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Blick hinter die Zahlen #21 – Lehrermangel Wie Corona den Lehrermangel verschärft

In der Coronakrise ächzten Deutschlands Schulen noch mehr als ohnehin schon unter dem Lehrermangel. Das liegt nicht nur an der Altersstruktur der Lehrerschaft.

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Das Schuljahr ist fast gelaufen, da beordert das Land NRW alle Grundschüler für die letzten zwei Wochen zurück in die Klassenzimmer. 30 Kinder pro Klasse, alle ohne Mundschutz. Nicht nur in dem bevölkerungsreichsten Bundesland, sondern überall in der Republik scheinen die Kultusminister der Länder es nun nach Wochen des Lockdowns eilig zu haben. Spätestens nach den Sommerferien, so das einhellige Mantra, sollen die Schulen wieder im Regelbetrieb laufen.

Doch wird das passieren?

Ganz klar: nein, sagt zumindest Andreas Bartsch, Präsident des NRW-Lehrerverbands. Schon allein deshalb, weil etwa 15 Prozent der Lehrkräfte nach ärztlicher Begutachtung im neuen Schuljahr nicht im Präsenzunterricht eingesetzt würden, prognostiziert er. Fast 26.000 Pädagogen würden demnach fehlen. Sie gehörten zur Risikogruppe, seien also alt oder litten unter Vorerkrankungen. Um einen erheblichen Unterrichtsausfall zu kompensieren, müsse das Land 20.000 Lehrer einstellen, fordert Bartsch. Der Status Quo ante aus einer Zeit vor der Pandemie, den Politiker und nervenstrapazierte Eltern herbeisehnen, liegt demnach in weiter Ferne.

Die Coronakrise verschärft ein Problem, das schon seit Jahren bekannt ist: Deutschland hat zu wenig Lehrer. Schon in Normalzeiten bringen Jahrhundertaufgaben wie Inklusion, Umgang mit Heterogenität und die Integration von Flüchtlingskindern Pädagogen an die Grenzen ihrer Kapazität. Jetzt, wo kleinere Lerngruppen und personell ausgedünnte Lehrerzimmer zum neuen Bild werden, werden die Defizite umso deutlicher.

Ein flüchtiger Blick auf die Zahlen könnte zu dem Trugschluss führen, beim Lehrermangel handele es sich um nichts als eine Mär einer mächtigen Bildungslobby: 685.000 Lehrer waren im Jahr 2018 im Dienst – etwa 70.000 mehr als noch 1992. Seit der Wiedervereinigung wächst die Zahl stetig. Doch nicht überall: In einigen ostdeutschen Bundesländern hat sich die Zahl der Lehrer verringert. In Thüringen und Sachsen-Anhalt zum Beispiel unterrichten heute deutlich weniger Pädagogen als noch zu Beginn der 1990er-Jahre.

Anzahl beschäftigter Lehrkräfte nach Jahr und Bundesland

Parallel zur vermeintlichen Lehrerschwemme in großen Teilen der Republik hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ein weiterer Trend verfestigt: Immer mehr Lehrer arbeiten in Teilzeit. Kaum ein anderer Beruf ermöglicht eine so gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Hatten zu Beginn der 1990er-Jahre noch 29 Prozent aller Pädagogen eine Teilzeitstelle, erhöhte sich ihr Anteil bis heute auf 39 Prozent. Die Rollenbilder jedoch haben sich seitdem kaum verändert: Noch immer sind es vor allem die Frauen, die ihre Stundenzahl kürzen.

In fast allen Bundesländern hat sich der Anteil teilzeitbeschäftigter Lehrkräfte signifikant erhöht – in Hessen und Berlin zum Beispiel um jeweils 100 Prozent. Einzig Brandenburg präsentiert sich als Gegenpol zum Teilzeittrend. Besonders dramatisch ist die Situation in Thüringen. Zusätzlich zum Lehrerrückgang um mehr als ein Drittel seit Beginn der 1990er-Jahre hat sich die Zahl vollzeitbeschäftigter Pädagogen seitdem halbiert.

Anzahl teilzeitbeschäftiger Lehrer nach Jahr und Geschlecht

Das Problem liegt auf der Hand: Der Boom der Halbtagsstellen torpediert die steigende Zahl beschäftigter Lehrer. Mehr Pädagogen bringen nichts, wenn der Trend zu einem deutlichen geminderten Stundenumfang geht.

Erschwerend hinzu kommt, dass die deutsche Lehrerschaft ein alternder Berufsstand ist. Nur rund 7 Prozent aller Pädagogen sind unter 30 Jahre alt. Dem gegenüber werden sich knapp 38 Prozent der Lehrkräfte in den nächsten zehn bis 15 Jahren in den Ruhestand verabschieden. Und wegen Corona dürfte zumindest kurz- und mittelfristig das Durchschnittalter in den Schulen rapide sinken, meiden doch Angehörige der Risikogruppe den Unterricht vor Ort.

Altersstruktur der Lehrer

Die Hoffnung ruht auf dem Aufstiegsdrang der jungen Generation. Deutschland akademisiert sich mit großen Schritten, knapp drei Millionen Studierende sind an deutschen Universitäten und Fachhochschulen eingeschrieben. Fürs Lehramtsstudium haben sich knapp acht Prozent von ihnen entschieden. Rund 30.000 Jungpädagogen haben im vergangenen Jahr ihr Referendariat begonnen, die praktische Phase der Lehrerausbildung. Währenddessen befinden sie sich selbst noch in einer Lernsituation, verantworten aber gleichzeitig eigenen Unterricht.

Fest steht: Sie werden dringend gebraucht – aber nicht überall. Schon heute gibt es ein deutliches Überangebot an Lehrern mit Unterrichtsbefähigung für die Sekundarstufe II. Bis 2030 wird sich das laut Kultusministerkonferenz (KMK) verschärfen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet in Zeiten des Lehrermangels die Jobsuche für ausgebildete Gymnasial- und Gesamtschullehrer auch künftig schwierig sein wird.

Kein Wunder, dass einige von ihnen an Grundschulen anheuern, um in den heiligen Bund der Verbeamtung einzutreten. Eine Möglichkeit, die von den Landesregierungen extra geschaffen wurde, um zumindest den akuten Bedarf an den Grundschulen zu decken. Denn dort klafft eine enorme Lücke, die sich anders nicht schließen lässt. Rund 15.000 Grundschullehrer fehlen bis 2025, moniert die KMK. Als erweckte diese Prognose nicht schon genug Pessimismus, bemängelte die Bertelsmann-Stiftung in einer Studie, dass diese Rechnung von einem viel zu geringen Bevölkerungsanstieg ausgeht. Bedingt durch eine höhere Geburtenrate und anhaltende Migration stiegen die Schülerzahlen nämlich stärker als angenommen. So stark, dass die Stiftung bis zur Mitte des Jahrzehnts von 26.000 vakanten Stellen im Primarbereich ausgeht. Erst gegen Ende der 2020er Jahre könnten sich Bedarf und Angebot an Lehrkräften allmählich annähern.

Unter- und Überangebot an Lehrernnach Schulformen 2019 und 2030

Noch schlimmer ist die Situation an Schulen der Sekundarstufe I – Realschulen und Sekundarschulen zum Beispiel. Dort fehlen mit Abstand die meisten Lehrer. Und auch wenn in den nächsten Jahren mehr Lehrkräfte für die Schulformen anheuern: Es wird nicht genügen, um den Bedarf zu decken. Noch gravierender sieht es an den Berufskollegs aus: Hier wird sich der Lehrermangel gar noch weiter verschärfen. Am Geld kann es nicht liegen, denn dort bekommen Beamte genau wie an den überlaufenen Gymnasien mindestens eine komfortable A13-Besoldung.

Und nicht nur der Osten leidet unter dem Lehrermangel. Insgesamt zeigt sich, dass gerade Städte mit schwierigem sozio-ökonomischen Bedingungen schon jetzt Besetzungsprobleme haben. Die Ruhrgebietsstadt Duisburg zum Beispiel konnte nur 35 Prozent der ausgeschriebenen Stellen besetzen. Und in einem Marktumfeld, in dem sich die Bewerber ihre Stellen nahezu frei aussuchen können, dürften solch geschundene Städte auf den Prioritätenlisten eher seltener auftauchen.

Schon lange versuchen die Bundesländer, das Problem mit pensionierten Lehrern und Seiteneinsteigern einzudämmen – mit mäßigem Erfolg. Und mit Corona dürften sich diese Notmaßnahmen nun weiter etablieren.

Die Rubrik „Blick hinter die Zahlen“ entsteht mit Unterstützung des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Für die Inhalte der Beiträge ist ausschließlich die WirtschaftsWoche verantwortlich.

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