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Rohstoffe Rohstoffmarkt mit neuen Erzfeinden

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Chinas Staatschef Wen Jiabao. Quelle: REUTERS

In Afrika sichert sich das Land Erz-Schürfrechte und Ölquellen; in Aus-tralien und in der Mongolei beteiligen sich chinesische Staatsfonds und -firmen an Minenkonzernen. Im Tausch gegen Förderrechte bietet Peking Kredite, investiert in Infrastruktur und erlässt Schulden. Offiziell als Entwicklungshilfe deklariert, dienen die Bahnlinien, Seehäfen und Straßen in erster Linie dazu, die Rohstoffe nach China zu transportieren. Besonders aggressiv gehen die Chinesen in Afrika vor. Für die rohstoffreichen Länder Kongo, Sambia und Namibia ist China längst der mit Abstand wichtigste Handelspartner. Seit 2000 haben sich Chinas Rohstoffimporte aus Afrika verzehnfacht.

„Arbeite hart und lass die Firma florieren“, steht über dem Werkstor von NFC Africa Mining – in chinesischen Schriftzeichen. Die Kupfermine, vor der sich täglich kilometerlange Schlangen aus leeren Lkws stauen, liegt in Chambishi, im Norden Sambias, mitten im Kupfergürtel Afrikas. An drei der größten Kupferminen Sambias haben sich die Chinesen beteiligt, nachdem die Regierung die Bergwerke privatisiert hatte.

Auch im Kongo dürfen die Chinesen seit zwei Jahren Kupfer abbauen. Im Gegenzug modernisieren sie für zwölf Milliarden US-Dollar das Schienen- und Straßennetz sowie einige Bergwerke. In Mauretanien fördert China seit Kurzem Eisenerz; die Chinesen bauten einen Flughafen, um Ingenieure, Geologen und Arbeiter in unwegsames Gebiet zu bringen.

Am meisten investieren die Chinesen in Afrikas Öl. In Angola sicherte sich der Staatskonzern Sinopec den Zugang zu den Ölfeldern des vom Bürgerkrieg zerstörten Landes mithilfe eines Kredites über zwei Milliarden Dollar. Einen Kredit der Weltbank hatten die Angolaner abgelehnt, denn sie sollten Auskunft darüber geben, was sie mit dem Geld vorhatten.

„China hat seine Hilfe für Afrika nie an politische Bedingungen geknüpft und wird dies in Zukunft auch nicht tun“, erklärte Premierminister Wen Jiabao Ende vergangenen Jahres. Auch in Gabun pumpt China Öl ab, die Afrikaner bekamen dafür einen Tiefseehafen; in Uganda bohren sie nach Öl; dafür bekommt das Land zwei Staudämme finanziert.

Geld ist genug vorhanden

Nicht einmal im Sudan haben die Chinesen Skrupel, mit dem Regime Geschäfte zu machen. Staatschef Omar el Baschir wird per internationalem Haftbefehl gesucht. Der Westen hatte sich aus dem Land zurückgezogen, als dort ein Bürgerkrieg ausbrach — die Chinesen füllten die Lücke. Mehr als 15 Milliarden Dollar haben sie seit 1996 im Sudan investiert, hauptsächlich in die Ölförderung. Der Staatskonzern CNPC kontrolliert die wichtigsten Ölfelder des Landes. Inzwischen bezieht China mehr als zehn Prozent seines Öls aus dem Sudan.

Die Summen, die China in Entwicklungsländern in Rohstoffe investiert, sind gigantisch. Allein in Nigeria hat das chinesische Staatsunternehmen Cnooc zuletzt 50 Milliarden Dollar in neue Ölprojekte gesteckt. Analysten schätzen, dass sich die Chinesen ein Sechstel der Ölreserven Nigerias gesichert haben. Nigeria gehört zu den zehn Ländern mit den größten nachgewiesenen Reserven weltweit.

Die westlichen Staaten sind hoch verschuldet, der Euro wackelt – und China sitzt auf Devisenreserven von rund 2,5 Billionen US-Dollar. Das Polster wächst weiter, monatlich im Schnitt um 20 Milliarden Dollar. 60 Prozent ihrer Reserven halten die Chinesen in US-Dollar, geschätzt 15 Prozent in Euro. Angesichts der Inflationierungspolitik der westlichen Staaten trachten sie danach, das Papiergeld in härtere Währung zu tauschen – so wie mancher Privatanleger, der sein Heil in Gold und Immobilien sucht.

Ein wichtiges Instrument für Pekings weltweite Jagd nach Rohstoffen ist der Staatsfonds China Investment Corporation (CIC). Chinas Regierung gründete ihn im Sommer 2007 und stattete ihn zunächst mit 200 Milliarden US-Dollar aus. Derzeit pumpt Peking weitere 300 Milliarden Dollar in den Fonds. Der kauft damit unter anderem Minen-Betreiber in Kanada, Russland und Brasilien.

Weil Chinas Zentralbanker bei US-Staatsanleihen allmählich Bauchschmerzen bekommen, wenden sie sich Rohstoffen zu. So schlagen sie zwei Fliegen mit einer Klappe: China muss Dollar investieren; und die Industriemaschine hungert nach Öl, Kupfer, Zink und Kohle. Dabei hat Peking auch die eigenen Nachbarn im Blick, vor allem die Mongolei. In dem Steppenland wetteifern die Chinesen mit dem Westen um die Förderrechte. Wer größter Endverbraucher bleibt, ist ohnehin klar: Die Mongolei lieferte 2009 bereits 73 Prozent ihrer Exportgüter nach China – Kohle, Kupfer, Öl, aber auch Gold. Investiert hat China etwa in den Kohlekonzern South-Gobi Energy und die an Hongkongs Börse notierte Eisenerzmine Iron Mining International.

Der Kampf um Rohstoffe gab zuletzt Anlass zu politischen Spannungen. Jüngster Höhepunkt: ein Prozess gegen vier chinesische Manager des britisch-australischen Erzkonzerns Rio Tinto in China. Die vier waren im Sommer wegen Bestechlichkeit festgenommen worden. Zeitgleich versuchte die staatliche chinesische Chinalco, sich an Rio Tinto zu beteiligen. Rio Tinto hatte den Einstieg im letzten Moment blockiert, wegen des Widerstands australischer Politiker. Ende März verurteilte ein Gericht in Shanghai die Rio-Manager zu teils langen Haftstrafen. „Bestechlichkeit ist in dem Geschäft gang und gäbe und hat die Chinesen früher nie gestört“, sagt ein Metallhändler.

Der Kampf um Rohstoffe wird mit immer härteren Bandagen geführt.

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