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Rohstoffe Rohstoffmarkt mit neuen Erzfeinden

Schuldenkrise und Inflationsängste treiben immer mehr Investoren in Rohstoffe. Auch wenn Konjunktursorgen die Preise zuletzt wieder drückten – auf lange Sicht werden sie steigen, Spekulanten und China sei Dank.

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Eine Kupfermine in Chile. Das Quelle: REUTERS

Früher ging’s nach Wanne-Eickel, heute nach Visakhapatnam. „Die Stahlplatten werden Montag nach Indien verschifft“, sagt Udo Meynerts. Sein Arm schwenkt von links nach rechts und wieder zurück, beschreibt die Umrisse einer Halde rostfarbenen Stahlschrotts im Industriehafen von Mülheim an der Ruhr. Daneben türmen sich haushoch glitzernder Edelstahlschrott, weiße Alublechberge, alte Bahnschienen und Rohre, durch die problemlos ein Kleinwagen passt.

Meynerts’ RHM Metallhandel beliefert von Schrottplätzen in Mülheim, Herne, Gelsenkirchen und Witten aus Stahlwerke und Gießereien. Seine Kunden kamen bis vor Kurzem meist aus dem Ruhrgebiet, ab und an meldete sich einer aus Luxemburg oder Frankreich. 2004 klopften die ersten Asiaten an – „damals noch die große Ausnahme“, sagt Meynerts.

Heute ist es normal, dass Inder und Chinesen weltweit Metall zusammenkaufen. „Nicht einmal im Krisenjahr 2009 hat der starke Importsog Chinas nachgelassen“, konstatieren die Rohstoffexperten der Commerzbank.

Wetten auf gegensätzliche Szenarien

Wer die Spitzenpreise bei Öl, Eisenerz, Kupfer oder Zink aus dem Sommer 2008 für Ausreißer gehalten hatte, muss umdenken. Der Preis des wichtigsten Industriemetalls Kupfer etwa stieg in diesem Frühjahr auf 8000 Dollar pro Tonne. Kupfer war damit fast so teuer wie vor der Finanzkrise; einige Rohstoffe wie Nickel, Zink und Blei waren zwischenzeitlich sogar bis zu 45 Prozent teurer als zum Höhepunkt des China-Booms 2008.

Die Angst der Investoren vor Staatspleiten, harten Sparprogrammen und dem damit einhergehenden Konjunktureinbruch hat zuletzt die Rohstoffpreise gedrückt. Doch das Phänomen dürfte nicht von Dauer sein. „Inflationssorgen treiben immer mehr Anleger in Sachwerte und damit in Rohstoffe“, sagt Bert Flossbach, Gründer und Geschäftsführer des Kölner Vermögensverwalters Flossbach & von Storch.

Der Hedgefondsmanager Jim Rogers, der seit Jahren für Rohstoffe trommelt und auch eigene Zertifikate und Fonds vermarktet, empfiehlt Kupfer und Agrargüter als Wette auf gleich zwei gegensätzliche Szenarien. Bei einer Konjunkturerholung würden die Rohstoffpreise steigen. Falls die Konjunktur aber einbreche, würden Notenbanken noch mehr Geld drucken und die Welt in die Inflation führen. Dann wären Rohstoffe als Sachwerte gefragt.

Über börsennotierte Fonds (Exchange Traded Fonds, ETF) werden in den kommenden Jahren Milliarden in den Rohstoffmarkt fließen. Hinzu kommt die Nachfrage der aufstrebenden Staaten, allen voran Chinas: „Wo die Reise auf die lange Sicht hingeht, ist klar“, sagt Thomas Hölandt, Chefeinkäufer des Kupferkonzerns Aurubis: „Viele wertvolle Rohstoffe dürften teurer werden, weil die bevölkerungsreichen Schwellenländer sich immer größere Vorkommen sichern.“

Bühne der Spekulanten

Die Industrie ist alarmiert. Für Eisenerz etwa mussten die Stahlkonzerne zuletzt bis zu 90 Prozent mehr bezahlen als noch vor einem Jahr. Analysten erwarten, dass die Stahlkocher Arcelor-Mittal, Thyssen oder Salzgitter einen Großteil der drastisch gestiegenen Einkaufskosten auf ihre eigenen Preise umwälzen können. Thyssen-Chef Ekkehard Schulz sagte, er sei „zuversichtlich, den weiteren Preisanstieg der Rohstoffe auch an die Kunden weitergeben zu können“. Geht die Hoffnung auf, würden mit steigenden Stahlpreisen dann auch Autos, Baumaterial oder Verpackungen teurer – die Inflation würde weiter angeheizt, was wiederum die Nachfrage der Anleger nach Rohstoffen und Gold treiben dürfte.

„Immer mehr Geld ist weltweit auf der Jagd nach Rohstoffen“, sagt Jim O’Neill, Chefvolkswirt von Goldman Sachs in London. Im Jahr 2000 waren fünf Milliarden Dollar in Rohstoffen angelegt. Seither haben sich Rohstoffinvestments versechzigfacht, auf über 300 Milliarden Dollar, schätzt die Commerzbank.

Die wichtigste Bühne der Spekulanten ist die London Metal Exchange, LME, die weltweit größte Börse für Rohstoffe. Jeden Tag wechseln hier Metalle wie Kupfer, Nickel und Zink für über 30 Milliarden Dollar den Besitzer. 

Händler auf der Londoner Quelle: REUTERS

Angesichts solcher Summen wirkt die Szene anachronistisch, die sich fast jeden Morgen hier abspielt: Wie vor 130 Jahren sitzen die Metallhändler auf knallroten Ledersesseln im Kreis; manche laufen aufgeregt umher, an jedem Ohr einen Telefonhörer. Andere sitzen scheinbar teilnahmslos herum, kauen Kaugummi. Bis um 11.45; dann läutet eine Glocke, und die kreisrunde Bühne inmitten der Ledersitze füllt sich binnen Sekunden, wie die Tanzfläche einer Szene-Disco.

Die Hits, die hier aufgelegt werden, heißen zum Beispiel: „Biete Kupfer, 7050 Dollar die Tonne, Lieferdatum in drei Monaten.“ Allerdings rollt nach einem Handel an der LME nur in den seltensten Fällen wirklich ein Lkw mit Metallen von A nach B. Gehandelt wird fast ausschließlich mit Kontrakten, die zum Kauf oder Verkauf eines bestimmten Rohstoffs zu einem heute schon festgelegten Preis und an einem genauen Datum verpflichten.

Minen und Abnehmer wie Hüttenwerke sichern sich seit Jahrhunderten mit solchen Liefervereinbarungen („Forwards“) gegen Preisschwankungen ab. Doch die börsengehandelte Version der Forward-Kontrakte – Futures – ist ein perfektes Vehikel für Spekulanten. Der Handel mit ihnen läuft schnell, billig und reibungslos.

Mehr als zwei Drittel aller Kontrakte aus den letzten fünf Jahren sind rein spekulativ, stammen also weder von Erzeugern noch von Verbrauchern, schätzen Londoner Metallhändler. Und – anders als etwa an den Aktienbörsen, wo sie mit Futures ebenso oft auf fallende wie auf steigende Kurse wetten, sind bei Rohstoffen die meisten Spekulanten nur „long“ – sie setzen ausschließlich auf steigende Preise. Das treibt die Kurse.

Physische Käufe statt Derivate

Hinzu kommt: Hedgefonds, Banken und andere Spekulanten kaufen zunehmend Rohstoffe nicht mehr nur als Kontrakte an den Börsen, sondern physisch, in Barren, Brammen, Knüppeln oder Platten. „Damit treiben sie nicht nur die Preise hoch, sie entziehen dem Markt Material“, sagt Einkäufer Hölandt. Zwar ist auch die physische Spekulation mit Rohstoffen nicht neu; immer wieder gab es sogar die Manipulation einzelner Märkte. Die Hunt-Brüder, beide Dollar-Milliardäre, brachten in den späten Siebzigern 15 Prozent der Welt-Silbervorräte unter ihre Kontrolle – und verloren dabei ein Vermögen.

Wegen der hohen Kosten für Lager, Transport und Versicherung lohnte der physische Kauf im großen Stil bislang nur bei Edelmetallen oder für sehr kurze Zeiträume. Noch vor wenigen Jahren mussten Rohstoffhändler pro Jahr rund eine Million Euro für das Lagern, Versichern und Transportieren von Kupfer, Nickel oder Zink im Wert von zehn Millionen Euro aufwenden. Weil die Rohstoffpreise aber viel schneller gestiegen sind als Frachtraten, Versicherungsgebühren und Lagermieten, lohnt das Spiel jetzt auch mit Rohstoffen, die bislang als zu groß, zu schwer und zu billig galten, etwa die wichtigen Industriemetalle Kupfer, Nickel und Zink. „Die Kosten für Lager, Transport und Versicherung sind auf rund drei Prozent des Materialwerts gesunken“, schätzt Commerzbank-Analyst Eugen Weinberg.

Große globale Rohstoffhändler nehmen immer wieder solche Metalle oder auch Öl physisch aus dem Markt, um das Angebot zu verknappen, berichten Branchenexperten. Wichtige globale Spieler sind etwa die öffentlichkeitsscheuen Schweizer Konzerne Trafigura und Glencore. Die Geschäfte des weltgrößten Rohstoffhändlers Glencore laufen blendend: Im ersten Quartal etwa stieg der Nettogewinn zum Vorjahr um 150 Prozent auf 1,1 Milliarden Dollar. Mit einer Wandelanleihe haben sich gerade Singapurs Staatsfonds GIC, die US-Fondsgesellschaft BlackRock und das chinesische Bergbauunternehmen Zijin Mining an Glencore beteiligt. Der Börsengang ist geplant, er wäre ein Umbruch für die Rohstoffhandelshäuser, die sich derzeit noch durchweg im Besitz der Gründer und Mitarbeiter befinden.

Der rohstoffverbrauchenden Industrie ist die Macht der Rohstoffhändler suspekt. Ein großer Händler soll Anfang der 2000er-Jahre die komplette Welt-Jahresproduktion Kupfer, damals rund zwölf Millionen Tonnen, über Monate eingelagert haben, raunt der Vorstand einer großen Aluminiumhütte. Die Industrie habe wochenlang den künstlich erzeugten Knappheitspreis zahlen müssen.

Die großen Investmentbanken mischen mit: JP Morgan und Barclays -kauften 2009 Öltanker, um damit Rohöl so lange aus dem Markt nehmen zu können, bis ihnen der Preis günstig erscheint. Goldman Sachs beteiligte sich an Metro International, einem Logistikunter-nehmen, das zahlreiche Lagerhäuser betreibt und Marktteilnehmer an der London Metal Exchange ist. Auch JP Morgan kaufte einen solchen Logistiker: Henry Bath.

Spekulanten schütten Öl ins Feuer

Auch Rohstoff-Hedgefonds boomen. Ospraie aus New York hat mehr als sieben Milliarden Dollar eingesammelt. Neue Rohstoff-Hedgefonds werden in Serie aufgelegt; erst Anfang Mai startete Gilbert Saiz, langjähriger Ölhändler bei Goldman, den bisher letzten; er will von Singapur aus 600 Millionen Dollar investieren.

Wenn Hedgefonds, Trader und Investmentbanken nun verstärkt in Lagerhallen in London oder in Öltanker investieren, schwant Rohstoffexperten nichts Gutes. „Banken oder Fonds, die Läger besitzen, können Lagerbestände beeinflussen und die Preise indirekt steuern“, schreiben die Rohstoffanalysten der Frankfurter Fondsgesellschaft Lupus Alpha. Außerdem umgehen sie durch den Einstieg in den physischen Handel die Regulierung der Terminmärkte; denn anders als der Handel mit Öl-Futures und Kontrakten auf Kupfer, Nickel oder Zink unterliegt der physische Handel nicht der Kontrolle der Finanzaufsicht.

Munter hin und her

Die Preismanipulation ist umso einfacher, je mehr Läger ein Investor besitzt. Nur die offiziellen Läger der akkreditierten Logistiker an den Metallbörsen in Chicago, London und Shanghai weisen Daten über ihre Bestände aus. „Oft liegen die nicht-akkreditierten Läger direkt daneben“, sagt Weinberg von der Commerzbank, „und niemand weiß, wie viel Material sie enthalten; eine Bank oder ein Hedgefonds, der beides besitzt, kann einfach Material zwischen erfassten und nicht erfassten Lägern hin und her schieben, und schon melden die Analysten: Lagerbestände niedrig – und der Preis steigt.“

Händler und Spekulanten lösen ihre Positionen irgendwann auf, um den Gewinn einzustreichen. „Mehr Sorge bereiten uns die neuen Rohstofffonds, die das Material physisch und dauerhaft aus dem Markt saugen könnten“, sagt Andreas Nickelsen, Chef des Aluminium-Verarbeiters Alpha Metall und Vorsitzender des Wirtschaftsverbands Großhandel Metallhalbzeug. Was Metallverbrauchern wie Nickelsen und Hölandt Sorge macht, sind börsengehandelte Indexfonds (ETFs), die Anlegern einen bestimmten Anteil an Rohstoffen zusichern, die der Fonds kauft und lagert. Das Metall, das der Fonds hält, ist also nicht für die Industrie verfügbar. Erst wenn sehr viele Anleger ihre Anteile wieder verkaufen würden, kämen die Rohstoffe zurück auf den Markt.

Doch auf einen Rückzug vieler Fondsanleger deutet wenig hin. Mit ihrem verbrieften Anrecht am physischen Rohstoff liegen die ETFs im Trend: „Nach dem Lehman-Debakel und der Diskussion um die Sicherheit von Bankeinlagen wollen viele Anleger einen Rohstoff lieber physisch als nur auf dem Papier besitzen, wenn ihnen jemand die lästige Lagerung abnimmt“, sagt Flossbach, „das gilt auch für die ganz großen Anleger, wie Pensionsfonds.“ Derzeit sind viele neue Rohstoff-ETFs in Planung, auch für klassische  Industriemetalle wie Aluminium oder Kupfer. Bisher waren sie nur für Gold, Silber oder Platin verbreitet. Der russische Alu-Konzern Rusal ist gerade dabei, zusammen mit Glencore einen Alu-ETF aufzulegen. Der soll mit dem Geld der ersten Zeichner eine Million Tonnen Aluminium kaufen, ein Zwanzigstel der globalen Jahresproduktion. Auch für Kupfer sind ETFs in Vorbereitung, sagt Hölandt von Aurubis. Er kommt gerade von einem Branchentreffen in Chile, dort waren „die ETFs das große Thema“. Credit Suisse und Deutsche Bank stehen Insidern zufolge kurz davor, ETFs aufzulegen, die die bei Anlegern populären, breit streuenden Rohstoffindizes wie den GSCI- oder CRB-Index physisch nachbilden.

Bequeme ETFs

Die vielen neuen ETFs sind besonders für Großanleger ein bequemes Instrument, um Geld anzulegen. Die von den ETFs gekauften Rohstoffe gehören den Anteilseignern; die Fondsbesitzer behalten sie auch dann, wenn der Fondsanbieter pleitegeht — anders als bei Derivaten. Das macht die Rohstofffonds für risikoscheue Großanleger interessant.„Viele Pensionsfonds und Versicherungen haben in den vergangenen Jahren begonnen, ihren Portfolios Rohstoffinvestments beizumischen“, sagt ein leitender Rohstoffhändler von Goldman Sachs. „Die meisten streben an, drei bis fünf Prozent ihres Portfolios in physische Rohstoffe zu investieren.“ Trotz der relativ bescheidenen Quote könnte das bei sehr kapitalstarken Investoren ausreichen, „um die Preise in eine neue Dimension zu hieven“.

Während Banken, Hedgefonds und Pensionskassen noch Öl, Gold, Silber, Kupfer und Aluminium an den Börsen von London, Chicago und Shanghai zusammenkaufen, ist China schon einen Schritt weiter: Es kauft sich gleich an der Quelle ein. Chinas Industrie ist, anders als die in den westlichen Staaten, auch im Krisenjahr 2009 gewachsen. Nirgendwo lässt sich diese Dynamik derzeit besser ablesen als an den Rohstoffmärkten. China hat allein im März 456.000 Tonnen Kupfer importiert, 22 Prozent mehr als im März 2009.

Chinas Staatschef Wen Jiabao. Quelle: REUTERS

In Afrika sichert sich das Land Erz-Schürfrechte und Ölquellen; in Aus-tralien und in der Mongolei beteiligen sich chinesische Staatsfonds und -firmen an Minenkonzernen. Im Tausch gegen Förderrechte bietet Peking Kredite, investiert in Infrastruktur und erlässt Schulden. Offiziell als Entwicklungshilfe deklariert, dienen die Bahnlinien, Seehäfen und Straßen in erster Linie dazu, die Rohstoffe nach China zu transportieren. Besonders aggressiv gehen die Chinesen in Afrika vor. Für die rohstoffreichen Länder Kongo, Sambia und Namibia ist China längst der mit Abstand wichtigste Handelspartner. Seit 2000 haben sich Chinas Rohstoffimporte aus Afrika verzehnfacht.

„Arbeite hart und lass die Firma florieren“, steht über dem Werkstor von NFC Africa Mining – in chinesischen Schriftzeichen. Die Kupfermine, vor der sich täglich kilometerlange Schlangen aus leeren Lkws stauen, liegt in Chambishi, im Norden Sambias, mitten im Kupfergürtel Afrikas. An drei der größten Kupferminen Sambias haben sich die Chinesen beteiligt, nachdem die Regierung die Bergwerke privatisiert hatte.

Auch im Kongo dürfen die Chinesen seit zwei Jahren Kupfer abbauen. Im Gegenzug modernisieren sie für zwölf Milliarden US-Dollar das Schienen- und Straßennetz sowie einige Bergwerke. In Mauretanien fördert China seit Kurzem Eisenerz; die Chinesen bauten einen Flughafen, um Ingenieure, Geologen und Arbeiter in unwegsames Gebiet zu bringen.

Am meisten investieren die Chinesen in Afrikas Öl. In Angola sicherte sich der Staatskonzern Sinopec den Zugang zu den Ölfeldern des vom Bürgerkrieg zerstörten Landes mithilfe eines Kredites über zwei Milliarden Dollar. Einen Kredit der Weltbank hatten die Angolaner abgelehnt, denn sie sollten Auskunft darüber geben, was sie mit dem Geld vorhatten.

„China hat seine Hilfe für Afrika nie an politische Bedingungen geknüpft und wird dies in Zukunft auch nicht tun“, erklärte Premierminister Wen Jiabao Ende vergangenen Jahres. Auch in Gabun pumpt China Öl ab, die Afrikaner bekamen dafür einen Tiefseehafen; in Uganda bohren sie nach Öl; dafür bekommt das Land zwei Staudämme finanziert.

Geld ist genug vorhanden

Nicht einmal im Sudan haben die Chinesen Skrupel, mit dem Regime Geschäfte zu machen. Staatschef Omar el Baschir wird per internationalem Haftbefehl gesucht. Der Westen hatte sich aus dem Land zurückgezogen, als dort ein Bürgerkrieg ausbrach — die Chinesen füllten die Lücke. Mehr als 15 Milliarden Dollar haben sie seit 1996 im Sudan investiert, hauptsächlich in die Ölförderung. Der Staatskonzern CNPC kontrolliert die wichtigsten Ölfelder des Landes. Inzwischen bezieht China mehr als zehn Prozent seines Öls aus dem Sudan.

Die Summen, die China in Entwicklungsländern in Rohstoffe investiert, sind gigantisch. Allein in Nigeria hat das chinesische Staatsunternehmen Cnooc zuletzt 50 Milliarden Dollar in neue Ölprojekte gesteckt. Analysten schätzen, dass sich die Chinesen ein Sechstel der Ölreserven Nigerias gesichert haben. Nigeria gehört zu den zehn Ländern mit den größten nachgewiesenen Reserven weltweit.

Die westlichen Staaten sind hoch verschuldet, der Euro wackelt – und China sitzt auf Devisenreserven von rund 2,5 Billionen US-Dollar. Das Polster wächst weiter, monatlich im Schnitt um 20 Milliarden Dollar. 60 Prozent ihrer Reserven halten die Chinesen in US-Dollar, geschätzt 15 Prozent in Euro. Angesichts der Inflationierungspolitik der westlichen Staaten trachten sie danach, das Papiergeld in härtere Währung zu tauschen – so wie mancher Privatanleger, der sein Heil in Gold und Immobilien sucht.

Ein wichtiges Instrument für Pekings weltweite Jagd nach Rohstoffen ist der Staatsfonds China Investment Corporation (CIC). Chinas Regierung gründete ihn im Sommer 2007 und stattete ihn zunächst mit 200 Milliarden US-Dollar aus. Derzeit pumpt Peking weitere 300 Milliarden Dollar in den Fonds. Der kauft damit unter anderem Minen-Betreiber in Kanada, Russland und Brasilien.

Weil Chinas Zentralbanker bei US-Staatsanleihen allmählich Bauchschmerzen bekommen, wenden sie sich Rohstoffen zu. So schlagen sie zwei Fliegen mit einer Klappe: China muss Dollar investieren; und die Industriemaschine hungert nach Öl, Kupfer, Zink und Kohle. Dabei hat Peking auch die eigenen Nachbarn im Blick, vor allem die Mongolei. In dem Steppenland wetteifern die Chinesen mit dem Westen um die Förderrechte. Wer größter Endverbraucher bleibt, ist ohnehin klar: Die Mongolei lieferte 2009 bereits 73 Prozent ihrer Exportgüter nach China – Kohle, Kupfer, Öl, aber auch Gold. Investiert hat China etwa in den Kohlekonzern South-Gobi Energy und die an Hongkongs Börse notierte Eisenerzmine Iron Mining International.

Der Kampf um Rohstoffe gab zuletzt Anlass zu politischen Spannungen. Jüngster Höhepunkt: ein Prozess gegen vier chinesische Manager des britisch-australischen Erzkonzerns Rio Tinto in China. Die vier waren im Sommer wegen Bestechlichkeit festgenommen worden. Zeitgleich versuchte die staatliche chinesische Chinalco, sich an Rio Tinto zu beteiligen. Rio Tinto hatte den Einstieg im letzten Moment blockiert, wegen des Widerstands australischer Politiker. Ende März verurteilte ein Gericht in Shanghai die Rio-Manager zu teils langen Haftstrafen. „Bestechlichkeit ist in dem Geschäft gang und gäbe und hat die Chinesen früher nie gestört“, sagt ein Metallhändler.

Der Kampf um Rohstoffe wird mit immer härteren Bandagen geführt.

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