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Banksy Das Phantom mit Star-Status

Graffiti-Sprayer finden in der Öffentlichkeit selten Anerkennung, und als Kunst werden ihre Bilder, Nachrichten und Zeichnungen wohl in den wenigsten Fällen betrachtet. Auf einen trifft das jedoch nicht zu. Auf Banksy.

Meist regt Banksy mit seinen Werken zum Nachdenken an. Und er will die Botschaft nicht verstecken – er will sie zeigen. Quelle: Getty Images

LondonDie von ihm mit Hilfe von Schablonen, so genannten Stencils, angefertigten Graffitis werden rund um den Globus bewundert. Seit rund 30 Jahren tauchen Bilder, Szenerien oder Sprüche von Banksy auf, verzieren Brücken, Häuser oder Straßenecken in London, Hamburg oder New York – und regen die Menschen zum Nachdenken an.

Wie das Bild eines kleinen Mädchens, dessen herzförmiger, knallroter Luftballon gerade von ihm wegweht. 2002 tauchte das Graffiti am Londoner Themse-Ufer auf, vergangenes Jahr wurde das „Girl with Balloon“ zum beliebtesten Kunstwerk Großbritanniens ausgezeichnet, noch vor den idyllischen Landschaften etablierter Künstler wie John Constable aus dem 19. Jahrhundert.

Mittlerweile verziert das Motiv Postkarten und Kaffeetassen, Teenie-Star Justin Bieber hat es sich als Tattoo auf den Unterarm stechen lassen. Längst sind Banksys Werke nicht mehr Teil des Underground. Die Zeiten, in denen Hausbesitzer ihn verfluchen, sind vorbei: Wenn an der Fassade eines Gebäudes ein echter Banksy prangt, ist das für den Eigentümer wie ein Lottogewinn.
Banksy ist ein Phänomen. Und doch ein Phantom.

Trotz des Erfolgs ist nicht bekannt, wer Banksy ist. Ist es Robert Del Naja von der Musikband Massive Attack? Oder der unauffällige Grafikdesigner Robert Gunningham? Oder verbirgt sich hinter dem Namen Banksy eine Art Künstlerkollektiv? Sogar mit Hilfe von einer Computersoftware, die Bewegungsprofile mit persönlichen Daten wie der Anschrift oder dem Arbeitsplatz abgleicht und die zur Verfolgung von Straftätern und Terroristen eingesetzt wird, wurde schon versucht, Banksys Identität herauszufinden – aber ohne Erfolg.

Bei den seltenen öffentlichen Auftritten von Banksy verbirgt sich eine männliche Person hinter einer Papiertüte auf dem Kopf, Interviews führt Banksy schriftlich. Die Authentizität seiner Werke bestätigt ein Gremium – und auch das nur in seltenen Fällen. Viel weiß man daher nicht über Banksy, außer, dass er wohl aus der südenglischen Stadt Bristol stammt und Mitte 40 ist. In Zeiten, in denen derjenige ein Star wird, der möglichst viel von sich auf Instagram preisgibt, ist Banksy ein Exot. Das ist Teil seines Erfolgs, sagen einige. Doch das wird seiner Arbeit nicht gerecht.

Selbst wenn seine Kunst von Kunstkritikern als „platt“, „populistisch“ und „mit der künstlerischen Tiefe eines Tweets“ deklassiert wird: Wenn plötzlich irgendwo auf der Welt ein neuer Banksy auftaucht, sind die Menschen begeistert. Trotz, oder gerade wegen der klaren Botschaft, die hinter den Bildern steckt. Banksy ist nicht schön, sondern deutlich. Und das mit Absicht. „Kunst darf laut, derb und eindeutig sein“, ist Banksys Motto. Ihm ist es egal, ob seine Werke gut ankommen. „Funktioniert ein Werk für mich, kann man mir das nicht nehmen“, sagt er in einem seiner seltenen Interviews. „Etwas Populäres ist nicht gleich böse oder geistlos“.

Banksy verbindet in seinen Werken Realität mit Illusion, Schönes mit Hässlichem. Wie mit dem vermummten Demonstranten, der zum Wurf ausholt und in seiner Hand keinen Molotow-Cocktail hält, sondern einen Blumenstrauß. Oder dem aus „Les Misérables“ bekannten Mädchen, das Banksy eingehüllt hat in eine Wolke von Tränengas. Das Graffiti tauchte 2016 in London gegenüber von der französischen Botschaft auf, als Kritik an der Räumung des Flüchtlingslagers in Calais.

Banksy habe eine besondere Gabe, urteilte „The Time Magazine“ vor einigen Jahren, als es den Briten zu einem der einflussreichsten Künstler aller Zeiten kürte: Er mache soziale und politische Statements mit Humor. „Er ignoriert Grenzen nicht, er überschreitet sie, um ihre Bedeutungslosigkeit zu beweisen“.

Nicht alle Werke von Bansky sind sozialkritisch. Wie die zierliche Verzierung eines Kanaldeckels mit dem Schattenriss zweier Damen, wodurch der eiserne Bogen des Deckels an eine romantische Brücke in Venedig erinnert. Oder das Stencil eines sichtlich verlegenen Roboters, der beim Sprayen eines Barcodes ertappt wird.

Meist regt Banksy mit seinen Werken aber zum Nachdenken an. Und er will die Botschaft nicht verstecken – er will sie zeigen. „Wenn du in ein Museum gehst, bist du nichts andere als ein Tourist, der die Trophäen einiger Millionäre anstaunt“, hat Banksy in einem seiner seltenen Interviews einmal gesagt. Seine Werke dagegen sind Teil des Alltags. Wenn sie in Museen stehen, dann allenfalls, weil Banksy sie dort hineingeschmuggelt hat. Wie die vermeintliche Höhlenmalerei, die er im renommierten British Museum in London anbrachte. Sie zeigte einen Mann, der einen Einkaufswagen schiebt und war beschriftet mit der Bemerkung, dass sie von einem Künstler stamme, „der im Südosten Englands beträchtliche Kunstwerke erschaffen hat und unter dem Spitznamen „Banksymus Maximus“ bekannt sei.

Ein Großteil seiner Arbeit sei aber leider von „übereifrigen städtischen Mitarbeitern zerstört worden, die die Bedeutung seiner künstlerischen Arbeit an den Wänden nicht erkannt“ haben. Auch im British Museum ist der Banksy nicht mehr zu sehen. Was mit dem Stück passiert ist, ist nicht bekannt.

Vor fünf Jahren, als seine Graffiti schon für mehr als eine halbe Million Dollar an Kunstsammler wie den Milliardär Mark Getty, US-Schauspieler Brad Pitt oder Leonardo DiCaprio verkauft wurden, baute Banksy in New York einen kleinen Verkaufsstand auf. Für 60 Dollar konnte man signierte Drucke erstehen: Ein Elefant mit Rakete auf dem Rücken, eine Ratte mit Presselufthammer oder einem Demonstranten, der einen Blumenstrauß wirft. Dass die Käufer sie einen „echten Banksy“ erstanden, wussten sie nicht. Erst einen Tag nach der Aktion machte sie der Künstler öffentlich. Banksys Kunst ist populär – im wahrsten Sinne des Wortes.

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