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Blick hinter die Zahlen #17 – Pflege So groß ist das Pflege-Problem wirklich

Pfleger sind durch Corona binnen kürzester Zeit von unterbezahlten Wegputzern zu Helden aufgestiegen. An den tieferliegenden Problemen des Pflegesystems ändert das nichts: Es gibt zu wenige qualifizierte Pfleger.

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Plötzlich sind sie also Helden, all jene Pflegerinnen und Pfleger, die bislang vor allem dadurch auffielen, dass sie eben nicht auffielen. Selbst nach vielen Berufsjahren verdienen sie meist weniger als 3000 Euro brutto, dafür sind Nachtschichten und viel zu wenige Pfleger pro Pflegebedürftigem die Regel. Und auch wenn es jetzt abends von manchen großstädtischen Balkonen warmen Applaus regnet und bald wohl gar eine einmalige Sonderprämie, so wird der neuerworbene Heldenstatus am tieferen Problem der deutschen Pflege nichts ändern. Im Gegenteil.

Weil in Deutschland viel zu wenige Menschen Pfleger werden wollen, ist das System auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen. Die können wegen der Corona-Beschränkungen aber immer öfter nicht einreisen. Die Folge ist, dass die verbliebenen Pfleger vielerorts noch mehr Überstunden schieben und die familiäre Pflege noch stärker belastet ist als ohnehin schon. Das ist freilich vor allem anekdotische Evidenz, harte Statistiken gibt es über die Pflege in Zeiten von Corona leider bislang kaum.

Was es hingegen gibt, sind Statistiken aus der Zeit vor Corona – und schon die zeigen ein eher trübes Bild. So gab es 2017, dem bislang aktuellsten Jahr der Statistik, annähernd 14.500 Pflegeheime in Deutschland. Die meisten davon finden sich im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen, gefolgt vom zweitgrößten Bundesland Bayern. Dann vertauscht sich die Reihenfolge: Niedersachsen weist die drittmeisten Pflegeheime auf, gefolgt von Baden-Württemberg.

Anzahl der Pflegeheime nach Bundesländern zum Jahresende 2017

Die Zahl der Heime folgt dabei lose der Zahl der Pflegebedürftigen pro Bundesland, die ebenfalls in NRW mit Abstand am höchsten ist. Wie viele Pflegebedürftige rein statistisch auf ein Heim kommen, ist dennoch regional sehr unterschiedlich. Der bundesweite Schnitt liegt bei 64 Bewohnern pro Heim, ein Wert, der ungefähr auch der Realität in den großen Bundesländern entspricht.

Doch es gibt Ausschläge. So werden in Rheinland-Pfalz und dem Saarland 75 beziehungsweise 72 Bewohner pro Heim betreut, in Berlin 83 und in Hamburg sind es gar 89. Auf der anderen Seite stehen die neuen Bundesländer, die trotz ihrer vergleichsweise alten Bevölkerung jeweils auf weniger als 60 pflegebedürftige pro Heim kommen. Spitzenreiter ist Bremen mit 48 Bewohnern pro Einrichtung. Hier ist die – absolut gesehen immer noch überschaubare – Zahl der Heime in nur zwei Jahren um knapp die Hälfte gestiegen. Dabei handelt es sich vor allem um Teilzeitplätze.


Noch interessanter als die schiere Zahl der Heime pro Pflegebedürftigem ist freilich die vergleichbare Anzahl der Pfleger. Hier zeigt sich, dass die Hamburger Pflegeheime nicht besonders unterbesetzt sind, sondern lediglich besonders groß: 71 Angestellte arbeiten hier statistisch pro Heim, deutlich mehr als anderswo. Im Schnitt kommen so 0,8 Angestellte auf einen Pflegebedüftigen. Das entspricht genau dem bundesweiten Schnitt.

Ein Problem bleibt hierbei jedoch unbeachtet: Es ist ein Branche, in der besonders viele Angestellte in Teilzeit arbeiten. Das drückt den tatsächlichen Betreuungsschlüssel deutlich nach unten. Betrachtet man nur die Zahl der Vollzeitkräfte, so kommen im bundesweiten Schnitt nur noch 0,2 Angestellte auf einen Bewohner. Anders gesagt: Jede Vollzeitkraft kümmert sich um fünf Pflegebedürftige.

Am besten ist dieser Schnitt im Saarland mit einer Quote von 0,4. Hier gibt es indes auch neben Berlin die meisten Vollzeitkräfte.

Doch auch diese Zahlen zeigen nicht das ganze Bild: Die in der Statistik erfassten Beschäftigten in Pflegeheimen sind nämlich nicht nur Pflegekräfte, sondern etwa auch Verwaltungsangestellte oder Küchenpersonal. Die tatsächliche Zahl der Pfleger pro Pflegebedürftigem ist also noch deutlich geringer.

Eine Untersuchung der Universität Bremen hat kürzlich errechnet, dass 36 Prozent mehr Pflegekräfte benötigt würden, um die Bedürftigen adäquat zu versorgen. Dabei fehlt es vor allem an qualifiziertem Personal.


Immerhin: Trotz der vergleichsweise niedrigen Gehälter gibt es immer mehr Altenpfleger und Helfer in Deutschland. Verzeichnete die Bundesagentur für Arbeit (BA) 2014 noch 490.000 sozialversicherungspflichtig beschäftigte Altenpflegekräfte, so waren es 2018 bereits 583.000. Diese Zahlen kaschieren laut BA jedoch ein Problem: Viele der neuen Altenpfleger sind niedrig oder gar nicht qualifiziert. Bei Fachkräften herrscht hingegen weiterhin Mangel.

Die große Frage ist, wie die Demografie das Pflegeproblem künftig beeinflussen wird. So kam eine Prognose des Statistischen Bundesamtes vor einigen Jahren zu dem überraschenden Ergebnis, dass der Anteil der potenziell Pflegebedürftigen in den kommenden Jahren nicht zu-, sondern immer weiter abnehmen werde.

Anzahl der Pflegekräfte pro Pflegebedürftigen

Das Demografieportal des Bundes und der Länder kommt hingegen zu dem Schluss, dass die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2050 um weitere zwei Millionen Personen ansteigen werde.

Wie viele Pflegebedürftige es auch genau werden, klar ist: Es wird qualifizierte Pfleger brauchen. Höhere Gehälter dürften der Hauptanreiz sein, mehr Nachwuchskräfte in die Pflege zu locken – und nicht einmalige Sonderzahlungen und warmer Applaus.

Die Rubrik „Blick hinter die Zahlen“ entsteht mit Unterstützung des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Für die Inhalte der Beiträge ist ausschließlich die WirtschaftsWoche verantwortlich.

Logo des Statistischen Bundesamtes (Destatis)

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