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Unternehmensalltag Der Irrsinn in deutschen Firmen

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Woran erkennen Sie, ob Ihr Unternehmen vom Irrsinn befallen ist? Vier Merkmale sind mir mit den Jahren aufgefallen:

Heuchelei: Die Firma spricht mit gespaltener Zunge. Zum Beispiel wird die Teamarbeit gepriesen, aber nur Ellenbogentypen kommen ins Management. Oder man schreibt sich „Kundenfreundlichkeit“ auf die Fahne, aber lagert das Kundencenter wie stinkenden Sondermüll aus.

Profitsucht: Die Firma geht für den Gewinn über Leichen. Mitarbeiter werden rausgekegelt, Kunden geschröpft, die Natur ausgebeutet. Eine Untersuchung des Psychologie-Professors Robert Hare ergab: Plutokratische Firmen müssen unter klinischen Gesichtspunkten als waschechte Psychopathen gelten.

Egozentrik: Die Firma ist Sonne und Erde zugleich, dreht sich nur um sich selbst: Sie definiert Prozesse, zelebriert Meetings und verliert alles andere aus den Augen: die Kunden, die Mitarbeiter, die Vernunft.

Dilettantismus: Die Firma agiert planlos. Eine Hand weiß nicht, was die andere tut. Strategien werden aufgestellt und umgestoßen. Die Abteilungen behindern sich gegenseitig. Die Mitarbeiter werden systematisch am Erfolg gehindert. 

Dieser Firmen-Irrsinn nimmt in den letzten Jahren zu, denn das Karussell der Märkte dreht sich immer rasanter. Die Börsen lauern auf Ad-hoc-Meldungen, die Manager wechseln schneller als das Wetter, Firmen erfinden sich täglich neu. Wo einmal Regeln waren, herrscht regelrechtes Chaos. Nichts ist mehr sicher, schon gar nicht die Arbeitsplätze. Sogar bei Rekordgewinnen quietscht die Kostenbremse. Immer mehr Aufgaben werden auf immer weniger Schultern geschaufelt.

Niemand weiß genau, ob die Firmen auf der Welle der Globalisierung reiten – oder nur von ihr, wie von einem Teufel, geritten werden. Jedenfalls färbt dieser Wahnsinn auf die Mitarbeiter ab: Die Zahl der Ausfalltage durch psychische Erkrankungen hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt.

Was können Sie tun, wenn Sie in einem Irrenhaus arbeiten? Es gibt zwei Strategien: Arrangieren Sie sich mit dem Irrsinn – oder brechen Sie aus.

Arrangieren: Überlegen Sie, wie Sie in Ihrem Einflussbereich für vernünftigere Entscheidungen sorgen. Ergreifen Sie die Initiative, gehen Sie auf Ihren Chef mit Ideen zu, schlagen Sie der Vernunft eine Schneise. Und achten Sie auf Ihr inneres Gleichgewicht: Bevorzugen Sie Arbeitskollegen, mit denen Sie harmonieren. Tun Sie mehr von jenen Arbeiten, die Sie beglücken – und weniger von jenen, die Sie wahnsinnig machen. Auf diese Weise werden Sie der Vernunft nicht zum Durchbruch verhelfen, aber Sie können sich eine kleine Insel im Meer des Irrsinns schaffen.

Der Irrenhaus-Test

Doch das ist nur eine Notlösung, denn der Irrsinn kann jederzeit überschwappen. Der konsequentere Weg: Nicht jammern, nicht klammern – sondern aus dem Irrenhaus fliehen! Suchen Sie nach einer Firma, die zu Ihren Werten passt. Ein grundehrlicher Mensch geht in der Heuchler AG ebenso sicher zugrunde, wie er aufblüht in einer Firmenkultur der Gradlinigkeit. Sprechen Sie, zum Beispiel über soziale Netzwerke, Menschen an, die in Ihrer Zielfirma arbeiten, um ein realistisches Bild zu bekommen. Oder steigen Sie nach Feierabend in den Bus vorm Firmengelände und spitzen Sie die Ohren. So können Sie prüfen, ob es ein Irrenhaus ist oder nicht.

Wachsamkeit ist auch beim Einstellungsverfahren gefragt: Feine Signale – mein Buch bietet ein „Frühwarnsystem“ – können auf Irrsinn hinweisen: Wenn in der Anzeige kein Ansprechpartner genannt ist (wenig Kommunikation!), die Firma grundsätzlich per Headhunter sucht (Geheimniskrämerei!), die Kosten für Ihre Anreise nicht übernimmt (Geiz!), Sie auf Teufel komm raus zum „nächstmöglichen Zeitpunkt“ anfangen sollen (Chaos!) und Ihnen auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch nur hängende Mundwinkel begegnen (schlechte Stimmung!): Dann kann die Abteilung, die Sie anheuern will, durchaus eine „geschlossene“ sein!

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