelle zum richtigen Zeitpunkt ihre Wirkstoffe freigeben.

„Die meisten Ideen“, gibt Center-Leiter Norbert Windhab unumwunden zu, „kommen von den Universitäten.“ In NRW fühlt sich Windhab gut aufgehoben, jeder dritte seiner über 40 Kooperationspartner ist hier ansässig, die Wege sind kurz, man kennt sich. Auch das Jülicher Supercomputer-Zentrum nutzen die Degussa-Leute, zum Beispiel um Gen-Daten zu analysieren. Früher dauerte es Jahrzehnte, den Bauplan einer Zelle auszulesen, heute gelingt das mit geballter Rechnerkraft in wenigen Wochen. „Ohne diese Forschungsinfrastruktur“, sagt Windhab, „könnten wir unsere Ziele nicht erreichen, wir arbeiten hier gegen die Uhr.“ Ohne Jülicher Rechenleistungen wäre auch ein zweites – aus Forschersicht revolutionäres – Projekt kaum möglich. Angeflanscht an die Ruhr-Uni Bochum entsteht gerade für 24,1 Millionen Euro ein Werkstoffzentrum mit dem sperrigen Namen Interdisciplinary Centre of Advanced Materials Simulations, kurz ICAMS. Revolutionär daran ist, dass dieses Zentrum renommierte Materialforscher unter einem Dach versammelt, die bisher isoliert an ihren Themen gearbeitet haben. Die Geldgeber, allen voran ThyssenKrupp, erhoffen sich neue, marktfähige Erkenntnisse. Schon jetzt etwa können Crashtests am Rechner simuliert werden. Die ICAMS-Forscher wollen noch einen Schritt weitergehen: Sie fahnden nach neuen Verfahren, mit denen man jedes einzelne Atom eines Werkstoffs wunschgemäß anordnen kann. Auch die Langzeitstabilität, beispielsweise von Karosserien, wollen die Forscher am Rechner erforschen. „Die Zahl der Fragen und der Anwendungsmöglichkeiten ist gewaltig“, sagt ICAMS-Mitgründer Jörg Neugebauer, Professor am Max-Planck-Institut für Eisenforschung in Düsseldorf. Wie beim Degussa-Projekt geht es in Bochum auch um den Wissenstransfer in die industrielle Forschung. Und um Nachwuchs: Das ICAMS will eine neue Generation von interdisziplinär und anwendungsorientiert denkenden Werkstoffwissenschaftlern hervorbringen, die weltweit zur Elite gehören sollen. Doch längst nicht jede Hochschule und jedes Forschungsinstitut fühlt sich wohl bei dem Gedanken, mit Unternehmen gemeinsame Sache zu machen. Groß ist die Angst vor einem Ausverkauf der Wissenschaft, vor einer Abkehr vom Ideal der freien Forschung. Und noch immer versperren kulturelle Barrieren den Weg. Oft weiß die eine Seite nicht, worüber die andere redet. Auf dem Weg vom Hörsaal in die Vorstandsetage geht Wissen verloren, weil die oft mit Berufsanfängern bestückten Transferstellen nicht professionell genug arbeiten. An der Fachhochschule Münster kennt man diese Probleme – und räumt sie konsequent aus dem Weg. Die Münsteraner haben vor Jahren schon eine privatwirtschaftliche Transferagentur gegründet, die sich um Kontakte zu Industrie und Wirtschaft kümmert, Projekte anleiert, gemeinsame Interessen auslotet, lästigen Verwaltungskram übernimmt und vor allem professioneller Mittler zwischen Wirtschaft und Wissenschaft ist. Die Hochschule betreibt zudem einen Lehrstuhl für Science-to-Business-Marketing, um das Miteinander von Wirtschaft und Wissenschaft zu erforschen. Ziel ist es außerdem, in Zukunft professionelle Transfermanager auszubilden.

„Wir können uns nicht mehr nur auf den Staat verlassen“, sagt Rektor Klaus Niederdrenk. Er preist stattdessen „strategische Allianzen“ mit der Wirtschaftswelt und ein „partnerschaftliches Miteinander“. Volker Meyer-Guckel, Kooperationsexperte vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft in Essen, hält das für den richtigen Weg. Sein Argument: Partnerschaftliche Projekte geben Hochschulen erst den finanziellen Spielraum, um Forschungsvorhaben zu unterstützen, die frei von ökonomischen Interessen sind. Kooperation verhindert also nicht die freie Forschung, sie unterstützt sie sogar. Damit könnte er recht behalten, wie das Beispiel Münster zeigt. Die Kaderschmiede ist bundesweit die drittmittelstärkste Fachhochschule. Im vergangenen Jahr hat sie rund elf Millionen Euro eingesammelt – etwa ein Drittel ihres Jahresbudgets. Das Gros der Drittmittel stammt aus der Kooperation mit der Wirtschaft. Die Münsteraner sollen nun den NRW-Hochschulen als Vorbild dienen. Für sie gilt seit Anfang des Jahres das Hochschulfreiheitsgesetz, das den Hochschulen ein hohes Maß an Autonomie gestattet. Die Rektoren dürfen entscheiden, welches Geld sie wie verwenden. Das Gesetz verlangt weiterhin, einen Hochschulrat zu gründen. In diesem Gremium, das wie ein Aufsichtsrat die Hochschulen steuert, sitzen auch Unternehmensvertreter. Die bringen ökonomisches Wissen ein, helfen mit Kontakten, öffnen Türen zu Industriepartnern. Außerdem erleichtert das neue Hochschulgesetz gemeinsame Unternehmensgründungen von Wirtschaft und Hochschulen. NRW-Unternehmer wie den Dortmunder Softwarehersteller Winfried Materna freut das: „Das Hochschulfreiheitsgesetz ist eine Steilvorlage für mehr Kooperation.“ Materna weiß, wovon er redet. Sein gleichnamiges Unternehmen mit weltweit 1200 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 150 Millionen Euro hat regelmäßig an die 100 studentische Mitarbeiter, Diplomanden oder Promovierende zu Gast. Das Softwarehaus ist seit seiner Gründung vor 27 Jahren in ständigem Austausch mit Wissenschaftlern von Universitäten und Fachhochschulen und initiiert gemeinsame Forschungsprojekte. Ein weiterer wichtiger Punkt: Kooperation ist immer auch Recruiting. Haben Studenten ein Unternehmen erst einmal kennengelernt und persönliche Kontakte geknüpft, steigen sie nach dem Examen häufig dort ein, statt in der Ferne ihre Karriere zu starten. Wie gut das funktionieren kann, beweist das Beispiel Materna: 95 Prozent der studentischen Mitarbeiter schließen nach dem Examen einen Arbeitsvertrag mit dem Dortmunder Softwarehaus ab. Mehr dazu bei wiwo.de: RWI-Chef Christoph Schmidt im Interview: „Wichtig ist auf´m Platz“

Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%