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Zertifikate Stolperfallen bei Zertifikatekursen

Den Preis von Zertifikaten bestimmen deren Emittenten. Welche Probleme das Anlegern bereiten kann, worauf sie achten sollten.

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Zertifikate-Emittenten Quelle: Martin Haake

Wenn Euwax-Händler Reiner Pfeff bei Störungen zum guten alten Telefonhörer greift und bei der Bank den Kurs erfragt, muss er eine Regel beachten: Er darf zunächst nicht erwähnen, ob er kaufen oder verkaufen will. „Sonst könnte der Emittent den Preis beeinflussen“, erklärt der Senior-Händler. Denn bei Zertifikaten und Optionsscheinen, die er an der Stuttgarter Börse handelt, bestimmen nicht Angebot und Nachfrage den Kurs, wie dies bei Aktien der Fall ist, sondern die Emittenten der Papiere. Das führte nach der Lehman-Pleite im Herbst 2008 bis in den März dieses Jahres hinein zu massiven Problemen, die sich jederzeit wiederholen könnten – immer dann, wenn Banken bei heftigen Schwankungen nicht schnell genug Kurse berechnen können.

Für Anleger wird es teurer

Dass die Herausgeber von Zertifikaten (Emittenten) selbst als eine Art Kursmakler (Market Maker) auftreten, hat vor allem einen Grund: Mit 380 000 verschiedenen Zertifikaten ist die Masse an derivativen Produkten in Deutschland zu groß für den klassischen Handel. Viele Papiere werden gar nicht gehandelt. „Lediglich bei 15 Prozent aller Produkte findet überhaupt jemals eine Transaktion statt“, sagt Thomas Kolb vom Handelsplatz -Scoach in Frankfurt. „Alle anderen liegen im Regal, können aber jederzeit herausgezogen werden.“ In diesem Fall muss der Market Maker einen Kurs stellen.

Für Anleger spielen die Umsätze der Zertifikate also viel weniger eine Rolle als der Handel mit den zugrunde gelegten Basiswerten wie etwa Aktien und Indizes. Auf deren Handelbarkeit muss der Zertifikateanleger sehr wohl achten. „Ist der Basiswert illiquide, dann ist das handelbare Volumen geringer und die Spanne zwischen Ankaufs- und Verkaufskurs des Zertifikats automatisch breiter“, sagt Kolb.

Für den Anleger wird es dann also teurer. Das kommt generell außerhalb der Handelszeiten vor, etwa nach 17.30 Uhr, wenn in Frankfurt nicht mehr per Xetra-System gehandelt wird, auf dem die meisten Aktien umgesetzt werden, oder – bei nur in den USA gelisteten Werten – vor Börseneröffnung an Wall Street. Zu diesen Zeiten können sich die Emittenten nur schlecht mit Gegengeschäften absichern. Einen vernünftigen Kurs bei Zertifikaten erhalten Anleger während dieser Zeiten nicht.

Tabelle: Holpriger Zertifikatehandel

Einige Zertifikateanbieter gehen einen anderen Weg. Die DZ Bank zum Beispiel setzt bei allen Produkten, bei denen Rinder oder Schweinehälften eine Rolle spielen, montags den Handel aus – so lange, bis sich an der relevanten Börse in Chicago ein Referenzkurs gebildet hat. „Eine Alternative wäre, zulasten des Kunden die Kursspannen auszudehnen. Das wollen wir aber vermeiden“, erklärt DZ-Bank-Zertifikatespezialist Stefano Angioni. Generell gilt: Bei strukturierten Produkten mit einem exotischen Basiswert ist die An-/Verkaufsspanne (Geld/Briefspanne) höher als bei einfachen Zertifikaten.

Tabelle: Handelsspannen bei Zertifikaten

Nicht nur ein möglicherweise illiquider Basiswert kann Zertifikatebesitzern die Rendite vermiesen. Schlimmer noch sind Unterbrechungen des Handels. Setzt der Market Maker keine Kurse, kann das für Investoren fatale Folgen haben. Entwickelt sich der Basiswert während der Unterbrechung in die falsche Richtung, können Anleger Verluste im Zertifikat oder Optionsschein nicht begrenzen. Im schlechtesten Fall droht dann der Totalverlust. Liegt der Anleger mit seinem Investment zwar richtig, kann aber ebenfalls nicht verkaufen, entgehen ihm Gewinne. „Der Anleger muss sich bewusst sein, dass es immer wieder temporäre Schwierigkeiten geben kann“, sagt Händler Pfeff.

Gründe können technische Probleme sein, die nicht zwingend aufseiten der Emittenten liegen müssen, etwa wenn diese keine Daten für ihre Berechnungen geliefert bekommen. Aber auch ein Basiswert, dessen Kurs sehr stark schwankt oder sich gerade nicht absichern lässt, sorgt für verzögerte Berechnungen der Kurse durch die Emittenten und Unterbrechungen im Handel. Im Lehman-Herbst war das besonders oft der Fall. Euwax und Scoach veröffentlichen diese Einschränkungen auf ihren Web-Seiten. Größter Störer ist demnach die Commerzbank, bei der Schweizer UBS mussten Anleger am häufigsten auf eine schnelle Ausführung ihrer Order warten.

Ärgerliches Schneckentempo

Ein Auftrag, der im Schneckentempo umgesetzt wird, ist besonders bei riskanten Wetten ärgerlich. Während es bei Produkten, die sich eins zu eins auf einen Index oder Rohstoff beziehen, meist nicht auf Sekunden ankommt, können Verzögerungen bei Produkten, die mit einem mehrfachen Faktor auf die Entwicklung eines Basiswertes setzen, große Auswirkungen haben.

Steigt der Ölpreis etwa schnell um zwei Prozent und wollen Anleger darauf mit einem fünffachen Faktor wetten, kostet sie eine Zeitverzögerung zehn Prozent Gewinn. Deshalb versuchen Emittenten und Börsen alle Aufträge binnen 30 Sekunden auszuführen, was in 98 Prozent aller Fälle gelingt. In weniger als zehn Sekunden schaffen sie immerhin 80 Prozent aller Orders.

Investoren achten verstärkt auf diese Qualität. „Der Markt hat sich zu einem Markt für täglich mehrfach handelnde Anleger entwickelt“, sagt Scoach-Experte Kolb. „Und für diese sogenannten Daytrader ist die Ausführungsgeschwindigkeit besonders wichtig.“

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