Bahn-Hauptversammlung Dobrindt macht Grube klare Ansagen

Die Hauptversammlung der Bahn ist eine angenehme Veranstaltung – normalerweise. In diesem Jahr aber wurde es für das Management unter Führung von Rüdiger Grube ungemütlich – es setzte klare Worte vom Minister.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (links) richtete klare Worte an Bahnchef Rüdiger Grube. Quelle: dpa

Wie harmonisch war das noch vor wenigen Jahren. Peter Ramsauer, damals Verkehrsminister, war in bester Stimmung: „Die Bilanz ist gut, die Bilanz ist sehr gut“, frohlockte der CSU-Politiker noch 2012 im 21. Stockwerk des Bahntowers. Die Berliner Zentrale des größten Staatsunternehmens Deutsche Bahn war gerade Schauplatz einer der kürzesten Hauptversammlungen der Republik. Keine halbe Stunde dauerte der Termin. Die Stimmung: bestens.

Vier Jahre später sieht die Bahnwelt ganz anders aus. Die Frühlingssonne kämpft sich nur mühsam durch den Dunst der Großstadt, passend zur Atmosphäre im Sitzungsaal. Ernste Mienen. Erst beim abschließenden Fotoshooting lächelt Bahnchef Rüdiger Grube. Ramsauers Nachfolger Alexander Dobrindt (CSU) trat vor die Kameras, als gelte es, eine Katastrophe zu verkünden.

Dabei ist die längst bekannt. Die Deutsche Bahn kämpft gegen Unpünktlichkeit, Verspätungen, schlechtes Image, produziert 1,3 Milliarden Verlust. Die Worte des Ministers sind klar: „Das entspricht nicht den Erwartungen, die wir als Eigentümer haben.“ Und, ohne den Blick auf dem links nehmen ihm stehenden Vorstandsvorsitzenden zu richten: „Das darf keine Fortsetzung haben.“

Wo Kunden zufrieden sind – und wo nicht
Pünktlichkeit: Jeder fünfte ICE kam 2015 mindestens sechs Minuten zu spät an. Die Leistungen entsprechen nicht annähernd den Zielen der Deutschen Bahn. Sie will in diesem Jahr eine Pünktlichkeitsquote von 80 Prozent erreichen, langfristig sogar auf 85 Prozent hoch kommen. Die Tendenz 2016 bleibt jedoch weiter schwach. Im Januar lag die Pünktlichkeitsquote bei 77 Prozent. Quelle: AP
Preise: Die Zeiten der jährlichen Preiserhöhung wegen „gestiegener Energie- und Personalkosten“ sind vorbei. Zumindest im Fernverkehr blieben die Preise seit zwei Jahren stabil - den Fernbussen sei Dank. 19-Euro-Sparpreise locken inzwischen selbst Schüler und Studenten. Die neue Devise des Vorstands: lieber volle Züge statt leerer Kassen. Preislich ist die Bahn inzwischen wettbewerbsfähig. Quelle: dpa
ICE-Restaurant: Leider ist die Küche zu oft kaputt. Mal bleiben die Getränke warm oder der Kaffee kalt. Mitunter fehlen die angepriesenen Snacks wegen schlechter Logistik. Dennoch: Wenn es läuft, dann ist ein Sitz im ICE-Restaurant der schönste Platz im Zug – gerne auch bei einem der guten Weine. Urheber: Volker Emersleben // Deutsche Bahn AG
WLAN: In der zweiten Klasse eines ICE ist WLAN noch immer nicht kostenlos und in der ersten Klasse funktioniert der Download alles andere als einwandfrei. Als 2010 zahlreiche ICE grundsaniert wurden, verzichtete das Unternehmen sogar auf den Einbau der WLAN-Technik. So viel Behäbigkeit wird nun bestraft. Die Fernbusse machen der Bahn in Sachen WLAN was vor. Erst Ende 2016 soll es auch im ICE besser werden. Viel zu spät. Quelle: dpa
Information: Schon mal in Bielefeld am Bahnhof gewesen? Seit Jahren fallen die Anzeigentafeln immer wieder aus. Bielefeld gibt es leider auch anderswo. Und wenn die Anzeigen am Bahnsteig funktionieren, dann korrespondieren sie oft nicht mit den Informationen der Bahn-Apps. In den Zügen sollte die Bahn mal ihre Durchsagen auf Relevanz überprüfen. Immerhin am Bahnsteig soll es bald Entwirrung geben. Die Bahn will Multi-Zug-Anzeigen einsetzen: mit drei Zügen auf dem Display. Das klingt gut. 40 von insgesamt 120 Fernbahnhöfen sind bereits umgerüstet. Quelle: dpa
Apps: Nicht jede Frage an @DB_Bahn beantwortet das Twitter-Team zwar zu voller Zufriedenheit. Dennoch zeigen die Twitterer der Deutschen Bahn, wie schnell und effektiv ein Konzern mit seinen Kunden kommunizieren kann. Eine starke Leistung. Auch der DB Navigator bietet echten Mehrwert. Die Deutsche Bahn beweist mit ihren Apps, dass auch traditionelle Konzerne digitale Maßstände setzen können.   Quelle: dpa
Lounges: Ein großzügiger Service für Vielfahrer: kostenloser Kaffee, Tee, Wasser und Softdrinks. In der ersten Klasse erhalten Fahrgäste auch Bier, Wein und Snacks. Leider ist die zweite Klasse oft zu voll. Die Deutsche Bahn prüft den Aufbau zusätzlicher Lounges in ein bis zwei Städten. Quelle: dpa

Das saß. Dobrindt, sonst Meister im Formulieren gedrechselter Sätze, drückt sich für seine Verhältnisse ungewöhnlich deutlich aus. Die Ansage auf der zuvor beendeten Hauptversammlung der Bahn an den Vorstand war offensichtlich eindeutig. Eine Wiederholung darf es nicht geben. Jetzt platziert der Minister seine Botschaft noch einmal ungefragt der Öffentlichkeit, assistiert von Grube und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Utz-Hellmuth Felcht. Dieser Pressetermin war ohnehin Dobrindts Wunsch. Der CSU-Politiker wollte ein paar Dinge zurechtrücken.

Normalerweise tagt die Hauptversammlung der Bahn im Stillen. Es nehmen nicht einmal alle Aufsichtsräte daran teil. Warum auch? Es ist ja auch nichts Spektakuläres zu erwarten. Der Minister als Repräsentant des Eigentümers legt seine 430 Millionen stimmberechtigten Aktien auf den Tisch und lässt das Jahr kurz Revue passieren. Dann die eine oder andere Regularie, vielleicht die Wahl eines neuen Aufsichtsrates, die Tagesordnung ist binnen kürzester Zeit abgehakt. Wer sollte auch Widerspruch einlegen und Gegenrede halten?

Den Ernst der aktuellen Lage dokumentiert aber die Verspätung des Trios. 22 Minuten mussten Journalisten auf Dobrindt, Grube und Felcht warten. Eine Zeitverzug der – gefühlt – dem typischen Muster im Fernverkehr der Deutschen Bahn entspricht. Dabei lag es natürlich an der Hauptversammlung, die sich diesmal länger hinzog als erwartet.

Fakten zum Personenverkehr der Deutschen Bahn

Bleibt noch die Vertrauensfrage: Rüdiger Grubes Vertrag endet am 31. Dezember 2017. Und schon jetzt wird spekuliert, ob der ehemalige Daimler-Manager länger machen darf. Auch, ob er überhaupt länger machen will. In diesem Punkt zumindest schaffte der 64-Jährige am Mittwoch Klarheit: „Ich bin noch nie hinter meinem Vertrag hergelaufen.“ Will heißen: Entweder dient mir der Minister eine Verlängerung an, oder ich verabschiede mich.

Doch der eigentlich Gefragte, Alexander Dobrindt, ließ sich nicht aufs Glatteis führen. Die Regierung stütze voll und ganz das Konzept „Zukunft Bahn“, mit dem Grube das Staatsunternehmen wieder flott machen will. Das sei der „richtige Weg“. Alle anderen Fragen würden zu ihrer Zeit beantwortet.

Immerhin: In der Kleiderordnung demonstrierte das Trio aus Vorstandsvorsitzendem, Aufsichtsratschef und Minister vollkommene Harmonie. „Mann“ trug blaue Krawatten. Blau steht übrigens für Treue. Die Wahl des Binders war übrigens nicht abgesprochen. Heißt es.

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