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Zertifikatehandel Wenn der Zertifikatehandel stockt

Warum Zertifikatebanken immer mal wieder den Handel unterbrechen, was das für den Zertifikatehandel an der Börse bedeutet und wie Anleger sich schützen können.

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Zertifikate

Wenn es an der Börse hektisch zugeht, läuten die Telefone bei der Frankfurter Handelsüberwachung Sturm. Gut 50 Privatanleger täglich rufen im Schnitt bei der von der Börse eingerichteten Überwachungsstelle an, wenn die Märkte stark schwanken, können es auch doppelt so viele werden.

Einer der häufigsten Beschwerdegründe: Aufträge werden gar nicht oder zu einem anderen Preis ausgeführt, als von den Anrufern erwartet. Die meisten fühlen sich über den Tisch gezogen. „Zum Teil entstehen Probleme einfach deshalb, weil diverse Banken Privatanlegern Kurse mit einer Viertelstunde Zeitverzögerung weitergeben“, sagt Michael Zollweg, Leiter der Überwachungsstelle. Binnen 15 Minuten kann sich der Kurs einer Aktie oder eines Zertifikats längst geändert haben.

Oft gibt es bei Zertifikaten aber auch gar keinen aktuellen Kurs. „Dann liegt möglicherweise eine Handelsstörung vor“, sagt Zollweg. Kann die Emissionsbank ihre Zertifikate zum Beispiel nicht mehr über Gegengeschäfte absichern, stoppt sie den Handel. Börsenmakler an den Zertifikatebörsen Scoach (Frankfurt) und Euwax (Stuttgart) hängen nahezu komplett von der Bank ab. Was sie Anlegern verkaufen, müssen sie sich bei der Bank besorgen; was sie kaufen, reichen sie an die Bank weiter. Unterbricht die Bank den Handel, ist auch an den Börsen totale Funkstille.

„Eine Unterbrechung ist vollkommen legitim, solange der Emittent berechtigte Gründe hat“, sagt Zollweg. Emittenten setzen den Handel immer dann aus, wenn der einem Zertifikat zugrunde liegende Basiswert, zum Beispiel eine Aktie, ein Index oder ein Rohstoff, illiquide ist, das heißt kaum oder gar nicht gehandelt wird, oder wenn er sehr stark schwankt.

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    Alternativ können die Emittenten die Spanne zwischen An- und Verkaufspreis, im Fachjargon Geld/Briefspanne, so stark erhöhen oder das handelbare Volumen reduzieren, dass eine Transaktion keinen Sinn mehr macht.

    Zu Hauptzeiten handeln

    Für die meisten europäischen Produkte können sich Banken am besten zu den Börsenöffnungszeiten absichern. Nach 17.30 Uhr und morgens vor 9 Uhr sind die Spannen zwischen An- und Verkaufspreis oft hoch, häufig gibt es gar keinen Kurs. Bei Zertifikaten, denen US-Werte zugrunde liegen, empfiehlt es sich nachmittags und abends deutscher Zeit zu handeln.

    Für Exoten gelten Sonderregeln. Wer ein Zertifikat kaufen oder verkaufen will, dem die Preisentwicklung für Lebendrind zugrunde liegt, der muss sich bei der DZ Bank immer montags bis 16.05 Uhr mitteleuropäischer Zeit gedulden. „Wir warten, bis sich ein Referenzkurs an der Chicagoer Terminbörse gebildet hat“, sagt der Zertifikatespezialist der Bank, Stefano Angioni. Erst dann kann ein Händler der Bank Rinder-Kontrakte kaufen oder verkaufen.

    Die Bank wettet bei Zertifikaten in der Regel nicht gegen den Anleger, sondern will neutral bleiben. Das bedeutet, sie muss sich gegen das Risiko absichern, dass der Anleger seine Wette gewinnt und ausgezahlt werden muss. Wenn das Risiko steigt, wird die Absicherung schrittweise nachgezogen. „Die Bank verdient nur an der Geld/Briefspanne und an einer intelligenten Risikosteuerung der Handelsabteilung“, sagt Angioni.

    Bei riskanten Hebelprodukten, die um ein Vielfaches stärker schwanken als der Basiswert, sollten Anleger unbedingt einen Puffer mit einrechnen. Solche Papiere verfallen wertlos, wenn der Basiswert, also zum Beispiel eine Aktie, bestimmte Barrieren reißt. Sonst droht Folgendes: Die Aktie bewegt sich stark, die Bank unterbricht den Handel des Zertifikats, sodass der Anleger nicht verkaufen kann. Wenn die Aktie dann in der Zwischenzeit die Barriere reißt, erleidet der Anleger einen Totalverlust. Selbst wenn die Aktie sich später wieder erholt, hat er nichts davon.

    Achtung bei Nähe zur Barriere

    Daumenregel: Zertifikate auf Einzelaktien, deren Basiswert (die Aktie) näher als 30 Prozent an einer Barriere oder Knock-out-Schwelle notiert, sind brandgefährlich. Denn Überraschungen an der Börse sorgen schnell mal für einen Aussetzer.

    Als etwa Hewlett-Packard-Chef Mark Hurd im August zurücktreten musste, setzte die Commerzbank ihre Produkte auf die Aktie des Hardwareproduzenten bis zum Handelsstart der Aktie in den USA aus. Die Aktie wird zwar auch an anderen Börsen gehandelt, doch ist der Markt dort angeblich nicht liquide genug.

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      Mitte September überraschte die Citigroup die Anleger, die McDonald’s-Papiere gekauft hatten. Als die Fast-Food-Kette deutlich gesteigerte Filialumsätze verkündete, setzte Citi den Handel mit ihren Produkten auf McDonald’s aus.

      Der Handel mit Zertifikaten auf Weizen, Sojabohnen, Zucker, Kaffee wiederum pausierte bei der Commerzbank Anfang September wegen des US-Feiertags Labour Day. Pro Jahr kommen so schnell mal 100 Handelsaussetzer je Emittent zusammen.

      Am häufigsten schaltete an der Euwax die Commerzbank ab; setzt man die Handelsunterbrechungen ins Verhältnis zur Zahl der ausgegebenen Zertifikate, hat die österreichische Erste Group Bank am häufigsten ihre Systeme abgeschaltet (siehe Tabelle links). Anleger können über ihre Bank auch direkt mit den Zertifikate-emittenten handeln. Der Börsenhandel dauert zwar in der Regel ein paar Sekunden länger, hat aber auch Vorteile: Wenn der Direkthandel stockt, kann es manchmal Wunder wirken, wenn ein offizieller Makler beim Emittenten anruft. Makler bemühen sich auch, um an Aufträge zu kommen, Anlegern bessere Preise zu bieten als die Emissionsbank. Der Weg über die Börse empfiehlt sich zudem bei größeren Aufträgen ab etwa 100 000 Euro, damit es zu einer besseren Absprache der Marktteilnehmer kommen kann.

      Handelsstörungen sind auf den WebSeiten von Scoach und Euwax einzusehen. Ein weiteres Hilfsmittel ist der V-Dax. Notiert der Index, der die Kursschwankungen der deutschen Standardaktien misst, über 30, ist Vorsicht geboten. Aktuell steht er bei rund 20.

      Ärgerliche Verzögerung

      Für Verluste oder entgangene Gewinne sorgt ebenso eine langsame Ausführung einer Order. Eine Minute kann zur halben Ewigkeit werden, wenn Kurse abschmieren und der Anleger darauf wartet, dass er sein Zertifikat endlich los wird.

      An den Derivatebörsen gilt die Grundregel, dass alle Orders innerhalb von 30 Sekunden ausgeführt sein sollen. Bei zwei bis drei Prozent aller Aufträge klappt das nicht. Laut offiziellen Daten werden an der Euwax 84 Prozent der Aufträge innerhalb von zehn Sekunden ausgeführt, 58 Prozent der Orders sogar innerhalb von drei Sekunden.

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        Werte für jeden einzelnen Emittenten suchen Anleger jedoch vergebens, die Banken veröffentlichen sie seit diesem Jahr nicht mehr. Eine der wenigen Ausnahmen ist die französische BNP Paribas. Sie schneidet bei der Ausführungsgeschwindigkeit überdurchschnittlich gut ab und hat ihre Zeiten veröffentlicht.

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