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Autopilot macht Tesla Probleme Elon Musks heiße Luft

Tesla-Chef Elon Musk verspricht viel und hält wenig. Gestört hat das bislang kaum. Doch nun klagen Tesla-Kunden, weil sie für ein Update bezahlt haben, das es nicht gibt. Verspielt der E-Auto-Pionier seinen guten Ruf?

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Der Tesla-CEO verspricht viel – hält aber nur wenig. Quelle: AP

Düsseldorf Ein Jahr ist es her, seit Tesla in einer hastig anberaumten Pressekonferenz Großes ankündigen wollte. Zumindest so groß, dass sich CEO Elon Musk persönlich Zeit nahm, die Fragen der Journalisten zu beantworten – ein seltenes Ereignis. Einen neuen Autopiloten werde Tesla seinen Kunden bieten, tönte Musk. Dafür werde jeder Wagen mit acht Kameras, zwölf Sensoren, einem Radarsystem und einen Supercomputer von Nvidia ausgestattet. „Wir haben den Grundstein für das autonome Fahren gelegt“, sagte Musk damals.

Jetzt müsste nur noch die Tests gut laufen und die Gesetzte geändert werden – dann stünde dem Roboterauto nichts mehr im Weg. Der US-Elektroautopionier brachte ein Software-Update für alle Tesla-Modelle mit dem großspurigen Namen „Full Self Driving“ auf den Markt – gegen einen Aufpreis von 8000 Dollar. Schon damals gab es skeptische Stimmen: Das Update sei ein „total überbewertetes Produkt“, lautete das Urteil eines Barclays-Analysten. Doch Tesla, so schien es, zeigte den etablierten Autoherstellern beim Thema autonomes Fahren die Rücklichter.

Was folgte, war nicht etwa die Revolution des Automobils, sondern eine beispiellose Serie von Pannen, Verzögerungen und Produktionsstopps, die in einem Mitarbeiteraufstand und Massenentlassungen gipfelten. Beim Thema autonomes Fahren ist Tesla dagegen nicht weiter gekommen – im Gegenteil: Der Chef von Teslas Autopilot-Sparte verließ im Januar das Unternehmen, seinen Nachfolger hielt es kaum sechs Monate auf dem Posten, bevor er entnervt aufgab.

Der personelle Notstand blieb nicht ohne Folgen: Selbst bei einem weniger ambitionierten Projekt – dem „verbesserten Autopiloten“ – hat Tesla keine Fortschritte gemacht. Mittlerweile klagen Tesla-Fahrer, die das 8000-Dollar-Update gekauft haben und sich nun betrogen fühlen. Sie werfen Tesla vor, ein Produkt verkauft zu haben, das es nicht gibt und das Auto in manchen Fällen sogar weniger sicher macht. Derzeit verhandeln die Firmenanwälte noch mit erbosten Kunden.

Als Tesla-Chef Musk im Januar gefragt wurde, wann sich das teure Selbstfahr-Update merklich von den im Tesla ohnehin verbauten Fahrassistenzsystemen unterscheidet, sagte Musk via Twitter: „Vielleicht in drei Monaten, definitiv in sechs Monaten“. Passiert ist bislang: nichts.

Den Ruf, den sich Tesla als Elektro-Pionier aufgebaut hat, droht die Marke mit dem Autopilot-Desaster zu verspielen. Die „Musk-Doktrin“ – Entwicklungen mit aller Macht voranzutreiben, ohne jemals die selbst gesteckten Ziele und Deadlines einzuhalten – hat lange funktioniert. Doch nun kommt sie an ihre Grenzen.

Ein weiteres Beispiel: das Mittelklasse-Auto Model 3. Für den 30.000-Dollar-Tesla sind bei den Kalifornier eine halbe Million Bestellungen eingegangen. Das Auto ist gilt als Überlebensgarant für Tesla, die bislang auf Jahressicht seit ihrem Börsengang im Jahr 2010 noch nie einen operativen Gewinn ausgewiesen haben.

Doch mit der Produktion des Model 3 kommt Tesla nicht hinterher: 260 Autos hat das Unternehmen im ersten Quartal 2017 gebaut – deutlich weniger als die von Musk versprochenen 1500 Autos. „Wir hängen hinterher“, musste Vertriebschef Jon McNeill kürzlich bei einem Kunden-Event in Amsterdam eingestehen. „Ich will keine Versprechungen machen. Aber ich glaube, sagen zu können, dass Sie in den kommenden Wochen und Monaten mit unseren Fortschritten zufrieden sein werden“, versuchte der Top-Manager erzürnte Tesla-Fahrer zu beschwichtigen.


Die Konkurrenz schläft nicht

Während Tesla versucht, die Versprechen seines Gründers irgendwie einzuhalten, schalten die etablierten Autohersteller auf Angriff: VW-Markenvorstand Herbert Diess sagte kürzlich der „Automobilwoche“: „Wir fokussieren uns im zukünftigen Wettbewerb sehr stark auf Tesla.“

Ob VW, Daimler, Volvo, General Motors oder Nissan-Renault: Sie alle bringen 2018 Autos auf den Markt, die den Tesla-Modellen bei Reichweite und Fahrassistenzsystemen in nichts nachstehen. „Tesla hatte einen frühen Start“, sagt Bloomberg-Analyst Salim Morsy. „Aber derzeit wird viel Geld in die Entwicklung autonomer Elektroautos gepumpt.“ Die neuen Modelle von VW, Volvo oder Daimler dürften Tesla hart treffen, erwartet Morsy.

Als wäre all das noch nicht genug, leistete sich Tesla noch eine öffentliche Schlammschlacht mit dem Technologie-Partner Mobileye. Der israelische Spezialist für Fahrassistenzsysteme, der mittlerweile zu Intel gehört, lieferte die Technik für Teslas ersten Autopiloten. Doch nach einem Crash, bei dem ein Tesla-Fahrer starb, begannen die gegenseitigen Schuldzuweisungen. Musk warf dem Autozulieferer vor, die Bemühungen Teslas zu blockieren, selbst einen Autopiloten zu entwickeln. Mobileye beendete daraufhin die Zusammenarbeit mit dem streitbaren Manager – und kritisierte, der habe Informationen zu Sicherheitsrisiken beim Fahren mit Autopilot ohne Hände am Lenkrad ignoriert.

Vom abrupten Ende der Partnerschaft mit Mobileye hat sich Tesla bis heute nicht erholt: Der selbst entwickelte Autopilot 2 gilt vielen als schlechter und unsicherer als die erste Version. „Es gab einen kleinen Einbruch wegen des schnellen Übergangs, weg von Mobileye“, räumte Musk im Juni vor Aktionären ein. „Wir mussten innerhalb von sechs Monaten die gesamte Technik nachbauen, die Mobileye geliefert hat.“

Die Entwicklungsprobleme hielten Tesla jedoch nicht davon ab, die Updates zum verbesserten Autopiloten schon vorab zu verkaufen und mit einem aufwendig produzierten Video zu vermarkten: „Mein Gefühl ist, dass das Video ein großer Betrug ist“, sagt Tom Milone, ein Tesla-Kunde der nun gegen den Autobauer klagt. „Sie verkaufen nach wie vor eine Update, von dem sie nach wie vor nicht wissen, wann es kommt.“ Welche Probleme Tesla mit seinem Autopiloten hat, wird in der Klageschrift deutlich: „Viele Besitzer berichten, dass der Autopilot unbenutzbar und gefährlich ist“, heißt es darin. Das 8000 Dollar teure Selbstfahr-Update sei „Vaporware“ – zu Deutsch: Software aus heißer Luft.

Während bei Tesla weiter die Scherben der zu Bruch gegangenen Mobileye-Partnerschaft zusammengekehrt werden, macht die Konkurrenz Tempo beim autonomen Fahren: So bringt General Motors 2018 einen Cadillac auf den Markt, bei dem der Fahrer auf der Autobahn die Hände vom Lenkrad nehmen kann. GM könne deutlich früher als die Konkurrenz vollständig selbstfahrende Autos ausliefern, glauben Analysten. Und auch die Wall Street ist begeistert: Die Aktien von GM haben in den vergangenen Wochen um 25 Prozent zugelegt.

Aussagen wie jene von VW-Manager Diess bestätigen: Tesla ist nach wie vor ein Pionier in der Mobilität von morgen. Doch damit Tesla diese Position halten kann, muss CEO Musk endlich damit beginnen, die selbstgesteckten Ziele zu erfüllen.

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