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Schuldenkrise Panik an der Wall Street

Der US-Aktienmarkt ist am Donnerstagabend zwischenzeitlich so stark eingebrochen wie seit dem Crash von 1987 nicht. Nachdem Handelsfehler bekannt wurden, erholte sich die Börse etwas, blieb aber tief im Minus. Der Euro erlitt den stärksten Wochenverlust seit Oktober 2008.

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Börsenhändler an Börse in Quelle: AP

Der Dow Jones Industrial stürzte am Donnerstag um 20.46 Uhr deutscher Zeit auf 9872,57 Punkte, er fiel damit 1054 Punkte unter den Schlussstand vom Vortag. In Punkten gemessen war dies der größte Zwischentagesverlust in der Geschichte des 30 Aktien umfassenden Index, sagten Aktienhändler. In Prozent betrug der zwischenzeitliche Tagesverlust 9,6 Prozent. Der viel breiter gefasste S&P 500 rutschte zeitgleich um 9,2 Prozent ab.

Technische Pannen im Handel haben die Abwärtsbewegung der Börse verstärkt. "Hauptverursacher für den extremen Kursrutsch sind die Aktien von Procter and Gamble (P&G), Accenture und 3M und das Trading-Desk bzw. ein Trader der US-Investmentbank Citigroup", sagt Marktanalyst Patrick Pflüger vom Brokerhaus IG Markets. "Es wird spekuliert, dass dieser Trader irrtümlicherweise Aktien im Wert von 16 Milliarden Dollar verkauft hat, anstatt im Wert von 16 Millionen. Verstärkt hat diesen daraufhin ausgelösten Kursrutsch dann die automatischen Handelssysteme der Investmentbanken und Trader."  Die US-Börsenaufsicht SEC untersucht den Fall.

Außerdem spielen alternative Handelsplattformen bei dem Kursrutsch eine Rolle, sagt Aktienhändler Thomas Nagel von der Frankfurter Investmentbank Equinet. Wegen der starken Kursverluste bei Procter & Gamble und 3M habe die New Yorker Börse NYSE den Handel dort unterbrochen und nur Preisindikationen veröffentlicht, die an der NYSE nicht von Investoren ausgeführt und bezahlt wurden.

"Aber auf mehreren andere elektronischen Handelsplattformen wurden die Aktien gehandelt, mit Kursabschlägen von 15 und 20 Prozent“, sagt Nagel. “Das Problem ist, dass die Kurse an den alternativen Handelsplattformen den Dow-Jones-Index beeinflussen.“ Während an der Hauptbörse NYSE noch die Auktion lief, „haben die an alternativen Börsen gezahlten Preise den Dow gekillt und ihn auf Talfahrt geschickt“, so der Aktienhändler. Der weltgrößte Konsumgüterhersteller Procter & Gamble hat einen Anteil von 4,36 Prozent im Dow, der Mischkonzern 3M hat 6,05 Prozent Gewicht im Index. “Innerhalb von ein bis zwei Minuten kosteten diese Aktien den Dow 280 bis 290 Punkte“, sagt Nagel. Durch diesen Kursrutsch durchbrach der Index viele Stop-Marken, die Anleger gesetzt hatten, um bei Abwärtsbewegungen zu verkaufen und so größere Verluste zu vermeiden. Diese automatisch ausgeführten Verkäufe vergrößerten und beschleunigten den Kursrutsch.

Als die Handelspannen bekannt wurden, erholten sich die Börsen etwas. Doch auch zum Handelsschluss hatten Dow und S&P 500 Tagesverluste von 3,2 Prozent zu Buche stehen. Damit verdoppelten sie ihren Wochenverlust. Dafür, dass nicht allein Pannen die Kurse abwärts schickten, sprechen auch die Verluste an Europas Börsen am Freitag nach der US-Börsenpanik: Der Frankfurter Dax sank bis zum Mittag um 1,3 Prozent und vergrößerte das Wochenminus damit auf knapp fünf Prozent.

Euro im freien Fall

Der Euro fiel von 1,33 Dollar am 30. April zeitweise unter 1,26 Dollar. Das Minus von mehr als vier Prozent ist der stärkste Wochenverlust seit dem Höhepunkt der Finanzkrise Mitte Oktober 2008, als die Gemeinschaftswährung wenige Wochen nach dem Kollaps der US-Bank Lehman Brothers um 5,9 Prozent abrutschte.

Der Grund für die Flucht aus dem Euro ist die Schuldenkrise der südeuropäischen Staaten. Griechenlands Überschuldungskrise bedrohe die Bankensysteme in Portugal, Spanien, Italien, Irland und Großbritannien, warnte die Ratingagentur Moody's am Donnerstag.

Mit dem 110 Milliarden Euro schweren Hilfspaket für Griechenland kaufen die EU und der Internationale Währungsfonds nur Zeit. Selbst Bundesbankvorstände zweifeln öffentlich daran, dass Athen seine fast 300 Milliarden Euro an Schulden vollständig und mit Zinsen zurückzahlen kann. „Wenn man Griechenland als Unternehmen nimmt, ist es überschuldet“, sagte Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin am Donnerstag. „Mir ist nicht klar, wie ein Land mit einem derartigen Schuldenberg dauerhafte Perspektiven haben soll.“ Im deutschen Gesetz zu den Griechenland-Hilfen heißt es dagegen, dass Griechenland die vom Bund garantierten Kredite mit hoher Wahrscheinlichkeit zurückzahlen werde, obwohl sie nach Aussage von Finanzminister Wolfgang Schäuble nicht besser gestellt sind als andere Griechenland-Anleihen. Das halten die meisten Volkswirte für Wunschdenken. "Die Wahrscheinlichkeit einer Umschuldung Griechenlands beträgt 90 Prozent", sagt Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft Assenagon und vormals der Hypovereinsbank. Der Citigroup-Chefökonom Willem Buiter urteilt ebenfalls, das Hilfsprogramm habe einen Teilverzicht der Geldgeber Griechenlands "nur verschoben, aber nicht für lange verhindert". Die Kosten tragen nicht nur Banken und andere Investoren, sondern wegen des Hilfspakets auch der europäische Steuerzahler.

Trotz der drohenden Lasten für Deutschland fliehen Anleger in Bundespapiere mit kurzer Laufzeit. Die Kurse stiegen erneut, so dass die sich gegenläufig entwickelnde Rendite fiel. Bundesschatzbriefe mit zwei Jahren Laufzeit brachten am Freitag zeitweise weniger als 0,5 Prozent Rendite und die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen sank unter 2,75 Prozent.

Gold-Knick an der Terminbörse

Gefragt war als sicherer Hafen außerdem Gold. Am Donnerstag stieg der Preis für die Feinunze auf mehr als 1200 Dollar, auch am Freitag war das Wochenplus beim Goldpreis noch bei knapp zwei Prozent. Auffallend ist, dass die virtuellen Preise des Edelmetalls beim Handelsstart an der New Yorker Terminbörse plötzlich wie von Geisterhand gesteuert einen Knick nach unten machen. Das passiert nämlich oft an Tagen, wenn es brennt an den Finanzmärkten – wie an allen Tagen der vergangenen Woche. Am Dienstag und Mittwoch etwa ging es zum Handelsauftakt an der Comex mit dem Goldpreis erst einmal um jeweils mehr als 20 Dollar abwärts. Doch statt den Druck der Bullen zu brechen, hat sich dieser anschließend noch weiter erhöht. Es ist auch kaum zu verstehen, warum der Goldpreis fallen sollte, wenn zugleich die physischen Bestände der Gold-ETFs Tag auf Tag aufgestockt werden müssen und Edelmetallhändler wegen der extrem starken Nachfrage keine Ware mehr im Lager haben. Felix Zulauf, Chef der Schweizer Vermögensverwaltung Zulauf Asset Management in Zug, rechnet irgendwann mit einen „Quantensprung“ beim Goldpreis. Der wird wohl dann kommen, wenn die aktuellen Käufer von Bundesanleihen und US-Bonds merken, dass sie auf dem Holzweg sind.

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