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US-Bankensektor im Umbruch Lehman Brothers muss Konkurs beantragen

Den globalen Finanzmärkten steht am diesem Montag voraussichtlich ein turbulenter Tag bevor. Während die angeschlagene, viertgrößte US-Investmentbank Lehman Brothers trotz intensiver Rettungsbemühungen vor der Insolvenz steht, rettet sich die Nummer 3 der Branche, Merrill Lynch, in die Arme der Bank of America (BoA). Zugleich deutet alles darauf hin, dass der weltgrößte Versicherer AIG sich von Beteiligungen trennen will, um mit frischem Geld der Krise zu entgehen.

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Quelle: handelsblatt.com

fgh/HB NEW YORK/FRANKFURT. Der weltweit bekannte, auf Bonds spezialisierte Fondsmanager Bill Gross warnte, ein Kollaps von Lehman könne - wegen des nötigen Abverkaufs komplexer Derivate - "sofort einen Tsunami" an den Finanzmärkten auslösen. Die Aktie brach in Frankfurt zum Handelsstart um fast 90 Prozent ein.

Mit diesem Schreckensszenario vor Augen dürfte die Risikoaversion der Investoren zunächst deutlich zulegen, was zu kräftigen Verlusten bei Aktien, und zu Gewinnen bei Gold und Anleihen führen dürfte, wurde im vorbörslichen Handel am Montag erwartet. In Australien gaben die Aktienindex in Reaktion auf die Entwicklung leicht nach. Die Terminkontrakte auf die großen US-Aktienindizes deuteten auf deutliche Kursverluste zu Börseneröffnung hin, der S&P-500-Future notiert um 7.32 Uhr MESZ mit einem Abschlag von 3,3 Prozent.

Der Euro gewann deutlich gegenüber dem Dollar und notierte bei etwas über 1,43 Dollar. Die Märkte in Japan und China bleiben heute wegen eines Feiertags geschlossen.

Bis zum späten Sonntagabend US-Zeit konnten sich Vertreter von Politik und Wall-Street-Banken, die seit Freitag über eine Rettung für Lehman Brothers beraten hatten, nicht einigen. Der Knackpunkt: Die US-Regierung, vertreten durch Finanzminister Henry Paulson, wollte nicht erneut Steuermilliarden zu Übernahme der Risiken zur Verfügung stellen. Noch im März hatte die US-Notenbank 29 Mrd. Dollar für eine Abschirmung der Risiken beim Notverkauf der ebenfalls angeschlagenen Nr. 5 der Branche, Bear Sterns, an JP Morgan locker gemacht.

Nachdem die Regierung vor einer Woche zudem die Immobilienfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae verstaatlicht und damit vor dem Zusammenbruch bewahrt hatte, wuchs in der Politik der Widerstand gegen eine erneute Rettung einer privaten Bank auf Kosten des Steuerzahlers.

Die britische Barclays Bank hatte am Nachmittag offiziell ihr Interesse an Lehman zurückgezogen, weil ihr eine so kurzfristige Übernahme ohne staatliche Rückendeckung zu risikoreich erschien. Kurz nach dem Rückzug von Barclays wurden Verhandlungen zwischen BoA und Merrill Lynch bekannt. Am Abend meldete das "Wall Street Journal" unter Berufung auf Finanzkreise, BoA biete 44 Mrd. Dollar oder 29 Dollar je Aktie für den Lehman-Konkurrenten Merrill Lynch. Das wäre ein Aufschlag auf den letzten Aktienkurs der Merrill Lynch bei 17,05 Dollar von 70 Prozent. BoA, die in der Krise bereits den angeschlagenen Immobilienfinanzierer Countrywide aufgefangen hatte, würde sich dadurch erstmals ein Investmentbanking von nennenswerter Größe zulegen. Merrill bekäme Zugang zu offenbar dringend benötigten Kapital. Beide Banken wollten den Bericht nicht kommentieren.

Am Sonntagabend sah es so aus, dass von den ehemals fünf unabhängigen Investmentbanken der Wall Street nur die zwei größten übrig bleiben: Morgan Stanley und Goldman Sachs.

In Vorbereitung einer Lehman-Insolvenz hatten Derivatehändler weltweit bereits am Sonntagnachmittag mit einem außerordenlichten Handel von so genannte "Credit Default Swaps" begonnen. Mit diesen komplexen, außerbörslich gehandelten Papieren kann man sich eigentlich gegen den Ausfall einer Bank absichern. Bislang gab es aber noch nie den Ausfall einer so großen Adresse, so dass Experten massive Marktverwerfungen befürchten, sollten CDS-Kontrakte im Zusammenhang mit Lehman abrupt bei Öffnung der Märkte am diesen Montag abgewickelt werden. In Finanzkreisen hieß es, die US-Notenbank habe den Sonntagshandel angeregt. Tatsächlich sollen alle am Sonntag abgeschlossenen Geschäfte nur gültig sein, wenn Lehman tatsächlich Insolvenz beantragt.

Lehman Brothers beantragt Gläubigerschutz nach US-Insolvenzrecht

Am Montagmorgen war es dann soweit: Nach dem Scheitern aller Verkaufsbemühungen stellte sich Lehman Brothers unter Gläubigerschutz nach Kapitel 11 des US-Insolvenzrechtes. Die US-Investmentbank teilte mit, beim Insolvenzgericht des südlichen Distriktes von New York werde Gläubigerschutz für die Lehman Brothers Holdings Inc beantragt. Laut dem Insolvenzgericht saß Lehman Brothers auf einem Schuldenberg von 613 Mrd. Dollar.

Die Broker-Dealer-Tochtergesellschaften oder andere zum Konzern gehörigen Gesellschaften seien von dem Antrag nicht betroffen. Die Kunden von Lehman Brothers und ihrer hundertprozentigen Tochter Neuberger Berman können weiter handeln und auf ihre Konten zugreifen.

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